23. Edward, der Trauer-Tiger

Für P. – danke, dass es dich gibt

 

CN Trauer, Tod, Abschied, Familie

 

Miau und hallo, meine zauberhaften Leser*innen,

 

in den letzten Monaten ist es auf der Magischen Welt sehr ruhig zugegangen. Seit Pennys Flucht aus den Fängen der Unheilvollen (Trilogie; ab hier: 21.1 Eine unheilvolle Spur 1 ) haben wir von Minna und ihrer Bande nichts mehr gehört und gesehen. Konrad und Anton vermuten, dass sie sich auf die menschliche Welt konzentrieren, um dort Unheil zu stiften und ihre Verbindungen zu Menschen an strategisch wichtigen Stellen weiter auszubauen. Wenn ich mir anschaue, was auf eurer Welt derzeit alles geschieht, finde ich diese Idee sehr naheliegend. Minna war ja schon immer geradezu besessen davon, nicht nur die Magische Welt zu unterwerfen, sondern auch die menschliche (=> 10.2 Familiengeheimnisse).

 

Ich muss zugeben, ich war nicht unglücklich darüber, dass wir Ruhe vor ihnen hatten und ich einfach mein Leben leben und mich um Anna kümmern konnte.

 

Wer mir oder Anna auf Social Media folgt, weiß, dass Anna und Co im letzten Jahr wirklich eine schwere Zeit hatten und sie brauchten mich an ihrer Seite, denn die Depression war auf einem lange nicht mehr gesehenen, hohen Level. Ein weiteres aufregendes Abenteuer oder gar ein Kampf mit den Unheilvollen wäre mir daher wirklich zu viel gewesen, miau.

 

Nur hin und wieder befiel mich die Sorge, dass es sich um die berühmt-berüchtigte Ruhe vor dem Sturm handeln könnte. Einige unter euch, die eine pDIS oder DIS haben, kennen das vermutlich genauso gut wie Anna: Wenn es innen geradezu unheimlich ruhig wird, ist das in aller Regel nie ein gutes Zeichen. Außenstehende mögen u.U. denken, dass es doch auch mal ganz schön sein müsste, wenn sich die anderen Innenpersonen zurückziehen. Zumeist ist es jedoch eine Schock- oder Schreckreaktion auf ein sehr belastendes Ereignis im Außen. Es ist dann nur eine Frage der Zeit, bis ein Tsunami losbricht und alle Anteile auf jeweils ihre Weise heftig auf das Geschehene reagieren.

 

Tja, miau, ich sag es mal so: So ganz unrecht hatte ich mit der Befürchtung, dass es sich mit den Unheilvollen genauso verhalten könnte, nicht. Doch dazu kommen wir erst in Geschichte 25; lasst mich der Reihe nach und ganz in Ruhe erzählen: 

 

 

Auch in jenen ereignislosen Monaten war ich regelmäßig im Zauberwald, um mich mit meinen Freud*innen zu treffen. Ich – der ewige Außenseiter – hatte endlich eine Clique, zu der neben Spring, Mascha und Snowflake nun JP, Tasso, Anton, Socke und natürlich Penny, meine Halbschwester, gehörten. Alle paar Wochen hingen wir gemeinsam an Snowflakes und meinem ehemals geheimen Lieblingsplatz ab, eine kleine abgeschiedene Lichtung im Wald. Ich muss zugeben, ich genieße das Gefühl von Zugehörigkeit wirklich sehr, aber das habe ich bestimmt schon einmal erwähnt. Anna meint, ich würde dazu neigen, mir wichtige Dinge doppelt und dreifach zu erzählen. Mau. Sollte das so sein, seht es mir bitte nach.

 

Eine Zeitlang war ich mir nicht sicher gewesen, ob Anton nicht vorwiegend wegen Penny an den Treffen teilnahm, doch Spring verneinte das vehement.

 

„Andersrum wird ein Schuh draus, Schatz. Penny ist verschossen in Anton. Wenn Anton überhaupt an irgendwem von uns Interesse hätte, dann eher an Socke. Aber ich glaub, der Gute ist so von seiner Aufgabe als Stellvertreter Konrads in Anspruch genommen, dass er gar keinen Gedanken an eine Liebesbeziehung verschwendet“, erklärte sie mir. „Socke wiederum steht allerdings wirklich auf Penny.“

 

Miauuuu, das war mir alles zu kompliziert und ich hoffe, dass sich mein Leben nicht plötzlich in ein High-School-Musical verwandeln wird. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob ich es gut finden würde, würden Socke und Penny ein Paar werden. Auch wenn ich Socke mittlerweile im Großen und Ganzen zu schätzen weiß (=> SockeKurzer ProzessLand der Magischen Ritter), mit seinen Albernheiten, Angebereien und Super-Held*innen-Anwandlungen geht er mir noch so manches Mal auf den Keks. Doch bei einem Cliquen-Treffen vor einigen Wochen im März 2026 erfuhr ich etwas über ihn, was meinen Blick auf ihn noch einmal grundlegend veränderte.

 

Spring, Penny, Socke und Anton, Mascha, JP, Snowflake, Tasso und meine Wenigkeit saßen und lagen wie so oft auf der kleinen Lichtung im Wald. Mascha und JP hatten uns mit Snacks und Getränken versorgt und wir quatschten über dies und das. Irgendwann erkundigte sich Socke, der hin und wieder Spring Gesellschaft leistete, wenn sie auf Anna und Co aufpasste, weil ich Zeit für mich brauchte oder etwas erledigen musste, wie es ihnen so ging.

 

„Nach wie vor nicht gut. Noch immer stecken sie recht tief in der Depression, sie bräuchten einfach mal Zeit zum Trauern, statt dauernd funktionieren zu müssen.“

 

„Verständlich“, murmelte Snowflake, der als mein bester Freund in der Regel auf dem Laufenden war, was zu Hause so los war. „Waren ja auch viele heftige Abschiede in diesem Jahr.“

 

Er bezog sich damit auf die Situation im Ambulant Begleiteten Wohnen seit März 2025. Die Leitungsebene hatte beschlossen, dass Anna das Team innerhalb des Trägers der sog. Eingliederungshilfe wechseln muss, was dazu führte, dass sie im Laufe weniger Monate alle bisherigen Bezugsbegleiterinnen verlor.

