24. Die Zwischenwelt

CN Depressionen

 

Miau und hallo, meine zauberhaften Leser*innen,

 

nach dem Cliquentreffen, bei dem meine Freund*innen und ich so viel über Socke, Charly und den mysteriösen Tiger Edward (=> 23. ) erfahren hatten, war ich wie geplant zu Anna & Co gesprungen. Nachts lasse ich sie, wie ihr wisst, ungern allein, und am nächsten Tag standen ein paar Aufgaben an, bei denen Anna meine Hilfe brauchte.

 

Ihr glaubt nicht, wie viel Chaos die Pflegekasse so anrichten kann. „Versehentlich“ war Anna das komplette Pflegegeld für den Januar 2030 überwiesen worden. Ja, miau, so habe ich auch geguckt, als mir Anna den Kontoauszug zeigte. Und als wäre das schon nicht nervig und absurd genug, war der Vorschlag der Pflegeversicherung, wie diese Überzahlung verrechnet werden sollte, nur als aberwitzig zu bezeichnen. Details erspare ich euch. Ich hatte ihr jedenfalls versprochen, dort mit ihr anzurufen und die Kasse dazu zu bewegen, den Betrag im Folgemonat komplett zu verrechnen. Als uns das gelungen war, mussten wir noch abwaschen und kochen. Alltagsdinge eben. Die Kinderanteile stellten mir währenddessen ohne Ende Fragen über den Trauer-Tiger, von dem ich noch am Abend zuvor ausführlich berichtet hatte. Sie wollten wieder und wieder jedes Detail wissen, malten sich Edwards Insel in allen Farben aus und kicherten (im Gegensatz zu Anna) noch immer darüber, dass ich das mit dem Verzaubern eines Kuschelkissens komplett vergeigt hatte. Statt tröstende Magie zu verströmen, hüpfte es nunmehr fröhlich durch die Wohnung.

 

Der Vormittag verging wie im Flug und nach einem gemeinsamen Nickerchen musste ich mich schon wieder auf den Weg in den Zauberwald machen, war ich doch, wie ihr wisst, mit meinen Freund*innen zu einem Kaffeekränzchen bei Charly verabredet, um Näheres über diese ominöse Zwischenwelt zu erfahren, die sie tags zuvor erwähnt hatte.

 

„Meine Katze hat echt mehr Sozialleben als ich. Schon absurd“, kommentierte Anna, als ich ihr das mitteilte. Mir zog sich das Herz zusammen. Anna hat nie einen besonders großen Freund*innenkreis gehabt. Doch seit Beginn der Pandemie ist dieser immer weiter zusammengeschrumpft und Verabredungen sind sukzessive seltener geworden, was in erster Linie daran liegt, dass Anna als Risikopatientin weiter die Schutzmaßnahmen aufrechterhalten muss. Das wird leider von einem Teil von Annas Freund*innen nicht mitgetragen, schließlich hat ja alle Welt die Pandemie für beendet erklärt, miau. Fälschlicherweise zwar, aber dieses Detail scheint kaum wen zu interessieren. Menschen, ey. Nach 140 Jahren verstehe ich noch immer nicht, wie ihr manchmal so tickt. Die dadurch stärker gewordene Einsamkeit war und ist genauso depressionsfördernd wie das Chaos, was Ämter und Pflegekasse regelmäßig so anrichten. So kuschelte ich mich erst mal noch eine Weile schnurrend an sie, um sie zu trösten, bis sie mich mit den Worten „Na, los, spring schon. Ich wünsche dir viel Spaß“ anstupste.

 

So kam es, dass ich als letzter vor Charlys Hütte im Zauberwald landete. Anton, Socke, Penny, Spring, Tasso, Mascha und JP und Snowflake hatten das Buffet, das Charly auf einem flachen Felsen angerichtet hatte, schon gut geplündert. Daher schnappte ich mir lediglich den Kaffee, den sie für mich gekocht hatte, streckte mich neben Spring aus und erklärte kurz den Grund für meine Verspätung.

 

„Alles gut“, schnurrte Spring und rieb ihren Kopf liebevoll an meinem. „Aber da wir ja jetzt vollzählig sind, kannst du endlich anfangen, uns die Geschichte zu erzählen. Ich bin echt neugierig.“ Die letzten beiden Sätze richteten sich an Charly, die meine Liebste irritiert ansah.

 

„Welche Geschichte?“

 

„Na, die von der Zwischenwelt!“, platzte Socke unwirsch heraus. Geduld – die braucht eins bei Charly – gehört ganz katzenuntypisch nicht zu seinen Stärken, miau.

 

„Ach, ja....“, sie verstummte erneut und fixierte einen Punkt irgendwo am Himmel.

