Miau und hallo, meine zauberhaften Fans,
weiter geht`s mit dem Bericht über Springs und meinen Urlaub auf den Himmelsinseln (=> Teil 1). Ich werde mir eine lange Vorrede sparen und euch direkt wieder zu dem kleinen Bootssteg, auf dem ich mit Spring und Mino saß, mitnehmen, wo auch ich erstmals die Geschichte von Pat, dem Vorstandspanda, erfuhr. Das ist sicher in eurem Sinne.

„Also, hört zu“, meine Liebste ließ sich auf dem Steg nieder und klappte die Vorderpfoten unter sich, „Pat entstammt einem ganz besonderen Panda-Clan, der seit ewigen Zeiten die vier großen Tempelanlagen im „Land der Magischen Tempel“ (=> WW2; Artikel ergänzt) bewacht. Von denen habt ihr wahrscheinlich schon gehört, oder?“
Während Mino eifrig nickte und es sich im Schneidersitz vor Spring bequem machte, zog ich es vor, dazu lieber nichts zu sagen.
„In den Kellern einer dieser Tempelanlagen“, fuhr Spring, ebenfalls eine erstklassige Geschichtenerzählerin, fort, „soll einer von vielen Legenden nach eine Truhe mit den allergefährlichsten magischen Gegenständen der ganzen Magischen Welt versteckt sein. Sie gehörte einst einem Königstiger, einem der mächtigsten magischen Tiere, die je gelebt haben, und der über das Land der Magischen Tempel herrschte. Er war ein grausamer Tiger namens „Jaadu, der Gefürchtete“. Seine Herrschaft begann kurz nach dem Großen Magischen Krieg (=> WW1). Ja, die Aufteilung in Territorien damals hat auch einige Nachteile mit sich gebracht“, sie seufzte traurig, bevor sie die Geschichte fortsetzte:
„In einer der unzähligen Legenden, die sich um Jaadu ranken, heißt es, dass dieser kurz vor seinem Tod seine Schätze, die er durch Streifzüge in andere Regionen unserer Welt erbeutet hatte, in einem der Tempel im Keller versteckte. Die Pandabär*innen, die glühende Anhänger*innen und Handlanger*innen von Jaadu waren, bekamen den Auftrag, alle vier Tempel bis zum Ende der Zeit zu bewachen.“
„Oh, das ist lang“, murmelte Mino.
„Ja“, Spring lachte. „Aber angeblich hat Jaadu wirklich diese Formulierung benutzt. Doch lasst mich weitererzählen. Wie so viele Herrscher hatte Jaadu es versäumt, seine Nachfolge zu regeln. Er hatte weder Nachkommen gezeugt noch ein Tier benannt, was ihm folgen sollte. Vermutlich wähnte er sich unsterblich wie so viele Herrschenden. Das Einzige, was er noch regeln konnte, als seine Lebenskraft anfing, ihn zu verlassen, war das Verstecken seiner Heiligtümer. Dann starb er einen einsamen Tod und seine Schreckensherrschaft löste sich in Wohlgefallen auf.“
„Einfach so?“, fragte ich ungläubig.
„Ja, einfach so“, bestätigte Spring. „Die Großen Pandas hatten von Jaadu lediglich die Anweisung bekommen, alle vier Tempelanlagen zu bewachen und sein Andenken in Ehren zu halten. Keine*r von ihnen strebte danach, seinen Platz zu übernehmen. Auch die anderen dort lebenden magischen Tiere, vor allem Elefanten und Affen, zeigten keinerlei Interesse daran zu herrschen. Die wenigsten magischen Lebewesen wollen Macht, um andere zu unterdrücken, abgesehen von Ausnahmen wie Jaadu, den Unheilvollen und vielleicht noch den Trollen. Weißt du doch. Die Tiere in dieser Region fanden schnell zu einer friedlichen Koexistenz, die bis heute anhält.“
„Wir Gattopos sind auch friedlich“, ergänzte Mino, begeisternd nickend.