 

„Ja, das war schlimm, auf vielen Ebenen“, bestätigte ich und fügte gedankenverloren hinzu: „Aber es gibt so viel mehr zu betrauern als diese neuesten Veränderungen und Verluste.“

  

Neugierig sahen mich meine Freund*innen an und so begann ich zu erklären, was ich meinte:

 

 

Freies Foto von Pixabay. Großaufnahme des Kopfes eines schwarzen Katers mit gelben Augen, der ernst in die Kamera schaut.

„Ja, Anna und Co haben viel zu viele, ganz unterschiedliche Abschiede in den letzten zehn, zwanzig Jahren erleben müssen und jedes verflixte Mal gab es viel zu wenig oder gar keine Zeit, einfach nur traurig darüber zu sein, wieder einen Menschen, aus welchen Gründen auch immer, zu verlieren. Zu oft war zu klären gewesen, wie es weiter gehen würde, zu oft musste Anna parallel noch andere Katastrophen im Außen managen.

 

Und jeder Abschied tickte und tickt vor allem eins an: diese ursprüngliche Erfahrung von Verlassen-Worden-Sein, von Alleine-Sein, weil schon die ersten Bezugspersonen gar nicht da oder nur physisch da waren. Bei Anna und Co ist da immer noch eine riesige, klaffende Wunde, der Schmerz über das frühe Im-Stich-gelassen-worden-Sein unendlich groß. Wir dürfen nicht vergessen, dass unser Nervensystem in unseren ersten Lebensmonaten geprägt wird und diese ersten Erfahrungen bestimmen, wie eins auf das Leben mit seinen Herausforderungen reagiert.

 

Aber es ist nicht nur das, was es zu betrauern gilt, sondern auch das, was nie hatte sein können, all die verlorenen Möglichkeiten und Chancen. Die Träume und Wünsche, die nie Wirklichkeit wurden, weil es war, wie es war.“

 

An dieser Stelle mauzte Penny leise und unsere Blicke trafen sich kurz. In ihren Augen glitzerten Tränen. Ja, auch Penny und ich hatten in diesem Punkt noch viel zu bearbeiten. Wären Angelo, Serafina und Nero nicht gewesen, wie sie gewesen sind, hätten Penny und ich uns zum Beispiel schon als Kinder kennenlernen können, trotz der Trennung unserer Mutter von meinem Vater. Doch sie waren eben verbitterte, furchtbare, sadistische Unheilvolle und so hatten sie uns um eine gemeinsame Kindheit gebracht – und nicht nur das. Ich wischte mir mit der Pfote durch das Gesicht, auch meine Augen waren seltsam nass, und fuhr dann fort:

 

„Das Fundament, das wir brauchen, um später gut in die Welt gehen zu können, gab es nicht. Dazu hätte es verlässliche, zugewandte, liebevolle Bezugspersonen – nein, das müssen nicht die Elternteile sein – gebraucht. Stattdessen gab es Gewalt, die verheimlicht werden musste. Statt Unbeschwertheit permanente Angst. Statt körperlicher Unversehrtheit Verletzungen. Statt Sicherheit Gefahr. So vieles, worauf Kinder einfach ein Anrecht haben, fand nicht statt. Fehlt jedoch dieses Fundament aus Sicherheit und Geborgenheit, ist es oft nicht möglich, das eigene Potential auszuschöpfen, weil viel zu viel Energie, viel zu viele Kapazitäten gebunden sind durch die Traumata bzw. für das schiere Überleben derselben gebraucht werden. Jedenfalls erlebt Anna das so. Dieser Quatsch, von wegen Traumata würden Lebewesen so stark machen. Nein, Traumata zerstören und sie bringen eins um so vieles, was ohne sie vermutlich möglich gewesen wäre. Und all das sollte irgendwann betrauert werden, finde ich.“

 

 

Freies Foto von Pixabay. Großaufnahme eines Tigerkopfes.

„Oh, je“, Socke brach als erster das betroffene Schweigen, das sich während meiner Ausführungen ausgebreitet hatte. „Anna und Co bräuchten wirklich dringend den Trauer-Tiger!“

 

Wen?

 

Doch bevor ich meine Frage laut aussprechen konnte, seufzte Spring auf: „Echt, Socke? Immer noch? Willst du nach all den Jahren nicht endlich zugeben, dass du dir den nur ausgedacht hast?“

 

„Hab ich nicht“, Socke sprang auf die Pfoten und blinzelte Spring wütend an. „Ich war wochenlang bei ihm.“

 

„Socke“, Spring schlug jenen strengen Tonfall an, den sie nur verwendete, wenn sie ihren Cousin mal wieder zu Vernunft bringen oder im Rat der Gemeinschaft der Magischen Tiere für Ruhe sorgen musste, „du warst fünf Jahre alt und hattest schon immer eine blühende Fantasie. Außerdem warst du gerade mal vierundzwanzig Stunden lang weg. Keine Wochen. Allerdings waren das furchtbare vierundzwanzig Stunden für unsere Familie. Eine ganze Nacht lang haben wir dich unentwegt gesucht. Omi hatte einen richtigen Nervenzusammenbruch. Als ich dich endlich fand, lagst du friedlich schlummernd in einem Gebüsch an der südlichen Grenze zum Zauberwald, als könntest du kein Wässerchen trüben.“

 

„Ja, da hatte mich der Trauer-Tiger hingebracht“, erwiderte Socke, immer noch wütend vor Spring stehend, „und ich muss eingeschlafen sein, nachdem er sich verabschiedet hatte.“

 

 

„Wovon redet ihr zwei eigentlich?“, warf ich rasch ein, denn nun war auch Spring aufgesprungen und wirkte mehr als verärgert. Sie fing meinen Blick auf, setzte sich und atmete durch.

 

 

KI Bild einer schwarz-weißen Katze. Sie liegt auf einem moosbewachsenden Baumstumpf und trägt einen gelben Umhang wie ein*e Superheld*in. Links oben im Bild sind Sonnenstrahlen erkennbar, im Hintergrund ein Baumstamm. Wirkt magisch.
Socke in einem seiner geliebten Umhänge.