 

 

Nun, meine zauberhaften Leser*innen, ihr wisst ja, dass die gute Charly öfter mal den Faden verliert, noch dazu wenn sie ständig von Socke unterbrochen wird. An jenem Tag war es echt schlimm. Daher gebe ich Charlys Erzählung zwar aus ihrer Perspektive, aber geordnet und am Stück wieder:

 

 

 

Etliche Jahrzehnte, bevor ich Olympia kennenlernte, lebte ich eine Zeitlang im Land der Ries*innen (s. WW1 und WW2). Sie sind wahrlich interessante Lebewesen und im Allgemeinen sehr gastfreundlich. Ich genoss die Abende am Lagerfeuer ebenso wie das Zuschauen bei ihren ‚Schlag die Steinkugel‘-Wettkämpfen, auch wenn ich die Regeln nie wirklich verstanden habe. Dieses Spiel ähnelt dem menschlichen Baseball sehr, ist aber viel komplizierter und sie spielen natürlich nicht mit so kleinen Bällen und Schlägern wie die Menschen, nein, sie schlagen riesige, rundgeschliffene Steine mit den Stämmen junger Bäume auf ein geradezu überdimensionales Spielfeld. Sehr spannend, sag ich euch. Insgesamt hatte ich eine gute Zeit dort. Bis der Tag kam, an dem ich tat, was eins niemals, wirklich niemals tun sollte, wenn eins auf Ries*innen trifft.

 

Nach besonders starken Regengüssen, die es in dieser Gegend nur alle paar Monate gibt, meist tröpfelt es lediglich, beginnen an den Ästen, die aus den Körpern der Ries*innen wachsen, kleine blaue Blümchen zu sprießen. Ein wahrlich faszinierendes Schauspiel. Aus diesen Blümchen ziehen sie ihre Kraft, aber das wisst ihr wahrscheinlich alles, wenn ihr in eurer Ausbildung gut zugehört habt. (Kein Kommentar meinerseits, miau.) Diese Blümchen verströmen einen wunderbaren Duft nach Vanille. So wunderbar, so betörend, dass ich an einem sehr stürmischen Tag, als ich im Wald einen unter einem Baum schlafenden, blühenden, jungen Riesen entdeckte, einen fatalen Fehler beging, der eine ganze Kette von Ereignissen auslöste, an deren Ende mein Leben, so wie ich es kannte, um ein Haar vorbei gewesen wäre.

 

Der Geruch zog mich geradezu magisch an – und obwohl ich wusste, dass Ries*innen im Allgemeinen einen sehr leichten Schlaf haben, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, mich anzuschleichen und an den Blümchen zu riechen. Ja, riskant. Aber ich verstand mich damals noch als waghalsige Abenteuerin und ignorierte die erste und allerwichtigste Regel zum Umgang mit diesen großen, bärenähnlichen Wesen: Wecke niemals eine*n schlafende*n Ries*in.

 

Es gibt wahrscheinlich in allen Welten, ja, in allen Universen kein Lebewesen, was wütender reagiert, wenn es aus dem Schlaf gerissen wird! Zunächst schien es so, als hätte ich Glück, der junge Riese rührte sich nicht einmal, als ich schon direkt neben ihm stand. Doch als meine Nase eins dieser Blümchen sanft berührte, erwachte Hubert, so hieß er. Ich kannte ihn und er war eigentlich ein lieber Kerl. Doch nun setzte er sich auf und begann augenblicklich zu brüllen und um sich zu schlagen. Ich machte einen Satz nach hinten und rannte los, rannte um mein Leben, denn er war stinkewütend. Das war weder zu überhören noch zu übersehen. So wütend, wie ich es bis dato bei keinem der Kolosse erlebt hatte. Zum Glück brauchte er einen Moment, um auf seine Füße zu kommen. Ich war damals noch richtig schnell, sodass ich mir erst mal einen guten Vorsprung erlaufen konnte. Aber auch er legte ein erstaunliches Tempo an den Tag und warf Äste und Steine nach mir, während er hinter mir herrannte. Er holte immer mehr auf, kam näher und näher. Ich war mir sicher, dass mein letztes Stündlein geschlagen hatte, als es hinter mir ohrenbetäubend laut wurde.

 

Erschrocken fuhr ich herum, sah, wie etwas Riesiges durch das Dach des Waldes krachte, Äste und Laub mit sich reißend. Es landete genau zwischen mir und Hubert, der nur noch gut dreißig Meter von mir entfernt war, und es war sehr groß und ... lila.

 

Richtig! Es war tatsächlich ein Feuerdrache, der da vom Himmel gefallen war.

 

(Ja, miau, meine Zauberhaften, nicht wundern, Feuerdrachen sind wirklich violett, nicht rot, wie die meisten vermuten, wenn sie den Namen hören. Die Schuppen an Rücken und Kopf sind dunkellila, fast schon ins Schwarz übergehend, die Zacken auf dem Rücken und Schwanz sowie die Schuppen an Bauch, Brust und dem langen Hals glänzen helllila und glitzern ein wenig, wenn das Sonnenlicht auf sie fällt. Anmerkung des Autors.)