„Genau“, Spring sah den Kleinen liebevoll an und fuhr fort:

„Also, die Pandas schützen die Tempel noch immer unter Einsatz ihres Lebens. Und das, obwohl bis heute tatsächlich keins weiß, in welcher Anlage Jaadu die mysteriöse Truhe versteckt haben soll noch ob es diese Truhe überhaupt gibt. Einer anderen Legende nach soll Jaadu nämlich seine gesammelten magischen Gegenstände kurz vor seinem Tod verbrannt haben. Um diesen Tiger ranken sich so viele Mythen, dass nach all den Jahrtausenden kaum noch zu klären ist, welche Geschichten über ihn wahr sind und welche nicht. Dennoch bewachen die Pandas die Anlage. Es ist ihre einzige Lebensaufgabe, ja, sogar ihr Lebenssinn. Von Kindesbeinen an durchlaufen sie eine spezielle Kampfausbildung, um für den Fall der Fälle, dass eins versuchen sollte, in einen der Tempel einzudringen, gerüstet zu sein. Der letzte Einbruchsversuch eines Trolles liegt mittlerweile über 1000 Jahre zurück – und es ging nicht gut aus für ihn; angeblich haben ihn die Pandas in Kieselsteine zerlegt. (Ihr wisst noch, dass Trolle aus Steinen bestehen, oder?) Seit die Unheilvollen wieder auf den Plan getreten sind, denke ich ja, sicher ist sicher – falls es diese Truhe und die geheimnisvollen Gegenstände wirklich gibt, dann sollten sie Minna und ihrer Bande besser nicht in die Pfoten fallen.“
„In der Tat“, murmelte ich.
„Was ist jetzt mit Pat? Ist er ein Kämpfer geworden? Ich finde Kämpfe so grausam. Ich würde das nicht wollen“, ungeduldig sah Mino Spring an, die sogleich fortfuhr:
„Pat wollte das auch nicht. Er war anders als sein Clan. Von klein auf. Er mochte es, stundenlang eine Blume oder einen Schmetterling anzusehen, und träumte gern vor sich hin. Oft blieb er beim Lauftraining plötzlich stehen, weil ihm ein besonders schönes Blatt oder ein interessanter Stein auffiel oder er lauschte einfach dem Wind, während er sich im Nahkampf erproben sollte. Und er liebte es, wie du, Mino, alles zu lesen, was er auftreiben konnte“, sie lächelte das Gattopo-Kind an. „In den Bibliotheken der Tempelanlagen stehen allerdings vorwiegend uralte philosophische Werke, die ihn prägten. So begann er früh, alles zu hinterfragen, war immer auf der Suche nach dem Sinn hinter allem. Bis heute ist für ihn nichts eindeutig. Kein Problem eindimensional.“
Ich seufzte: „Oh, ja. In seiner Anwesenheit zu einer Entscheidung zu gelangen ist fast unmöglich.“
„Naja, unmöglich ist übertrieben. Aber es dauert, ja. Er ist klug, Merlin, wirklich. Und ich mag es, wie er alles von allen Seiten beleuchtet. Schnelle Entscheidungen oder eine einseitige Sicht auf Probleme führen meist nur kurzfristig zu einer Lösung. Guck dir an, was in Annas Welt passiert.“
Da ist was dran, miau.
„Nun, in seinem Clan stieß er mit all seinen Fähigkeiten und der Art, wie er ist, auf Ablehnung und Unverständnis. In der Welt dieser Pandas geht es nur um die Aufgabe, um Disziplin, um Kampftraining. Er wurde zum Außenseiter. Kein Panda nahm ihn ernst. In der Nacht vor seiner Prüfung verließ er die Tempelanlage. Das ist jetzt etwa 20 Jahre her. Ja, Pat ist noch recht jung“, fügte sie auf meinen erstaunten Blick hinzu.