Auch Socke ließ sich wieder nieder und begann zu erzählen: „Ihr wisst das, glaube ich, nicht alle. Ich bin bei unserer Großmutter aufgewachsen. Meine Eltern sind ums Leben gekommen, als ich gerade mal fünf Jahre alt war“, er musste schlucken, bevor er weitersprechen konnte. „Es war ihr zehnter Jahrestag. Sie hatten ihn mit einem Ausflug feiern wollen und mich bei Omi zurückgelassen. Nur sind sie von diesem verdammten Wochenend-Trip leider nie zurückgekommen“, wieder brach er ab.

 

Mascha bedachte ihn mit einem ihrer speziellen warmen mütterlichen Blicken, die mir schon so manches Mal die Knie hatten weich werden lassen, wenn sie mir galten: „Ich erinnere mich. Sie waren auf der Insel der Hohen Gipfel (=> WW2), nicht wahr?“

 

Socke mauzte bestätigend und mir entfuhr ein leiser Aufschrei: „Nein!“

 

Als ich etwa fünfzehn war, gab es auf der Insel der Hohen Gipfel ein furchtbares Erdbeben, bei dem unzählige der dort lebenden Tiere ihr Leben gelassen hatten.

 

Und nicht nur die, denn Socke antwortete leise:

„Doch, sie sind bei diesem verdammten Erdbeben umgekommen. Es hat Wochen gedauert, bis ihre Körper gefunden worden sind. Als Omi es mir sagte, bin ich völlig ausgerastet und hab nur noch gefaucht und gebrüllt und hätte fast ihre Hütte zerlegt. Ich war so unfassbar wütend. Auf alles und jede*n. Omi kümmerte sich rührend um mich, ja. Aber ich wollte nicht bei ihr sein. Ich wollte meine Eltern wiederhaben. Und so habe ich nur noch Mist gebaut, war richtig unverschämt zu allen, die freundlich zu mir waren. Meine Streiche, die vorher alle lustig fanden, wurden richtig gemein.“

 

„Allerdings“, bestätigte Spring grummelnd.

 

Socke schien sie gar nicht gehört zu haben, denn er erzählte weiter, ohne auf sie einzugehen: „Mit Omi hatte ich ständig Streit. Naja, und eines Morgens, nach einer der unzähligen, unsinnigen Auseinandersetzungen mit ihr, bin ich dann abgehauen. Ich weiß nicht einmal mehr, worum es ging.“

 

„Dir hatte das Frühstück wieder mal nicht geschmeckt“, sagte Spring leise. „Zunächst hatte sich Omi noch keine so großen Sorgen gemacht. Es war nicht das erste Mal, dass du dich damals für ein paar Stunden vom Acker gemacht hattest; in der Regel kamst du zurück, wenn der Hunger zu groß wurde. Aber als es dunkel wurde und du immer noch nicht wieder aufgetaucht warst, bekam sie Panik. Verständlicherweise. Sie hat meinen Eltern Bescheid gesagt – und wir und der halbe Zauberwald haben dich die ganze Nacht über gesucht. Ich dachte, Omi bricht zusammen vor Sorge. Im Morgengrauen habe ich dich endlich gefunden. Und du“, sie machte eine Pause, um dann aufgebracht fortzufahren, „hast uns allen dann diese hanebüchene Geschichte vom Trauer-Tiger aufgetischt.“

 

„Es war keine Geschichte. Es war wahr. Und ist es immer noch. Warum zur Großen Katze im Himmel glaubst du mir immer noch nicht?“

 

Als Spring nicht antwortete, fuhr er fort: „Als ich an jenem Morgen weglief, war ich fest entschlossen, meine Eltern aus dem Land der Ahnen (=> WW2) zu befreien. Ich hatte sogar schon einen Plan, wie ich das anstellen würde. Einen geradezu genialen Plan. Würde er gelingen, hätte ich nicht nur meine Eltern wieder, sondern würde zudem als der Held aller Helden in die Geschichte eingehen.“

 

Oha, Sockes Hang zum Super-Held*innentum hatte also nicht erst begonnen, als ihm in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts auf der menschlichen Welt die Superman-Comics in die Pfoten gefallen waren. Damals hatte er sich seinen ersten Umhang mit Hilfe von Magie genäht, wie mir Spring mal verraten hatte. Jetzt hatte er in seiner Erzählung eine dramatische Pause eingelegt und wartete offenbar darauf, dass eins von uns nachfragte, wie dieser geniale Plan ausgesehen hatte. Also tat ich ihm ausnahmsweise den Gefallen, war ich doch neugierig geworden:

„Was hattest du vor?“

 

 „Ich wollte mich in den Strom der Magie stürzen“, erklärte Socke triumphierend. „Damit hätte ich garantiert, so dachte ich, solche superdupermagischen Kräfte bekommen, dass ich ohne weiteres in das Land der Ahnen hätte reisen können.“

 

„Du wärst schnurstracks in das Land der Ahnen gereist, in der Tat“, kommentierte Spring, für ihre Verhältnisse erstaunlich unwirsch. „Allerdings nie wieder von dort zurückgekehrt, weder mit deinen Eltern noch ohne sie.“

 

„Ja“, antwortete Socke leise. „Das ist mir heute auch klar. Aber ich glaub, dass mir damals ziemlich egal war, was mit mir passieren würde. Insofern hat mir Edward das Leben im doppelten Sinn gerettet.“

 

„Wer?“, Penny schien den Faden verloren zu haben, weil sie, das erkannte selbst ich jetzt, damit beschäftigt war, Anton anzuschmachten.

 

„Edward, der Trauer-Tiger! Pass doch auf! Ich hatte richtig Anlauf genommen und war abgesprungen, bereit, mich in die wilden Fluten zu stürzen, wenn auch mit geschlossenen Augen, weil mir der Strom schon ein wenig unheimlich war. Doch statt in dem reißenden Gewässer zu landen, sprang ich gegen etwas großes, plüschiges. Den größten Tiger, den es gibt.“

 

Beim letzten Satz betonte er jedes einzelne Wort.