 

Mit offenem Mund beobachtete ich, wie Hubert direkt in den Feuerdrachen rannte, der eben dabei war, auf die Füße zu kommen, richtig mit Schwung. Die beiden prallten fast slapstickmäßig voneinander ab. Hubert landete auf seinem Hinterteil und hielt sich den Kopf. Der Drache, noch ein Kind, wenn nicht sogar ein Baby, war auf dem Rücken gelandet. Nach einer Schrecksekunde nutzte ich die Gelegenheit, auf einen der riesigen Bäume zu klettern, um mich in Sicherheit zu bringen, falls die Situation eskalieren sollte. Genauer betrachtet, war diese Idee nicht besonders schlau. Sowohl für Hubert als auch für den Drachen wäre es ein Leichtes gewesen, mich von dort herunterzupflücken. Doch wieder hatte ich Glück. Das brauchen Abenteuer*innen, glaubt mir.

 

Sowohl Hubert als auch der Feuerdrache kamen erst nach einigen Sekunden zu sich und nachdem sich der Drache in eine sitzende Position aufgerappelt hatte, hockten sie völlig verwirrt voreinander. Ihren Gesichtern nach zu urteilen, war ihnen beiden etwas schwindelig. In meinem Baum hockend traute ich mich kaum zu atmen, vor lauter Angst, Hubert auf mich aufmerksam zu machen. Doch nach einer gefühlten Ewigkeit stand er langsam auf und schwankte von dannen. Er hatte mich komplett vergessen und der junge Drache war ihm offenbar ziemlich egal. Die Schlangenlinien, die der Riese lief, ließen mich vermuten, dass er sich durch den Zusammenstoß eine kräftige Gehirnerschütterung zugezogen hatte. Pech für ihn, Glück für mich.

 

Der junge Feuerdrache wollte sich ebenfalls erheben, sank jedoch mit einem Schmerzensschrei wieder in sich zusammen und begann zu jaulen, was das Zeug hielt. Ja, Drachenkinder jaulen wie Hundewelpen, nur viel, viel lauter, geradezu ohrenbetäubend. Also, er jaulte und jaulte und hielt sich dabei den linken Flügel mit dem rechten. Selbst weit oben im Baum sitzend konnte ich erkennen, dass dieser völlig verdreht und vermutlich gebrochen war. Damals hatte ich noch Augen wie ein Luchs, wie es so schön heißt. Er tat mir leid, hatte er mir doch durch seinen Absturz vermutlich das Leben gerettet. Ich mag mir nicht ausmalen, was passiert wäre, hätte Hubert mich in die Finger bekommen. So kletterte ich einige Äste nach unten – vorsichtig, auch mit Feuerdrachen ist ja oft nicht zu spaßen – und fragte ihn, ob er Hilfe brauchte. Zunächst reagierte er nicht, so sehr war er von dem Schmerz gefangen genommen. Ich musste mehrmals rufen, bis er meine Stimme überhaupt wahrnahm. Endlich hörte er auf zu jaulen und sah sich suchend um. Ja, Feuerdrachen sind eher kurzsichtig. Schließlich entdeckte er mich und starrte mich völlig verängstigt an. Ein Drache, der Angst vor einer Katze hat? Doch bevor ich mich weiter darüber wundern konnte, hörte ich ihn schüchtern fragen: „Wer bist du?“

 

„Charly. Und du? Wie heißt du?“

 

„Feuersturm“, flüsterte dieses riesige Wesen so leise, dass ich es kaum verstand. Dann fügte er, etwas lauter und mutiger, hinzu: „Kannst du mein Flügelchen heile machen?“

 

Flügelchen? Der Kerl war definitiv noch ein Baby. Vorsichtig stieg ich vom Baum und näherte mich ihm, während ich überlegte, was ich tun könnte, um ihm zu helfen.

 

Seinen Flügel zu heilen, würde mir nicht möglich sein. Der Knochen musste schon von selbst zusammenwachsen. Aber in meinem Lederbeutel, den ich bei meinem Sprint zum Glück nicht verloren hatte, hatte ich Kräuter gegen Schmerzen, die ich ihm geben konnte. Und sobald die wirkten, könnte ich seinen Flügel schienen, sodass er gut und vor allem gerade zusammenheilen konnte. Behutsam erklärte ich Feuersturm, was ich vorhatte. So kindgerecht, wie möglich.

 

Einen Moment lang sah er mich skeptisch an, dann streckte er mir zögernd den verletzten Flügel so weit entgegen, bis er vor Schmerz zusammenzuckte. Ich nahm die Geste als Zustimmung und begann mit der Behandlung.

 

Ich musste ihm meinen gesamten Vorrat an schmerzstillenden Kräutern verabreichen, bis sie endlich wirkten. Selbst junge Feuerdrachen sind doch erheblich größer als eine Katze.

 

(In der Tat, ich war zwar noch keinem persönlich begegnet, aber die können bis zu acht Metern lang werden, wenn sie ausgewachsen sind. Kein Vergleich zu den Mini- oder Glücksdrachen, die ihr u.a. in den Geschichten Die Reise zu den Drachen und 17. Und manchmal wird doch alles gut kennengelernt habt.)