„Die Wahrscheinlichkeit, dass er durch die Prüfung fallen würde, war groß, schaffte er doch noch immer keinen einzigen Klimmzug, war beim Sprinten stets der Langsamste und lag im Nahkampftraining in der Regel nach einer Sekunde unter seine*r Gegner*in. Fiel er durch, würde er für immer als Versager gelten und den Rest seines Lebens damit verbringen, die Treppen zu den Tempelanlagen zu fegen. Tag ein, Tag aus. Würde er wie durch ein Wunder die Prüfung doch bestehen, lag ebenfalls ein Leben vor ihm, das er nicht wollte: Wache schieben, um die Tempel patrouillieren und tägliches Kampftraining. Er wollte nicht kämpfen. Kampf ist für ihn die Wurzel allen Übels. Und er wusste, dass er dort niemals dazu gehören würde, egal wie die Prüfung ausging. Er würde auf ewig der Außenseiter bleiben, der anders war. Ja, das machte ihm immer mehr zu schaffen. Er war anders und er war unglücklich damit, sehnte sich in seinem Herzen nach einem Platz, wo er sein konnte, wie er war, ohne verspottet und drangsaliert zu werden.“
In die kurze Pause, die Spring an dieser Stelle machte, murmelte Mino betroffen: „Oh, armer Pat. Zu mir sind hier wenigstens trotzdem alle sehr lieb.“
„Das ist schön“, erneut bedachte Spring den Knirps mit einem warmen Lächeln; sie hatte ihn eindeutig sehr in ihr Herz geschlossen. „Also Pat machte sich auf, um die Magische Welt zu erkunden. Um den Ort zu suchen, an den er gehörte. Er war alles in allem, glaube ich, fünf Jahre unterwegs, reiste zunächst in das Land der Riesen und von dort aus weiter in alle Gegenden der Magischen Welt. Dabei lernte er viel über die Lebensweisen der verschiedenen magischen Wesen, ihre Ansichten und Vorstellungen. Was sie bewegt, was sie fühlen. Er genoss die Schönheit der verschiedenen Landschaften und besuchte die jeweiligen Bibliotheken. Nun, irgendwann erreichte er den Zauberwald. Obwohl ihm die Reise bisher gut gefallen hatte, fühlte er sich noch immer allein. An allen Orten war er als der Gast behandelt worden, der er war, zumeist freundlich, ja. Aber nie stellte sich der Wunsch zu bleiben ein. Nie fragte ein magisches Lebewesen, ob er bleiben wolle. Bis er schließlich den Zauberwald erreichte. Mascha war damals Vorstandsvorsitzende.“
Ah, jetzt wurde mir klar, warum ich so wenig über Pat wusste. Zu dem Zeitpunkt lebte ich schon bei Anna & Co und kehrte in den Zauberwald nur dann zurück, wenn es unbedingt sein musste.
„Nun, du kennst Mascha“, erzählte Spring mit einem Blick zu mir weiter, „sie nahm sich seiner sofort an, als er schüchtern vor ihr stand, um die Erlaubnis zu bekommen, eine Weile im Zauberwald bleiben zu dürfen, um uns zu studieren.“
Oh, ja. Mascha und ihr großes Herz. Wie vielen einsamen, verlorenen Tieren hatte sie in ihrem Leben wohl geholfen, einen Platz zu finden? Voller Rührung dachte ich daran zurück, wie ich sie kennengelernt hatte (=> 6. Die Bewährungsprobe). Sie war meine erste richtige Freundin geworden, abgesehen von Clementina (=> Schneesturm), aber zu der hatte ich ja lange Jahre keinen Kontakt, wie ihr wisst (=> 16.1). Genau wie Pat hatte Mascha auch mich vor so vielen Jahren quasi adoptiert.
Den Platz im Leben, in der jeweiligen Welt finden, die Frage nach Zugehörigkeit – darüber habe ich in einigen Geschichten indirekt bereits geschrieben (=> Zuhause; Angst - …; Schneesturm), denn es war nicht nur lange Zeit für mich ein Thema, sondern ist es nach wie vor für Anna & Co, wie sicherlich für viele traumatisierte Menschen mit oder ohne DIS.
Das Gefühl, nirgendwo richtig dazu zu gehören, immer anders zu sein, nicht in diese Welt zu passen, begleitet Anna & Co von Kindesbeinen an. Vermutlich ist das unvermeidbar, wenn eins ein so großes Geheimnis (die erlebte Gewalt) mit sich herumträgt. Nicht nur abgeschnitten und entfremdet von sich selbst, sondern ebenso von der Welt und den Menschen. Doch das Gefühl bleibt allzu oft ein Leben lang. Denn Trauma verändert. Eins selbst, aber auch den Blick auf das Leben, die Welt, die anderen. Auf Beziehungen und ihre Dynamiken. Allzu oft muss Anna in Freund*innenschaften bis heute Teile von sich außen vor lassen.