 

Trotz der Dramatik entfuhr mir ein Kichern: „Der heißt wirklich Edward?“

Auch ich war an dem Namen hängengeblieben und Socke bedachte mich mit einem verärgerten Blick:

 

„Ja. Na und? Kann ja nicht jeder nach einer großen Zauberer-Legende der menschlichen Welt heißen. Jedenfalls prallte ich von Edward ab, wie ein Flummi, und plumpste zu Boden. Doch ich gab nicht auf und versuchte, an Edward vorbeizukommen, um doch noch in den Strom springen zu können. Edward jedoch packte mich fünfjährigen Winzling mit einer seiner riesigen Tatzen, beförderte mich resolut auf seinen Rücken und sprang mit mir durch die Dimensionen. Wir landeten auf einer Insel. Es war traumhaft dort, auch wenn ich das am Anfang gar nicht wahrnahm. Ich war so sauer auf diesen Koloss von Tiger, dass ich, kaum waren wir gelandet, versuchte, ihn anzugreifen, was ungefähr genauso erfolgreich war, wie eine*n der Ries*innen mit einem Kieselstein niederstrecken zu wollen. Edward ertrug geduldig, dass ich ihn ansprang, fauchte und versuchte, ihn zu kratzen und zu beißen. Irgendwann gab ich erschöpft auf und er trug mich wie eine Mutter ihr Kitten in der Schnauze zu seinem Lager aus wunderbar weichen, bunten, riesigen Kissen unter einem der Bäume. Er legte mich auf eins davon – und ich wurde auf der Stelle von einer solch tröstenden Wärme umgeben, es war unfassbar. Magische Kissen, die gibt es nicht einmal auf unserer Welt! Dann ließ er sich neben mir nieder und begann mich zu putzen. Unter normalen Umständen hätte ich mich gewehrt, schließlich war ich schon fünf. Aber die Kissen, seine große Zunge und das beruhigende, laute Schnurren ...“

 

„Tiger können nicht schnurren“, unterbrach ihn Tasso, der sich bisher zurückgehalten hatte, und setzte, das sah ich an seinem Gesicht, zu einem Vortrag an. Socke widersprach dem Schäferhund jedoch, bevor dieser im Einzelnen erläutern konnte, warum Tiger als einzige katzenartige Tiere aus anatomischen Gründen nicht in der Lage sind, „das schönste Geräusch der Welt“, wie Annas Kleine das Schnurren von Katzen bezeichnen, von sich zu geben:

„Edward kann schnurren. Ob ihr das glaubt oder nicht. Also, ich lag neben dem Tiger auf diesen wunderbaren Kissen, so geborgen wie schon lange nicht mehr und fing an zu heulen wie ein Schlosshund. Ich heulte all die Tränen heraus, die ich seit der Nachricht vom Tod meiner Eltern heruntergeschluckt und in einen Klumpen voll Wut verwandelt hatte. Irgendwann schlief ich ein, doch Edward war auch am nächsten Tag an meiner Seite. Wie die ganzen nächsten Wochen. Stundenlang hörte er mir zu, wenn ich von meinen Eltern reden wollte, tröstete mich, wenn ich weinte, und diente mir als Sparring-Partner, wenn doch noch mal die Wut Oberhand gewann. Nachts saß er an meiner Seite und wachte über mich, falls ich Albträume bekommen sollte. Es dauerte, bis es mir besser ging und ich Lust hatte, mit Edward die kleine Insel, auf die er mich gebracht hatte, zu erkunden. Es war ein friedlicher Ort, hauptsächlich bewohnt von sehr lustigen, türkisen Vögeln, die es auf der Magischen Welt definitiv nicht gibt. Ihr Gesang ist geradezu heilsam.“, Socke seufzte, tief in seine Erinnerungen versunken. „Doch nach einigen Wochen teilte mir Edward mit, dass ich so weit sei und er mich in ein paar Tagen zurück in den Zauberwald bringen würde. Hui, Leute, da bin ich aber erst noch mal ausgeflippt. Edward und diese Insel waren einfach so wunderbar – ich wollte mich nicht verabschieden. Doch nach und nach überzeugte mich Edward, dass mein Leben dort sei. Dass ich vermisst werde. Dass unsere gemeinsame Zeit zu Ende sei. Und so brachte er mich zurück und setzte mich an der südlichen Grenze zum Zauberwald ab, dort, wo du mich gefunden hast“, er sah Spring an, „allerdings muss ich eingepennt sein, ich hatte mich eigentlich nur einen Moment sammeln wollen, bevor ich nach Hause lief. Es war nicht alles gut nach dieser Zeit, meine Eltern fehlen mir bis heute. Aber dieser unendlich große Klumpen aus Schmerz und Wut und Trauer ist deutlich kleiner geworden in der Zeit mit Edward auf dieser Insel. Ich wünschte, ich wüsste, wo genau er mich damals hingebracht hatte.“ 

 

„Ich schätze, du warst im Land der Träume oder schlicht und ergreifend in einem Fantasieland“, grummelte Spring, „denn wie gesagt, du warst keine Wochen weg, sondern nur vierundzwanzig Stunden. Und von diesem Edward habe ich in den Büchern nie etwas gefunden.“

 

Aus irgendeinem Grund war es nun endgültig um Sockes Fassung geschehen. „Zum letzten Mal und zum Mitschreiben“, fauchte er, richtig laut und eindeutig sauer, „es gibt den Trauer-Tiger!“

 

Bevor irgendeins von uns reagieren konnte, hörten wir eine knarzende Stimme hinter uns: „Oh, ihr redet gerade von Edward? Ein wirklich cooler Typ! Natürlich existiert der.“

 

 

Freies Foto von Pixabay, das das Gesicht einer getigerten Katze mit hellgrünen Augen zeigt, die etwas grimmig in die Kamera schaut.

Alle unsere Köpfe fuhren herum. Wir waren so vertieft in Sockes Geschichte gewesen, dass Charly von uns allen unbemerkt die Lichtung betreten hatte.