 

Während der Drache und ich darauf warteten, dass die Kräuter wirkten, fertigte ich mit Hilfe von Magie, Ästen und Schlingpflanzen die Schiene an. Es dauerte, bis er einigermaßen entspannt war, sodass ich den Flügel richten und sie anlegen konnte. Um ihn von dem Procedere etwas abzulenken, denn ganz schmerzfrei ging das trotz der Kräuter nicht von statten, fragte ich ihn, warum er denn eigentlich vom Himmel gekracht sei. Etwas verschämt, das Ganze war ihm offensichtlich sehr peinlich, erzählte er mir, was passiert war:

 

Er war mit seinen Eltern Richtung Norden unterwegs gewesen. Offenbar taten sie viel für die Allgemeinbildung ihres Sohnes, denn sie zeigten ihm Stück für Stück die gesamte Magische Welt, erklärte er mir. Auf diesen Langstreckenflügen wurde ihm aber schnell langweilig, das gemächliche Tempo seiner nicht mehr ganz jungen Eltern nervte ihn sehr. So war er auch an jenem Tag pfeilschnell vorausgeflogen, hatte Loopings und Spiralen gedreht, Sturzflüge geübt und allerlei andere Mätzchen veranstaltet. Dabei hatte er seine Kräfte und Fähigkeiten mächtig überschätzt, in Anbetracht des Sturmtiefs, das über diesen Landstrich zog, wie er mir eingestand, und war in luftiger Höhe in heftige Turbulenzen geraten. Er schaffte es nicht, sich zu stabilisieren. „Mami und Papi“, ja, er nannte sie wirklich so, waren nicht mal mehr in Sichtweite und hatten daher keine Chance, ihm zu helfen. „Und dann“, O-Ton, „ging es mit Karacho von ganz weit oben nach ganz tief unten.“

 

Ja, es grenzte an ein Wunder, dass er sich nicht alle Knochen gebrochen hatte! Doch ich sparte mir einen Kommentar und konzentrierte mich stattdessen darauf, mit den Pfoten den letzten Knoten festzuziehen. Ich hatte die Schiene mithilfe der Schlingpflanzen an dem gerichteten Flügel befestigt. Zufrieden betrachtete ich mein Werk. Die Schiene saß perfekt.

 

Doch Feuersturm war eindeutig nicht glücklich, aus seiner Perspektive verständlich, denn er konnte so den ewig langen Flügel weder bewegen noch einklappen. Entsetzt sah er mich an:

 

„Aber so kann ich doch nicht fliegen! Wie soll ich denn so Mami und Papi wiederfinden? Sie wissen doch gar nicht, wo ich abgestürzt bin, und haben keine Chance, mich zu finden, wenn ich hier unten festsitze!“

 

In der Tat ein Problem. Mit Hilfe der Schiene würde der Flügel zwar gut zusammenwachsen, aber bis dahin würde der junge Drache am Boden bleiben müssen. Und auch beim Laufen würde er vorsichtig sein müssen, um mit dem abstehenden Flügel nicht überall gegenzustoßen. Nach kurzem Nachdenken kam mir eine Idee, wie es uns vielleicht gelingen könnte, seinen Eltern den Weg zu ihm zu weisen:

 

Nicht weit von hier war eine Anhöhe zu sehen, die nicht besonders stark bewachsen war. Der Weg dahin war relativ breit, sodass er für Feuersturm gut begehbar sein würde. Von dieser Anhöhe aus könnten wir in regelmäßigen Abständen magische Leuchtkugeln weit in den Himmel schießen. Mit etwas Glück würden seine Eltern, die mit Sicherheit den Himmel abflogen und nach ihrem Sohn suchten, auf dieses SOS-Signal aufmerksam werden. Kurzentschlossen erklärte ich Feuersturm meinen Plan.

 

Und dann passierte es: Das Drachenkind freute sich so darüber, dass ich ihm helfen wollte, dass es mich mit dem gesunden Flügel umarmen wollte. Vermute ich jedenfalls. Stattdessen schleuderte es mich mal eben durch die Gegend. Ich landete in einem Busch – und stürzte in die Tiefe. Durch das schwärzeste Schwarz, was ich je gesehen habe.

 

Minutenlang.

 

Unten angekommen landete ich so unsanft mit dem Bauch auf dem Boden, dass mir die Luft wegblieb. Als ich wieder atmen konnte, setzte ich mich auf und sah mich um. Es war seltsam. Offenbar befand ich mich genau in jenem Waldstück, ja, sogar genau an der Stelle, wo ich eben noch mit Feuersturm gestanden hatte; ich erkannte es an dem großen Felsen, an den er sich gelehnt hatte, während ich seinen Flügel schiente. Von dem Feuerdrachen war allerdings weit und breit nichts zu sehen – und auch ansonsten stimmte nichts wirklich. Das Grün der Bäume und der Moose, das Bunt der Pilze, die im Land der Ries*innen wachsen, alles war ... grau? Farblos? Dichter Nebel waberte durch die Landschaft, verbreitete eine Eiseskälte, die innerhalb von Sekunden bis in mein Innerstes drang. Der Boden hatte eine seltsame Konsistenz, wie ich feststellte, als ich versuchte, ein paar Schritte zu gehen. Es war, als würde ich durch Kaugummi waten. Jeder Schritt war schwer. Ich war schwer. Bleischwer. In meinem Kopf breitete sich Watte aus, sodass auch das Denken fast unmöglich wurde. Wo war ich hier gelandet? Warum fühlte ich so gut wie nichts? Weder Angst noch Entsetzen. In mir war es leer. Kalt, freudlos, gefühllos, bis auf ein wenig Verwirrung. Und Hoffnungslosigkeit. Alles verschlingende Hoffnungslosigkeit. Und da wusste ich es, ganz weit hinten, in einem Eckchen meines Gehirns:

 

Ich war in der Zwischenwelt gelandet, ein lebloses Abbild der Magischen Welt. Deswegen sah es hier auch so aus wie im Land der Ries*innen. Eine Welt zwischen all den Welten, durch die eins nur durch Portale gelangt. Eine Welt, in die eins besser niemals geraten sollte. Eine Welt, in der die Zeit scheinbar stillsteht. Kein Tag. Keine Nacht. Wer da reingerät, ist nach kurzer Zeit in einem Zustand, der weder als tot noch als lebendig bezeichnet werden kann. Der dunkle, graue, zähe Nebel durchdringt alles und saugt alle Farben auf, alle Gefühle, alle Regungen. Alles, ob lebendig oder nicht, ist grau und was es nicht schon war, wird grau, kaum dass es durch das Portal gefallen ist. Ich konnte zusehen, wie mein Fell blasser und blasser wurde. Hunger oder Durst – nicht mehr spürbar. Nach und nach würde alle Kraft meinen Körper verlassen. Ich sah die Gestalten, die schon länger hier sein mussten, und überall am Boden lagen, halb darin versunken oder sich in Schneckentempo wohin-auch-immer bewegten. Schatten ihrer selbst. Bis hin zur Verwandlung in einen lebenden Geist, der nur noch dahinvegetiert. Das Einzige, was in dieser Welt bleibt, ist Hoffnungslosigkeit.

 

 

Ja, Feuersturm hatte mich mit einem Flügelschlag in die Zwischenwelt katapultiert. Eine Welt aus der es kein Entrinnen gibt. Ich war auf immer und ewig gefangen. Glaubte ich. 

 

 

 

Freies Foto von Pixabay. Ein schwarzer Kater mit gelben Augen schaut streng in die Kamera. Es ist vor allem sein Kopf zu sehen und ein Stück vom Hals.

Miau, meine zauberhaften Leser*innen, ich unterbreche hier mal kurz Charlys Bericht über ihr Abenteuer, denn einiges von dem, was sie von dieser gruseligen Zwischenwelt erzählt hatte, erinnerte mich daran, wie es Anna oft geht, was sie durchleidet, erlebt und fühlt, wenn die Depression sie (wieder einmal) fest in ihren Klauen hat: das Gefühl von Hoffnungslosigkeit, das wie ein grauer Nebel alles durchdringt, die Abwesenheit anderer Gefühle wie Freude oder Neugier. Die Leere. Der Verlust von Interessen. Die bleierne Schwere, die Kraftlosigkeit und die elende Müdigkeit, sodass sich jedwedes Tun anfühlt, als würde eins durch einen kaugummiartigen Morast waten. Ein furchtbarer Zustand.

 

Anna ist chronisch depressiv, so lange ich sie kenne. Und das ist nicht so überraschend, denn die Wahrscheinlichkeit, im Erwachsenenalter in einer Depression zu landen, wird durch Traumata in der Kindheit erhöht; Depressionen gehören zu den häufigsten Traumafolgen bzw. Begleitsymptomen einer DIS/pDIS.

 

Ungünstigerweise können sich Symptome einer Depression mit anderen Traumafolgen, z.B. mit emotionaler Taubheit, mit Gefühlen von Schuld und Wertlosigkeit und Schlafstörungen, überlappen. Das macht es diagnostisch und therapeutisch nicht nur ein bisschen schwierig, miau. Ich vermute, dass das einer der Gründe ist, warum Antidepressiva bei Anna nie einen durchschlagenden Erfolg haben, sondern in erster Linie die Spitzen abpuffern und unterstützend wirken. Das soll kein Argument gegen Antidepressiva sein, Medikamente sind wirklich wichtig bei Depressionen, denn sonst kann es schnell gefährlich werden, wenn mensch nicht mehr in der Lage ist, den Alltag zu bewältigen oder Suizidgedanken stärker und stärker werden. Depressionen können tödlich sein, miau.

 

Ja, eine echte Depression ist weit weg ist von dem, was viele Menschen kennen: mal deprimiert zu sein oder ein paar schlechte Tage zu haben.

 

Wir sind alle genauso wenig ein bisschen depressiv, wie wir alle ein bisschen multipel sind.

 

Anna hat immer wieder Phasen, in denen die chronische Depression heftiger, akuter wird, zumeist ausgelöst durch belastende Ereignisse im Außen. 2025 war der Auslöser bei Anna und den anderen die Veränderung im ABW, aber auch die politische Situation. Und trotzdem hat sie funktioniert. Auf hohem Niveau. Was Anna in den letzten achtzehn Monaten gestemmt hat, stemmen musste, lässt selbst mich kopfschüttelnd zurück. Doch auch das ist unterm Strich nicht so verwunderlich: Zum einen haben Traumatisierte von klein auf gelernt zu funktionieren, auch wenn die Welt in Flammen steht (=> Anmerkung 3), zum anderen glaube ich, dass die Zahl derer, die eine funktionale Depression haben, gar nicht so klein ist. Sie wird nur allzu oft nicht erkannt und ist daher besonders heimtückisch. Die Betroffenen bekommen ihren Alltag geregelt, halten Kontakte aufrecht, gehen vielleicht sogar arbeiten. Wie sehr sie leiden, wie elend es ihnen in Wahrheit geht, bleibt viel zu häufig unerkannt. Manchmal bis es zu spät ist.