„Nie ganz. Nie wirklich“, sagt Sarah immer, wenn es um das Thema geht.
Ja, miau.
Nie ganz, nie wirklich.
Das habe auch ich lange so erlebt.
Ich glaube, es ist ein wahres Kunststück, ebenjene Nischen zu finden, in denen eins voll und ganz angenommen wird, sein kann und sich zugehörig fühlt. Wie so vieles im Leben von Traumatisierten ist es möglich und doch harte Arbeit. So richtig hat Anna ihren Platz noch immer nicht gefunden, denke ich. Vermutlich gäbe es zu dem Thema noch so viel mehr zu schreiben, doch wenden wir uns wieder der Geschichte zu:

Spring hatte gewartet, bis ich aus meinen Gedanken wieder auftauchte, bevor sie die Geschichte fortsetzte:
„Also, irgendwann stellte Mascha Pat die Frage, auf die er so lange gewartet hatte: ‚Willst du nicht bleiben?‘ Und Pat wollte. Er fühlte sich im Zauberwald richtig wohl. Im letzten Jahr ihrer Zeit als Vorstandsvorsitzende ernannte Mascha ihn zu ihrem persönlichen Berater – und ermutigte ihn schließlich, bei der Wahl 2017 seinen Namen in den Kessel zu werfen (Wahlprocedere => 5. und 9.). Und er hatte tatsächlich Glück. Sein Name wurde gezogen und er sitzt seitdem im Vorstand – eine echte Bereicherung, wie ich finde.“
„Ist er glücklich?“, Mino stellte die Frage leise und als Spring voller Überzeugung „Ja“ antwortete, lächelte er vor sich hin.
„Das war mutig von Pat“, sagte er, nachdem er eine Weile auf den Fluss geschaut hatte. „So bei Nacht und Nebel wegzulaufen. Ich hoffe, ich habe auch eines Tages den Mut dazu, mir meinen Traum zu erfüllen. Ich wünschte nur, es ginge anders, als einfach abzuhauen. Aber Mama nimmt mich einfach nicht ernst, wenn ich versuche, mit ihr zu reden. Und Papa ist nur mit seiner neuen Liebsten beschäftigt und hört mir auch nicht richtig zu.“
„Ich hab eine Idee“, Spring stand auf und ging ein paar Schritte von uns weg. Ich sah, wie sie rasch ein paar Zeilen auf ein Blatt Papier kritzelte, das sie aus ihrem Lederbeutel hervorgekramt hatte, und anschließend in ihr Funkgerät sprach. Minuten später tauchte eine der Roten Riesenschnecken auf. Nachdem Spring das Briefchen an ihr befestigt hatte und die Schnecke losgeflitzt war, sah ich Spring fragend an.
„Muss erst was klären“, murmelte sie leise. „Erkläre ich dir später. Wenn alles klappt, wird es die Überraschung seines Lebens.“
Dann wandte sie sich an Mino, der wieder Kieselsteine hüpfen ließ und nicht zugehört hatte: „Wenn wir heute Abend zum Festplatz kommen, stellst du mich dann deiner Mutter vor?“
„Ja, kann ich machen. Aber was hast du vor?“
„Dir helfen, deinen Traum zu verwirklichen.“
Mino machte große Augen und schüttelte zugleich resigniert den Kopf: „Mit Mama zu reden macht echt keinen Sinn. Ich sag`s dir.“
„Lass mich mal machen. Ich hab einen echt guten Plan“, antwortete Spring resolut.
Den Rest des Nachmittages verbrachten wir damit, uns von Mino die schönsten Fleckchen auf der Insel zeigen zu lassen. Sowohl das kleine Gattopo als auch ich löcherten Spring hin und wieder, was sie nun eigentlich vorhatte, vor allem nachdem sie eine Antwort auf ihr Briefchen per Schneckenpost erhielt und freudig „Yeah“ ausrief. Doch sie verriet uns nichts.