 

Die alte Katze ignorierte unsere überraschten Gesichter und wandte sich zunächst an mich: „Werter Neffe, du hast unsere Verabredung vergessen. Das Essen wartet auf dich.“

 

Ups, miau, ich hatte an diesem Tag nicht allzu lange bei unserem Cliquentreffen bleiben, sondern endlich mal wieder bei meiner Tante und Ausbilderin vorbeischauen wollen, hatte aber nicht auf die Zeit geachtet, so spannend war es gewesen. 

 

Bevor ich mich entschuldigen konnte, hatte Charly jedoch schon das Wort an Socke gerichtet: „Du kennst Edward also. Spannend.“

 

„Bitte? Du glaubst auch an diesen Trauer-Tiger?“, Spring starrte die alte Katze fassungslos an.

 

„Glauben? Da gibt es nichts zu glauben.  Ich bin ihm zweimal begegnet.“

 

Spring gab ein seltsames Geräusch von sich, das ich genauso wenig einordnen konnte wie ihre gesamte Reaktion auf Sockes Geschichte. Ich weiß, dass Spring ihren Cousin über alles liebt und sie für ihn genau wie er für sie durchs Feuer gehen würde. Er ist wie ein kleiner Bruder für sie, auch wenn sie oft streng mit ihm ist. Hatte sie damals solche Angst gehabt, dass ihm etwas passiert sein könnte, als er weggelaufen war, dass sie bis heute geradezu allergisch auf die Geschichte von Edward, dem Trauer-Tiger reagierte? Irgendwann würde ich sie das fragen, doch im Moment wollte ich vor allem etwas über Charlys Begegnungen mit Edward wissen.

 

So wandte ich mich an meine alte Tante: „Zwei Mal? Erzähl.“

 

Charly ließ sich umständlich nieder und angelte sich genauso umständlich ein Schälchen mit Wasser und ein Stück Maus, bevor sie endlich das Wort ergriff:

„Ach, die erste Begegnung mit Edward ist schnell erzählt. Wie ihr alle wisst, habe ich den Zauberwald und meine Familie sehr früh verlassen (=> 10.2 Familiengeheimnisse). Ich wollte hinaus in die große, weite Magische Welt und Abenteuer erleben. Frei und ungebunden. Als ich aufbrach, war es Frühling. Die nächsten Monate waren die tollsten meines Lebens. Ich bereiste in jener Zeit fast die gesamte Magische Welt. Und obwohl ich wirklich spannende, tolle magische Lebewesen kennenlernte, hielt mich nichts irgendwo lang. Ich war und blieb rastlos, fast getrieben“, für einen Moment starrte sie in sie Luft, ohne weiterzusprechen.

 

Bei Charly ist das tatsächlich keine Alterserscheinung. Das war schon während meiner Ausbildung so gewesen und allzu oft hatte sie in diesen Sekunden das eigentliche Thema vergessen und war mit etwas ganz anderem fortgefahren. Zum Glück verlor sie dieses Mal den Faden nicht:

 

„Doch irgendwann geht jeder Sommer zu Ende und mit ihm verschwand die mir bis dato unbekannte Leichtigkeit, die ich spürte, seit ich aufgebrochen war. Aus dem Ungebundensein wurde quasi über Nacht Einsamkeit. Ich durchstreifte zu jener Zeit das Bergland (=> WW2, 11., 12.). Keine gute Idee, sag ich euch, das im Herbst zu tun. Da wird es zusätzlich zum nächtlichen Regen nämlich schon ab dem Nachmittag allzu oft bitterkalt. Ich fror tagelang, mein Fell war ständig durchweicht. Wie ihr wisst, ist das Bergland nicht nur eine unwirtliche, sondern auch eine einsame Gegend, will eins sich nicht mit Trollen anfreunden. In späteren Jahren habe ich tatsächlich eine Zeitlang bei einer kleinen Gruppe von Trollen gelebt, aber damals machte ich einen großen Bogen um sie. So jung und unerfahren, wie ich war, war das auch besser so.

 

Nun, ich war durchgefroren, nass und einsam. Eine sehr unschöne Kombination, sag ich euch. Und eines Abends, ich hatte den Rückweg zu meiner Höhle, in der ich lebte, viel zu spät angetreten und sah kaum noch etwas, so heftig lief mir der eisige Regen über das Gesicht, überkam mich ein Gefühl, was ich glaubte, nicht zu kennen.“

 

Erneut machte sie eine Pause, versunken, nachdenklich, die Augen in die Ferne gerichtet.

 

„Welches Gefühl?“, fragte Spring, nun so sanft und liebevoll, wie ich sie kannte.

 

Für einen Moment sah Charly meine Liebste verwirrt an, dann antwortete sie: „Heimweh. Hat mich sozusagen doppelt kalt erwischt. Ich war bei meiner Familie zu keinem Zeitpunkt in meinem bisherigen Leben glücklich gewesen; ich hasste meine verbohrten, strengen, harten, verbitterten Eltern, war zu Tode genervt von meinem Bruder Angelo“, sie sah kurz zu mir, „deinem Vater – und doch vermisste ich sie in jenem Moment alle drei so sehr, dass ich nicht nur Rotz und Wasser heulte, sondern nicht mehr weiterlaufen konnte. Ich sackte in diesem eisigkalten Regen einfach in mich zusammen. Eine wahrlich tapfere Abenteurerin“, bei der letzten, natürlich sarkastisch gemeinten Bemerkung schüttelte sie den Kopf. „Ich sehnte mich nach der warmen gemütlichen Hütte, nach meinem weichen Lager und nach Gesellschaft.“

 

Ich verstand nur allzu gut, was Charly meinte. Einige Anteile von Anna vermissen hin und wieder die Eltern, obwohl sie Täter*innen waren. Auch wenn ich manchmal glaube, dass sie es in Wahrheit vermissen, eine Familie gehabt zu haben, die gut zu ihnen gewesen wäre. Ein Zuhause, in dem sie halbwegs unbeschadet hätten aufwachsen können, und nicht die tatsächlichen Personen. Wie dem auch sei, die Verbindungen zu unseren ersten Bezugspersonen sind komplex – und ja, es ist okay, sie auch mal zu vermissen, auch wenn sie gewalttätig waren. Da sind wir wieder bei der Trauer über das, was war bzw. eben nicht war.