 

Nun, was tun? Neben Therapie und Medikamenten hat sich Anna im Laufe der Jahre eine Liste erarbeitet, was hilfreich ist, wenn die Depression so ganz arg zuschlägt. Aber auch das ist eine Gradwanderung. Ich kann mich noch allzu gut an einen Winter erinnern, in dem sich Anna bei dem Versuch, die Depression zu bekämpfen, noch tiefer in die Erschöpfung katapultiert hat. Das parallele Auftreten von massiven Erschöpfungszuständen und Depressionen erschwert den Umgang mit beidem erheblich. Das, was es an Aktivität bei einer Depression braucht, kann bei Erschöpfungszuständen schon kontraproduktiv sein. Anna und ich üben noch gemeinsam, rechtzeitig zu erkennen, was wann dran ist. Nicht einfach, kann ich euch sagen, miau.

 

 

Natürlich gäbe es zu diesem Thema sehr viel mehr zu sagen, doch wie immer geht es mir nur um einen groben Überblick. Lassen wir also Charly weitererzählen, denn ich denke, ihr seid schon sehr gespannt, wie es ihr gelang, aus der Zwischenwelt herauszukommen. 

 

 

 

Freies Foto von Pixabay. Nahaufnahme des Kopfes einer getigerten Katze, die etwas grimmig in die Kamera schaut.

Nachdem mir klar geworden war, wo ich gelandet war, versuchte ich, meinen Kampfgeist zu mobilisieren. Ich würde nicht bis in alle Ewigkeiten in dieser gruseligen Welt feststecken. Never ever. Doch jedes Mal, wenn ich tief durchatmete und mich selbst beschwor, gegen den Nebel, die Hoffnungslosigkeit, das Grau anzukämpfen, sackte ich in mir zusammen, landete mit dem Bauch auf dem morastigen Boden. Immer wieder. Ich rief mir ins Gedächtnis, was ich bisher an meinem Leben geliebt hatte, das Reisen, die Abenteuer, das Gefühl von Freiheit – und es fühlte sich unbedeutend an. Fremd. Fern. Es wurde immer verlockender, je länger ich in der Zwischenwelt war – und das konnten bisher eigentlich nur wenige Stunden gewesen sein –, mich einfach diesem Grau zu ergeben. Mich vom Boden verschlingen zu lassen. Aufzugeben. Doch noch war die kleine Flamme in mir nicht ganz erloschen. Noch war da ein winziger Funke Lebenswille, das spürte ich, als ich tiefer und tiefer in den Boden einsackte. Mit einem lauten „Nein“ rappelte ich mich erneut auf. Und dann sah ich ihn.

 

Einen Feuerball, der an mir vorbeischoss. Gleißend rot und gelb. Wärme und Licht verströmend. Gefolgt von einem riesigen Schatten, der genau auf mich zuhielt. Große Klauen packten mich am Genick und schon schoss der Schatten zusammen mit mir in die Höhe. Pfeilschnell, sodass es in meinen Ohren dröhnte und mir speiübel wurde. So schnell, dass ich das Bewusstsein verlor.

 

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Boden, auf einem Nest aus Moosen, die Luft roch frisch und ein paar Sonnenstrahlen wärmten mein Fell. Vorsichtig öffnete ich die Augen. Vor mir hockten drei Feuerdrachen, ein kleiner, ein mittlerer und ein großer, und starrten mich gebannt an.

 

„Sie lebt! Seht ihr, sie lebt. Sie hat die Augen aufgemacht.“

 

Der kleine Feuerdrache schob sein Gesicht bei diesen Worten so dicht an meins, dass ich seinen Atem roch. Er roch nach Pfefferminz? Das konnte nicht sein, mein Gehirn spielte mir bestimmt einen Streich. Ich sah in die großen Augen mit den dichten Wimpern, erblickte einen geschienten Flügel und meine Erinnerung kehrte zurück. Es war Feuersturm, der mich besorgt betrachtete.

 

„Vorsicht, Junge. Vorsicht“, sagte der mittlere Feuerdrache mit einer dunklen, warmen Stimme. Mami Feuerdrache, vermutete ich.

 

„Natürlich lebt sie. Hab sie ja noch rechtzeitig da rausgeholt“, brummte der größte Feuerdrache. „Wahrlich kein schöner Ort, diese Zwischenwelt.“

 

Papi Feuerdrache, der mich offensichtlich gerettet hatte.

 

Vorsichtig setzte ich mich auf und sah die drei großen Gestalten nacheinander an.