Am frühen Abend zogen Spring und ich uns auf das kleine, urgemütliche Hausboot zurück. Der alte mürrische Gattopo hatte uns einige Snacks in die Kajüte gestellt, die wir hungrig verspeisten. Zumindest nahm ich an, dass er es gewesen war. Im Anschluss kuschelten wir uns für ein ausgiebiges Nickerchen in eine der beiden Kojen, ganz dicht beieinander, bis es Zeit war, zum Festplatz aufzubrechen.
Zunächst gab ein äußerst leckeres Abendbrot, für alle Gattopos, die Lust auf ein gemeinsames Mahl hatten – und für uns. Der beste Fischeintopf, den ich je gegessen habe, miau! Minos Mutter hatte uns herzlich eingeladen, nachdem der Kleine uns miteinander bekannt gemacht hatte. Nach der ausgiebigen Mahlzeit begannen die Gattopos zu musizieren, zu singen und zu tanzen. Ich war eigentlich viel zu vollgefuttert, um mich noch zu bewegen, aber Spring zog mich auf die Tanzfläche und ihre gute Laune war ansteckend. So hotteten wir ungefähr eine halbe Stunde lang ab, dann entdeckte Spring Leda, allein an einem der langen Tische sitzend.
„Das ist die Gelegenheit, sie ein wenig kennenzulernen“, flüsterte sie und ließ mich zwischen den tanzenden Gattopos stehen.
Ja, einfach so. Es war deutlich, dass sie mich nicht dabeihaben wollte, miau, bei diesem Plausch. Ich überlegte, ob es angemessen war, den beleidigten Kater zu spielen, doch die Stimmung um mich herum war so fröhlich, dass mir das gar nicht gelungen wäre, selbst wenn ich es wirklich gewollt hätte. Also suchte ich mir ein Plätzchen am Rand, wo ich keinem Gattopo im Weg stand, beobachtete das bunte Treiben und wippte fröhlich mit der Schwanzspitze zur Musik mit.
Nach einer guten Stunde wurde ich allerdings müde. Es war ein langer Tag gewesen. So blickte ich hinüber zu Spring. Sie saß noch immer mit Leda an dem langen Tisch, beide völlig vertieft in ihr Gespräch. Doch meine Liebste hatte meinen Blick gespürt und sah auf und sich suchend um. Als sie mich entdeckt hatte, blinzelte sie mir zweimal schnell hintereinander zu; das war unser Zeichen dafür, dass ich mein magisches Gehör einschalten sollte, wenn wir aus irgendeinem Grund in Gesellschaft nicht miteinander sprechen konnten. Jo, so langsam werden wir echt ein Klischee-Pärchen.
‚Geh schon mal vor. Das läuft hier gerade richtig gut. Ich denke, Mino wird übermorgen aus allen Wolken fallen, wenn er seine Geburtstagsüberraschung von uns bekommt‘, vernahm ich nur eine Sekunde später.
Miau, das warf zwar jede Menge Fragen auf, aber die konnte ich jetzt nicht klären. Und so lief und schwamm ich allein zum Hausboot zurück (ohne Spring bekam ich noch keine Brücke über die Bäche und Flüsse zustande) und war eingeschlafen, kaum dass ich in die Koje gekrabbelt war. Ich habe nicht einmal mehr mitbekommen, dass Spring sich irgendwann an mich kuschelte. Erst am nächsten Morgen. Kaum dass auch sie die Augen offen hatte, erzählte sie mir ausführlich von dem Gespräch mit Minos Mutter Leda und verriet mir die Überraschung, die sie sich für Mino ausgedacht hatte. Ich war begeistert. Mino würde aus allen Wolken fallen. Wobei … hoffentlich nicht. Ähm, nun, das versteht ihr gleich, miau.