 

Charly, die eine weitere kurze Pause gemacht hatte, in der sie gedankenverloren in die Luft starrte (so viel zu „Ist schnell erzählt“), fuhr fort:

„Mühsam rappelte ich mich auf, denn eins war mir trotz der überbordenden Gefühle klar: Das Bergland ist kein Ort, wo eins nachts allein heulend am Boden liegen sollte, es sei denn, eins möchte als Futter für Schakale oder als Spielzeug für Trolle enden. Ich taumelte also weiter, kam aber keine zehn Schritte weit, da prallte ich gegen den größten Tiger, den es wohl gibt. Ich verstehe bis heute nicht, warum ich ihn nicht gesehen habe. Er war wie aus dem Nichts aufgetaucht und ich bin einfach gegen ihn gelaufen.“

 

„Genau wie bei mir“, rief Socke begeistert aus, „bevor ich die Augen schloss, war da nur der Strom der Magie und nur Sekunden später sprang ich schon gegen ihn. Wie macht der Kerl das? Woher weiß er, dass da gerade ein Tier ist, was seine Hilfe braucht? Wie lange warst du bei ihm? Und hat er dich auch auf diese unfassbare schöne Insel gebracht?“

 

„Das sind eine Menge Fragen auf einmal“, grummelte Charly. „Fangen wir mit deiner letzten an. Ja, kaum war ich gegen ihn gelaufen, saß ich auch schon auf seinem Rücken und wir sprangen durch die Dimensionen. Wir landeten in der Tat auf einer ganz zauberhaften Insel, wo er sein Lager hatte.“

 

Auch Charly schwärmte kurz von den Magischen Kissen und den entzückenden, türkisen Vögeln und widmete sich dann Sockes anderen Fragen: „Tja, wie trifft eins auf Edward? Bei unserer zweiten Begegnung habe ich ihn genau das gefragt. Er hat nur etwas von Zufall gemurmelt, was ich eine eher unzureichende Antwort fand. So bleibt es wohl ein ungeklärtes Phänomen. Was wolltest du noch wissen? Ach, ja. Wie lange ich dort auf der Insel war? Nun, das ist wirklich spannend. Ich hatte Monate mit Edward auf der Insel verbracht. Doch nachdem er mich ins Bergland zurückgebracht hatte, stellte ich überrascht fest, dass dort noch immer Herbst war. Ich hatte fest damit gerechnet, dass auf der Magischen Welt der Frühling angebrochen wäre. Weit gefehlt, mir peitschte sogleich wieder der eisige Regen ins Gesicht. Auf der Magischen Welt waren nicht mehr als ein paar Tage vergangen, wie mir nach und nach klar wurde. Die Insel liegt offenbar in einer anderen Dimension, in der die Zeit ganz anders tickt als hier bei uns.“

 

Socke warf Spring einen triumphierenden Blick zu: „Siehste, ich war wochenlang auf der Insel.“

 

Spring ihrerseits konterte mit: „Und in unserer Welt nur vierundzwanzig Stunden!“

 

Beide wirkten nach wie vor aufgebracht und standen erneut mit gesträubtem Fell voreinander. Zum Glück schaltete sich Anton ein, mit seiner tiefen, sehr ruhigen Stimme: „Ihr habt beide recht. Und könnt euch wieder setzten. Ich bin nämlich sehr neugierig, was uns Charly noch zu erzählen hat.“

 

Spring und Socke gehorchten und Charly veränderte ihre Sitzposition etwas, bevor sie weitererzählte:

„Die zweite Begegnung war Jahrzehnte später. Ich lebte seit einiger Zeit mit meiner Liebsten Olympia, einer wunderschönen weißen Katze mit grauen Augen, im Land der Magischen Tempel (=> WW; 22.2 ) am äußersten Zipfel am Ozean. Auch sie war, so hatte sie es mir lange vermittelt, eine Abenteurerin. Wir hatten uns zehn Jahre zuvor auf einer meiner Reisen kennengelernt. Im Land der Magischen Tempel hatte es uns so gut gefallen, dass wir dort unser Basislager aufgeschlagen hatten, um zwischen den Erkundungstouren einen Platz zum Ausruhen zu haben, denn nach einem magischen Unfall war ich nicht mehr ganz so fit wie früher. Anders als Olympia, die zudem auch noch zwanzig Jahre jünger war als ich“, sie schmunzelte. „Was soll ich sagen, sie war die Liebe meines Lebens – und gäbe es die Institution der Ehe auf unserer Welt, ich hätte sie vom Fleck weg geheiratet. Aber das gibt es eben nur auf der menschlichen Welt.“

 

„Und da auch nur für Menschen und dieses Konzept ist wirklich in vielen Punkten sehr fragwürdig“, warf Tasso ein, der einfach über alles Bescheid weiß. Charly ignorierte ihn geflissentlich, während ich meine Tante verwundert musterte. Dass sie, dieser olle Grummelkopf, zu so romantischen Gefühlen fähig war, erstaunte mich.

 

„Olympias Familie lebte im Zauberwald, genau wie meine. Sie hatte zu ihrer jedoch ein gutes Verhältnis und besuchte sie alle paar Jahre. Sie drängte mich jedes Mal, sie zu begleiten, doch ich hatte mir geschworen, den Zauberwald nie wieder zu betreten“, sie unterbrach sich kurz und sah mich an, „jedenfalls galt das, bis ich von deiner Existenz erfuhr.“

 

„Wie ging es mit Olympia weiter?“, fragte ich rasch, denn ich erkannte an Charlys Gesichtsausdruck, dass sie kurz davor war, den Faden zu verlieren.