 

„Was zum Grünen Troll ist eigentlich passiert?“, die Frage kam unfreundlicher, als ich es beabsichtigte, aber alle drei Feuerdrachen waren eindeutig einfach nur erfreut, dass ich sprechen konnte. Sie strahlten bei meinen Worten wie Honigkuchenpferde.

 

„Ich wollte dich umarmen“, sprudelte Feuersturm los, „aber du bist durch die Luft geflogen und in diesem Busch da gelandet“, er zeigte mit dem gesunden Flügel auf eine Stelle hinter mir. „Es tut mir so leid. Ich vergesse immer, wie viel Kraft ich habe. Du bist nicht wieder rausgekommen – und dann hab ich nach dir geguckt. Aber du warst nicht da, obwohl ich genau gesehen habe, dass du da gelandet warst. Und dann hab ich Panik bekommen. Richtig doll. Aber dann hab ich gemacht, was Mami immer sagt, wenn ich mich zu doll aufrege. Ich hab versucht, ganz tief zu atmen. Hat aber nicht funktioniert und darum bin ich einfach losgerannt zu dieser Anhöhe. Ganz allein. War gar nicht so einfach mit diesem abstehenden Flügelchen. Aber ich hab es geschafft. Und ich hab es auch ganz allein geschafft, Leuchtkugeln abzuschießen. Ganz große. Hab dabei zwar ein paar Bäume abgefackelt, aber es hat geklappt.“

 

Ich ließ meinen Blick zu der Anhöhe schweifen, zu der ich mit Feuersturm hatte gehen wollen und die von hier aus gut zu sehen war. Von den vereinzelten Bäumen, die da zuvor gestanden hatten, war kein einziger mehr zu sehen. Der kleine Drache musste sie alle in Asche verwandelt haben. Doch ich sparte mir einen Kommentar. Was waren schon ein paar Bäume gegen mein Leben.

 

„Mami und Papi haben mich tatsächlich gefunden. Sie haben die magischen Leuchtkugeln gesehen. Genau wie du gesagt hast. Es hat gar nicht lange gedauert, bis sie endlich bei mir waren!“

 

„Und dann?“, da Feuersturm verstummt war und stolz von einem zum anderen sah, warf ich die Frage einfach in die Runde.

 

Papi Feuerdrache ergriff das Wort: „Nun, er hat mir berichtet, was geschehen ist und uns zu der Stelle geführt, wo du verschwunden bist. Ich ahnte, was passiert sein musste. Es gibt in dieser Gegend einige Portale in die Zwischenwelt und wenn eins nicht vorsichtig ist, nun ja.“

 

Er seufzte schwer, bevor er fortfuhr:

 

„Ich hatte nicht vor, die Katze, die meinem Sohn geholfen hat, in dieser gruseligen Welt zu lassen. Das hätte ich mir niemals verziehen. Und so habe ich mich todesmutig durch das Portal gestürzt und dich da rausgeholt. Wir Feuerdrachen sind die einzigen Lebewesen, die es schaffen, die Zwischenwelt wieder zu verlassen, wenn wir uns beeilen. Wir können so einiges, was anderen magischen Lebewesen nicht möglich ist. Unser Feuer ist so stark, dass es für eine gewisse Zeitspanne den Nebel und das Grau von uns fernhalten kann. Zum Glück warst du noch in der Nähe des Portals, sonst hätte ich unter Umständen Probleme bekommen.“

 

„Wie lange war ich da unten?“, meine Stimme klang heiser.

 

„Etwa einen halben Tag“, antwortete Mami Feuerdrache, „nach allem, was über die Zwischenwelt bekannt ist, solltest du dich wieder vollständig erholen.“

 

Und das tat ich, bis auf die Veränderung der Farbe meines Fells hatte der unfreiwillige Abstecher in die Zwischenwelt keine Folgen. Meine ehemals schwarzen Streifen hatten von nun an einen unansehnlichen beige-grauen Farbton, nur unwesentlich dunkler als das Fell am Rest meines Körpers, das einst wunderschön silbergrau und glänzend gewesen war. Ja, ich war mal eine wirklich hübsche Katze. Wie dem auch sei.

 

(Anmerkung des Autors: Einige Leser*innen erinnern sich vielleicht noch daran, dass Charly mir mal erzählt hatte, dass sich ihre Fellfarbe durch einen magischen Unfall fast bis zu Unkenntlichkeit verändert hatte; nun wissen wir, was sie damit meinte. Siehe 10.2 Familiengeheimnisse.)

 

Ich verbrachte noch einige Monate mit Familie Feuerdrache. Nachdem Feuersturms „Flügelchen“ nach ein paar Wochen exzellent zusammengewachsen war, verließen wir gemeinsam das Land der Ries*innen, ich auf dem Rücken von Papi Feuerdrachen. Sie nahmen mich mit auf ihre Insel, auf der ich eine sehr interessante Zeit verbrachte.

 

Das Land der Ries*innen habe ich seither nicht mehr betreten. Es ist mir schlicht zu gefährlich; zu viele Portale in die Zwischenwelt und in andere Dimensionen und Welten befinden sich dort. Und bei aller Abenteuerlust hing ich schon damals doch an meinem Leben und meiner Gesundheit. Also passt gut auf euch, wenn ihr euch da mal aufhalten müsst. 