Am nächsten Tag war es so weit: Die Zwillinge hatten Geburtstag. Wir hatten morgens einem ausgesprochen übellaunigen Mino gratuliert und ein bisschen Zeit mit ihm verbracht. Ihre Geschenke würden die beiden erst am frühen Abend bekommen, wenn die Party auf dem Festplatz begann. Am Nachmittag fand zunächst die Zeremonie statt, bei der Minou ihre Blumenkette bekam, das Zeichen dafür, dass sie irgendwann die Nachfolge ihrer Mutter antreten würde. Muss ganz schön gewesen sein, laut Spring, ich habe die leider verpennt. Ausgiebiges Mittagsschläfchen, ihr wisst schon. Spring behauptet, ich sei nicht wach zu bekommen gewesen, und so war sie allein losgezogen.
Bei der Geburtstagsparty für die Zwillinge am Abend war ich jedoch dabei; sie war der absolute Knaller. Ein schöneres Fest habe ich selten erlebt. Der Festplatz war wunderschön geschmückt, mit Ballons und Girlanden und bunten Lichtern. Zu Beginn rief Leda ihre Kinder zu sich in die Mitte und überreichte zunächst Minou ihre Geschenke. Verschiedene bunte Gewänder, eine Flöte und verschiedener Krimskrams. Minos Schwester war überglücklich.
Dann hockte sich Leda vor ihren Sohn: „Mein Geschenk bekommst du gleich. Doch zunächst solltest du dir anschauen, welchen besonderen Gast Spring für dich eingeladen hat.“ Sie stieß einen äußerst schrillen Pfiff aus und deutete gen Himmel.
Gespannt sah Mino nach oben, wie alle anderen Anwesenden auch. Es dauerte nur ein paar Sekunden, dann tauchte ein mir nur allzu bekannter, kleiner blauer Drache mit roten Zacken auf dem Rücken am Himmel auf, dreht einige Schleifen über dem Festplatz und landete schließlich vor Mino.

„Gratuliere dir, kleiner Mino“, begrüßte Gänseblümchen, ein guter Freund seit meiner „Reise zu den Drachen“, das Geburtstagskind und deutete eine Verbeugung an.
Ich dachte, Mino würde gleich umkippen; er stand mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen vor dem Drachen und bekam keinen Ton heraus.
Spring setzte gerade an, Mino zu erklären, was es mit dem Drachen auf sich hatte, da sah Leda sie bittend an: „Darf ich? Auch wenn es deine Idee war?“
„Klar“, Spring zwinkerte der Gattopo-Dame verschwörerisch zu.
„Ein Drache! Ein echter Drache! Gehört der jetzt mir?“, Mino hatte die Sprache endlich wieder gefunden, hüpfte aufgeregt vor Gänseblümchen auf und ab und sah abwechselnd von Spring zu mir und zu seiner Mutter.
„Nein“, letztere lachte. „Aber er ist Teil deiner Geburtstagsüberraschung.“
Dann wurde sie ernst und zog ihren Sohn zu sich.
„Spring hat mir erzählt, wie unglücklich du bist. Und welche Träume du hast. Es tut mir leid“, sie brach kurz ab, offenbar um Tränen herunterzuschlucken. „Es tut mir leid, dass ich dir nicht zugehört habe. Dich nicht ernst genommen habe. Ich bin froh, dass du dich Merlin und Spring anvertraut hast. Naja – und Spring hatte eine richtig großartige Idee für dein Geburtstagsgeschenk.“
Sie legte eine Kunstpause ein, um dann die Überraschung zu verkünden; es hätte nur noch ein Trommelwirbel gefehlt: „Du darfst mit ihr eine Woche im Zauberwald verbringen. Gänseblümchen wird euch hinfliegen und während deiner Zeit dort jeden Tag mit dir einen Ausflug machen. So kannst du schon einmal ganz viel von der Magischen Welt von oben sehen.“
„Was? Das erlaubst du? Das ist ja … megagattopogigantisch!“ Mino fiel seiner Mutter um den Hals und umarmte sie so fest, dass er sie fast umgeworfen hätte.
„Ja“, antwortete Leda, nachdem sie wieder sicher stand. „Das erlaube ich. Und ich möchte dir noch etwas sagen: Wenn du in ein paar Jahren von hier weggehen willst, dann werde ich dir nicht im Weg stehen.“
Mino entfuhr ein weiterer Freudenschrei: „Ehrlich?“
„Ehrlich. Aber unter zwei Voraussetzungen“, jetzt sah Leda ihren Sohn streng an.