 

Erneut breitete sich für einen Moment Verwirrung auf ihrem Gesicht aus, dann fing sie sich: „Ach so. Ja. Nun, ich bin also auch damals nicht mitgegangen. Hätte ich es mal getan. Vielleicht wäre dann so vieles anders gekommen“, sie seufzte tief. „Die Wochen gingen ins Land und Olympia kehrte nicht zurück. Und so machte ich mich krank vor Sorge auf die Suche nach ihr, hörte mich um und erfuhr von einem Gnom, den ich noch aus alten Zeiten kannte, dass sich vor kurzem eine weiße Katze und ein schwarzer Kater in der Nähe ihres Gebiets niedergelassen hatten. Ich wollte nicht glauben, dass es sich bei der weißen Katze um Olympia handeln könnte, und durchstreifte die Gegend, die mir der Gnom genannt hatte. Und eines Abends sah ich sie. An einem See nur wenige Kilometer nördlich vom Gnomtal. Sie saß dort, ich sah sie nur von hinten, ja, aber ich erkannte sie sofort, Seite an Seite mit einem wunderschönen, schwarzen Kater, die Schwänze ineinander verschlungen und betrachtete den Sonnenuntergang. Sie muss meinen Blick gespürt haben, denn sie wandte sich um, erkannte mich, lief auf mich zu. Doch ich drehte mich vom Fleck weg um und rannte davon. Ich wollte keine Erklärungen hören, denn ich hatte gesehen, was ich sehen musste. Und noch mehr. Olympia war bereits trächtig. Das war nicht zu übersehen. Ich rannte und rannte, mein Herz schien vor Schmerz zu bersten und ...“

 

„Dann bist du wieder gegen Edward geprallt?“, fragte Socke ungeduldig.

 

„Nein, er kam in jener Nacht, eher schon in den frühen Morgenstunden, zu mir. Ich war Stunden gerannt, völlig erschöpft. Ich befand mich irgendwo zwischen Gnomland und Feenwald (=> WW2/Karte) und versuchte, ein magisches Feuer zu entzünden, denn mir war eisigkalt, obwohl es eine warme Nacht war. War wohl mehr ein innerliches Frieren. Jedenfalls klappte es nicht. Das verdammte Feuer ging mir jedes Mal wieder aus, kaum dass es aufflackerte. Ich wurde immer verzweifelter, verbrannte mir fast eine Pfote, heulte, schrie nach Olympia, fassungslos und entsetzt und geschockt. Die Liebe meines Lebens hatte mich einfach verlassen. Ohne jede verdammte Vorwarnung. Verlassen für einen verdammten Kater, um eine verdammte Familie zu gründen, was sie doch so vehement als verdammt spießig verurteilt und abgelehnt hatte. (Wer sich je gefragt hat, wo ich das Fluchen her habe ...) Und dann war Edward mit einem Mal da. Stand neben mir. Wieder wie aus dem Nichts. Sah mich an. Und nahm mich mit. Ohne ein Wort zu sagen. Ein zweites Mal. Und wieder blieb ich Monate mit ihm auf der Insel. Also, ja, dieser Tiger existiert“, schloss sie und vermied es zum Glück, Spring bei ihrem letzten Satz direkt anzusehen.

 

Und ich, Große Katze im Himmel, ich hatte einen Kloß im Hals. Spring, die spürte, was in mir vorging, lehnte sich für einen Moment an mich. Ich war so tief berührt und hatte so viele Fragen an meine Tante, wollte gerade ansetzen, doch Socke, den ein ganz anderes Detail beschäftigte – manchmal hat er die Sensibilität von Annas Kühlschrank –, machte mir einen Strich durch die Rechnung und fragte Charly geradezu drängend: „Du hast gar nichts zu Edwards Schnurren gesagt. Fandest du das nicht auch Magie pur?“

 

Die Stirn meiner Tante kräuselte sich ein wenig (ja, das geht auch bei Katzen, zumindest bei Charly), als sie knapp und trocken, um nicht zu sagen, unfreundlich, antwortete: „Sein Schnurren? Wohl kaum. Edward ist ein Tiger. Tiger können nicht schnurren.“

 

„Oh“, Socke sah Charly für einen Moment mit großen Augen an und senkte dann den Kopf. Angelegentlich inspizierte er seine Pfoten und murmelte dann zerknirscht und leise: „Nun, vielleicht habe ich das damals dann doch dazuerfunden.“

 

Ich rechnete fest damit, dass Spring bei diesem Eingeständnis komplett ausrasten würde, doch sie überraschte mich wie oft und begann herzhaft zu lachen: „Ach, Socke!“

 

Sie tapste zu ihrem Cousin, der nun die personifizierte Verlegenheit war, hinüber und leckte ihm einmal kurz über sein linkes Ohr. So ganz erschloss sich mir dieser Sinneswandel jetzt nicht, aber offenbar hatte es Charly mit ihren Geschichten geschafft, meine Liebste von der Existenz Edwards zu überzeugen:

 

„Es tut mir leid, dass ich dir nicht geglaubt habe, aber ich war damals so sauer auf dich. Ich hatte Angst, Omi würde all das nicht verkraften und vor Kummer womöglich auch sterben. Erst der Tod von ihrem Sohn – deinem Vater – und dann der Stress mit dir und dann haust du auch noch ab und wir wussten nicht, ob dir nicht ebenfalls etwas Schlimmes widerfahren war.“ Sie schüttelte gedankenverloren den Kopf: „Und dann tischst du uns diesen Mist auf, jedenfalls hielt ich es bis eben noch für Mist, statt dich einfach bei Omi und uns zu entschuldigen. Schätze, ich hab mich über die Jahre ein bisschen zu sehr an der Geschichte festgebissen. Ich war damals doch auch erst zehn und recht überfordert mit all dem.“

 

„Hast du deshalb damals wochenlang danach nicht mit mir geredet? Das war echt schlimm“, erkundigte sich Socke, noch immer seine Pfoten begutachtend.

 

Spring nickte: „Ja. Aber zum Glück bist du mir ja immer weiter hinterhergerannt, bei allem, was ich machte, sodass ich nicht umhinkam, irgendwann damit aufzuhören, dich zu ignorieren.“

 

Sie schmunzelte in Erinnerung daran.

 

Socke jedoch, nun endlich in der Lage, sie anzusehen, hakte noch einmal nach: „Glaubst du mir jetzt wirklich?“

 

„Ja, das tue ich“, antwortete Spring resolut, „auch wenn es etwas gibt, was ich immer noch nicht verstehe.“

 

Sie wandte sich an Charly:

 

„Wenn Edward existiert, warum habe ich dann bitte in keinem einzigen Buch je von ihm gelesen?“, Spring sah Tasso hilfesuchend an, der die komplette Bibliothek auswendig kannte: „Oder hast du schon mal was von ihm gehört?“

 

Tasso schüttelte den Kopf.