„Welche?“, flüsterte Mino kaum hörbar.
„Erstens machst du hier zunächst eine vernünftige Ausbildung. Ich würde vorschlagen, du konzentrierst dich auf Musikpädagogik und Geografie. Beides wirst du brauchen, wenn du um die Welt ziehen und anderen magischen Geschöpfen unsere Musik beibringen willst.“
Mino nickte heftig. „Das werde ich tun. Versprochen. Und die zweite?“
„Du kommst deine alte Mutter hin und wieder besuchen.“
„Auf jeden Fall“, erneut fiel Mino seiner Mutter um den Hals, zunächst lachend, dann schluchzend.
Spring und ich sowie die Gattopos sahen dann mal für ein, zwei Minütchen weg, denn auch Leda kamen nun die Tränen. Und ich hatte irgendwas im Auge.
Als wir uns alle wieder gefangen hatten, überreichten ihm Minos Eltern noch ein kleines Päckchen. Darin befand sich eine Karte von der Magischen Welt und ein Buch, das die einzelnen Regionen beschreibt. Wunderschön gestaltet.
Und dann endlich konnte sich Mino in Ruhe mit Gänseblümchen vertraut machen und sich bei Spring bedanken. Ich dachte, er lässt meine Liebste nie wieder los, so sehr knuddelte er sie. Aber sie hatte auch ganze Arbeit geleistet mit dem Gespräch mit Minos Mutter an unserem ersten Abend. Hut ab, wie Socke sagen würde.
Schließlich setzte die Musik ein und eine der besten Partys, auf denen ich in zweihundert Jahren war, begann. Gänseblümchen war die Sensation auf der Tanzfläche; ihr müsst wirklich mal Drachen beim Tanzen beobachten. Hammer, miau. Der kleine Mino war vor lauter Aufregung allerdings so müde, dass er schon nach einer Stunde am Rand des Platzes einschlief. Spring und ich brachten ihn ins Bett, bevor wir uns wieder ins Getümmel stürzten.
Wir verbrachten noch drei herrliche Tage auf den Himmelsinseln. Spring hatte das pinke Schlauchboot von Socke eingepackt und so schipperten wir an einem der Nachmittage zu der anderen kleinen, sternförmigen Insel und dem Halbmond hinüber. Dort habe ich zum ersten Mal Greife gesehen. Sie sind beeindruckend. Und groß. Sehr groß. Außerdem verbrachten wir viel Zeit mit Mino und seiner Familie. Nur mit „Grandpa“ wurden wir nicht richtig warm. Der grummelige Gattopo, bei dem wir eingecheckt hatten, war tatsächlich Minos Großvater. Ein echter Griesgram. Alles in allem war es eine schöne und unbeschwerte Zeit.
Am Abreisetag landete Gänseblümchen morgens auf dem Festplatz der Gattopos und wurde stürmisch von Mino begrüßt. Ich sah gemeinsam mit etwa zwanzig Gattopos zu, wie er sich von seinen Eltern und Minou verabschiedete und dann zusammen mit Spring auf Gänseblümchens Rücken kletterte. Als der kleine Drache sich in die Lüfte emporschwang, war ich für einen kurzen Moment neidisch, dass Spring mit dem kleinen Kerl zusammen fliegen durfte, nicht nur heute, sondern auch in den nächsten Tagen. Eine Woche würde Mino mit Spring im Zauberwald verbringen und täglich Ausflüge auf Gänseblümchen machen, mauz, da hätte ich auch einen Heidenspaß dran gehabt. Aber Spring und ich hatten das so verabredet; zum einen war es ihre Idee gewesen, zum anderen wollte ich dringend zu Anna & Co zurück. Fünf Tage waren sie nun schon ohne mich. Bei aller Abenteuerlust – ich hatte Heimweh.
Tja, was ist gibt es noch zu sagen? Gemiau, nicht nur der kleine Mino war erstaunt gewesen, dass Spring es geschafft hatte, zu Leda durchzudringen und ihr Minos Sorgen, Nöte und Träume nahe zu bringen und sie zum Umdenken zu bewegen, sondern nahezu alle Gattopos, mit denen ich auf der Party gesprochen hatte. Aber Spring ist eben nicht nur sehr feinfühlig und diplomatisch, sondern hat auch ein gutes Gespür für die Ängste anderer Lebewesen. Und Minos Mutter hatte Angst. Angst nach der Trennung von ihrem Gatten auch ihren Sohn zu verlieren. Nachdem Spring das Leda bewusst gemacht und ihr Mitgefühl und Verständnis entgegenbracht hatte, war es ein leichtes gewesen, sie zu überzeugen, Mino nicht im Weg zu stehen, sondern ihn zu unterstützen.
Wir brauchen halt alle ein wenig Anteilnahme. Miau.
Tja, das war das Schlusswort für heute, ihr Zauberhaften. Wir lesen uns. Bis Bald.
Wie immer freue ich mich über Kommentare hier auf dem Blog oder auf meinen Social Media Accounts. Aber vor allem auf dem Blog. Denn hier bleibt mir erhalten, was ihr schreibt.
Es grüßt euch herzlich euer Merlin.


firefly (Dienstag, 11 November 2025 00:28)
❤️☺️
Angers (Freitag, 31 Oktober 2025 11:30)
Ich liebe liebe liebe diesen Teil so sehr! Deine Geschichten sind zur Zeit das einzige was ich lese und ich beginne mich richtig wohl zu fühlen in dieser Welt. Danke für die schönen spannenden emotionalen Einblicke!!!
Jule (Donnerstag, 30 Oktober 2025)
Lieber Merlin. Das war eine wunderschöne Geschichte. Soviel Glück für den Lebensweg wie es Mino hat, wünsche ich es Anna ab sofort.
Micha ��❤️ (Sonntag, 26 Oktober 2025 17:47)
Was für eine wundervolle Geschichte. Ich freue mich so für Mino, dass ich auch ein bisschen "was im Auge" habe ���
Hartmut (Sonntag, 26 Oktober 2025 17:41)
Lieber Merlin,
auch der zweite Teil war wieder eine wunderschöne und liebevolle Geschichte mit einem ganz besonderen, berührenden Ende.
Mino wird sich sicher riesig darüber freuen. Und selbst wenn du ein kleines bisschen eifersüchtig warst, weil Spring später noch etwas mit dem Kleinen unternommen hat, war es doch eine runde, stimmige und zauberhafte Geschichte.
Ich hoffe, Mino wird all das mit all seinen Freunde und Sinnen genießen, im Zauberwald.
Besonders schön fand ich auch, wie du Anna und Co. mit eingebunden hast.
Am Ende bleibt vor allem eines: Dass ein Junge zusammen mit Spring seinen Traum verwirklichen kann weil jemand da war, der mit seiner Mutter gesprochen und an ihn geglaubt hat.
Ich danke dir von Herzen. �
@energiepirat (Sonntag, 26 Oktober 2025 17:32)
Lieber Merlin, eine sehr schöne Geschichte. Jedes Leben sollte voll davon sein. Allerdings würde ich mir einen friedlichen und verschmusten Tiger als Begleiter wünschen, Keinen Aardu
Erneut entdecke ich eien Verknüpfungspunkt für mich:
"Das Gefühl, nirgendwo richtig dazu zu gehören, immer anders zu sein, nicht in diese Welt zu passen," und "Ich glaube, es ist ein wahres Kunststück, ebenjene Nischen zu finden, in denen eins voll und ganz angenommen wird, sein kann und sich zugehörig fühlt. Wie so vieles im Leben von Traumatisierten ist es möglich und doch harte Arbeit. So richtig hat Anna ihren Platz noch immer nicht gefunden, denke ich"
Nicht nur ein Kunststück lieber Merlin. Glück gehört auch dazu,
Danke sehr. Schnurr Schnurr
ALina (Sonntag, 26 Oktober 2025 14:31)
So eine schöne Geschichte �
Da sieht eins,dass einiges einfacher wird, wenn eins darüber redet Der kleine Mino wird eine wundervolle Zukunft haben �