 

„Ach, ihr Jungspunde“, Charly ließ Tasso keine Chance zu antworten, was vermutlich auch besser war, hätte er uns doch sonst stundenlang aufgezählt, was er alles schon gelesen hatte. „Es gibt so viele Mythen, Legenden und Geheimnisse über die Magische Welt, ihre Bewohner*innen und über das Leben an sich – und nur ein Bruchteil davon ist niedergeschrieben worden. Ihr habt gewiss auch noch nichts von der Zwischenwelt gehört – und doch existiert sie.“

 

„Die Zwischenwelt?“, fragten Penny, Anton und ich wie aus einer Schnauze.

 

„Die Zwischenwelt. Genau. Ach, das erzähle ich euch ein anderes Mal. Diese alte Katze hier ist jetzt zu müde für eine weitere Geschichte“, Charly erhob sich langsam. „Kommt doch einfach morgen Nachmittag vorbei. Ich habe ja noch jede Menge zu essen da, weil ich heute eigentlich mit einem zauberhaften Gast gerechnet hatte.“

 

Sie zwinkerte mir zu und stapfte dann, typisch Charly, ohne ein weiteres Wort von dannen, verfolgt von den perplexen Blicken von fünf Katzen, drei Leopard*innen und einem Hund.

 

Auch wir waren alle müde, war es doch ein super-spannendes, emotionsgeladenes Kaffeekränzchen gewesen, und beschlossen daher, ebenfalls aufzubrechen. Während wir unseren Kram zusammensammelten, hielt ich kurz inne und ließ meinen Blick nachdenklich über meine Freund*innen schweifen. Es gab so viel, was ich bisher über Socke nicht gewusst hatte – und auch über meine alte Tante nicht. Vielleicht ist das etwas, was wir uns alle hin und wieder bewusst machen sollten: dass wir allzu oft nichts darüber wissen, welche Päckchen andere Lebewesen so mit sich herumtragen, nichts oder zu wenig über ihre Leben, ihre Erfahrungen und Hintergründe wissen, über das, was sie geprägt hat. Vielleicht wäre dann nicht nur meine Welt, sondern auch die eure eine bessere, miau.

 

Und Edward, der Trauer-Tiger? Ja, den könnten Anna und Co wirklich sehr gut gebrauchen, da hat Socke schon recht. In einer Ein-Zimmer-Wohnung in einer Großstadt allerdings wohl eher schwierig unterzubringen. Nun, ja, miau, wie auch immer. Ich würde noch am Abend allen von Edward erzählen, beschloss ich, während ich durch die Dimensionen nach Hause sprang - und eins der Kuschelkissen verzaubern. Vielleicht würde das ja schon ein bisschen helfen. 

 

So, meine Zauberhaften, für heute war es das schon wieder. Ja, ich weiß, ihr seid neugierig, was es mit dieser Zwischenwelt auf sich hat, die Charly erwähnt hat. Ich kann euch sagen, das interessierte meine Freund*innen und mich auch brennend und so haben wir gemeinsam am nächsten Tag Charly einen Besuch abgestattet. Was sie uns da alles erzählt hat, erfahrt ihr in der nächsten Geschichte (24. ...).

 

Wie immer könnt ihr mir hier auf dem Blog oder auf meinen Social Media Accounts einen Kommentar hinterlassen. Am liebsten auf dem Blog, denn da bleibt der Kommentar und geht nicht in den Posts unter. Wir lesen uns. Bis bald.

 

 

Es grüßt euch herzlich euer Merlin.

 

 

 

Kommentare: 3
  • #3

    firefly (Donnerstag, 30 April 2026 19:06)

    obwohl gar nicht viel passiert auf dieser lichtung, passiert doch ganz viel in den köpfen der leser*innen, und die geschichte ist einfach nur schön.

  • #2

    Inka (Freitag, 24 April 2026 12:57)

    Lieber Merlin. Wenn es Edward, den Trauer-Tiger auch in der Menschenwelt geben würde, das wäre wundervoll.
    Vielen lieben Dank für die bewegende Geschichte. �

  • #1

    Hartmut (Sonntag, 12 April 2026 10:41)

    Lieber Merlin, es war wieder eine tolle, schöne Erzählung. Und es ist auch schön zu hören, dass du und Penny euch so gut versteht. Und es ist eine tolle Gruppe, die ihr euch dort geschaffen habt.
    Und ja, das mit Minna und dem Einmischen in unsere Welt wäre möglich.
    Und du hast wieder sehr toll eine Erklärung über das DIS-System gebracht: Wenn sich die In-Personen alle zurückziehen und auf einmal ruhiger und stiller werden. Ich hätte nie gedacht, dass das eigentlich eher die Vorwarnung für einen Tsunami wäre. Danke hierfür. Die Erzählung über Socke und mit den Eltern ist schon sehr traurig. Aber wenn ich könnte, würde ich mich auch über solche tollen Kissen freuen. Ich würde sie auch sehr gerne verteilen, weil viele solche Kissen sicherlich brauchen.
    Auch ein Edward wäre eine tolle Geschichte, aber na ja, wir werden ja auch noch mehr erfahren. Und ja, wo die Liebe manchmal auch hinfällt, auch bei euch ist es nicht anders als bei uns.
    Und es tut mir natürlich leid mit Anna und Co. Aber dieses Problem werden wir so einfach nicht in den Griff kriegen. So ist unser Hilfesystem zurzeit, und es wird leider nicht besser.
    Und du hast es sehr gut erfasst mit dem Fundament, das wir alle eigentlich schon ganz früh brauchen. Wenn das vorhanden ist, sind viele Sachen einfach wesentlich leichter zu ertragen.
    Ich freue mich auf die weitere Geschichte, die weitergehen wird. Und zu lang? Ach, wenn es jemandem zu lang ist zu lesen, kann er eine Pause machen.
    Also warte ich auf die Geschichte über die Zwischenwelt. Mal sehen, was da nun wirklich ist. Ich bin gespannt.
    Und viele Grüße an Anna und Co. und natürlich auch an Spring. �