 

 

 

Und das, meine zauberhaften Leser*innen, war Charlys abenteuerliches Erlebnis mit der Zwischenwelt.

 

Wie ihr euch vorstellen könnt, wurde sie von meinen Freund*innen mit Fragen über Fragen überhäuft, kaum war sie nach vielen Abschweifungen zum Ende gekommen. Spring hat mir später davon erzählt und mir so die Details geliefert, die ich brauchte, um das Abenteuer für euch aufzuschreiben. Ich dagegen war in diesem Moment so sehr mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt, dass ich die Nachfragen und Antworten nur am Rande wahrnahm. Nicht auszudenken, was mit Charly passiert wäre, hätte der Feuerdrache sie nicht gerettet. Und was das für mein Leben bedeutet hätte, wollte ich mir gar nicht allzu genau ausmalen. Ich hätte sie niemals kennengelernt und stattdessen weiter 50 Jahre bei dem sadistischen Mistkerl von Vater verbringen müssen. Als es mir endlich gelang, meine düsteren Gedanken abzuschütteln, hörte ich Penny fragen:

 

„Sag mal, Anton, das ist aber nicht derselbe Feuerdrache, von dem du neulich erzählt hast, oder? Der solch einen Ärger auf den Dracheninseln veranstaltet hat?“

 

Unser stellvertretender Chefspion schüttelte den Kopf:

 

„Nein, das ist Feuerkralle. Feuersturm ist der Großvater von ihm und Vater von Feuerkopf, dem momentanen Anführer der Feuerdrachengemeinschaft.“

 

„Was ist mit diesem Feuerkralle?“, wie immer hatte ich keine Ahnung von nichts und sah fragend in die Runde.

 

„Unschöne Geschichte“, murmelte Anton. „Feuerkralle ist von seinem Vater von der Insel der Feuerdrachen verbannt worden, nachdem er die Glücksdrachen beschuldigt hat, beim jährlichen Drachenfest, zu betrügen. Einmal im Jahr treten ja alle Drachenarten in verschiedenen Disziplinen gegeneinander an. Eigentlich dient das Fest dazu, die Bande zwischen ihnen zu stärken. Jene Wettkämpfe, in denen es um Kraft oder Schnelligkeit geht, gewinnen in aller Regel die Feuerdrachen. Nicht so im letzten Jahr. Der kleine Glücksdrache Tigerauge hat Feuerkralle im Finale des Wettfliegens um Längen geschlagen. Der ist unfassbar wütend geworden, hat getobt und gebrüllt und war nur mit Mühe davon abzuhalten, den kleinen orangefarbenen Glücksdrachen anzugreifen. Er hat den Glücksdrachen sogar Betrug unterstellt und behauptet, Tigerauge hätte nur mit Hilfe der Essenz aus den Honigblüten gewonnen (=> 17. Und manchmal ...).“

 

„Ein Doping-Skandal auf der Magischen Welt?“, Socke kicherte.

 

„Eben nicht“, Anton schüttelte den Kopf, „das hat auch kein einziger Drache, egal welcher Art, geglaubt. Es war allgemein bekannt, dass Tigerauge sehr eifrig trainiert hatte, weil es ihn glücklich macht, schneller und schneller zu fliegen. Alle konnten sehen, wie er wochenlang wie ein Pfeil über die Dracheninseln schoss. Außerdem hat die Essenz aus Honigblüten, wie wir ja wissen, nur zwei mögliche Wirkungen: Sie kann Schmerzen lindern und in der konzentrierten Form magischen Tieren ihre Kräfte wiedergegeben, wenn sie sie verloren haben. Es gab trotzdem einen ordentlichen Aufruhr, weil Feuerkralle einfach nicht von seinen Beschuldigungen Abstand nehmen wollte und es ablehnte, sich offiziell zu entschuldigen. Sein Vater hat daraufhin sehr hart reagiert und ihn von den Dracheninseln verbannt. Feuerdrachen sind nicht die sozialsten Wesen und können schnell mal aggressiv werden, insofern ist es wirklich erstaunlich, dass Feuersturms Vater dich, Charly, damals gerettet hat. Trotzdem sorgte Feuerkopfs Reaktion gegenüber seinem Sohn für großes Erstaunen bei den anderen Drachen. So grantig diese riesigen Drachen gegen Außenstehende werden können, so groß ist eigentlich ihre Loyalität untereinander. Aber Feuerkralle war schon häufiger unangenehm aufgefallen und so ist dem Vater wohl die Hutschnur geplatzt. Jedenfalls ist Feuerkralle seitdem verschwunden; wir haben keine Ahnung, wo er sich aufhält“, er hielt kurz inne und warf einen Blick auf den sich bereits rosa färbenden Himmel. „Oh, Mist, ich muss los. Lasst uns das ein anderes Mal diskutieren. Ich habe eine Besprechung mit Maxi und Konrad und sollte nicht zu spät kommen.“

 

Sprach es und eilte von dannen. Auch Charly signalisierte, dass sie das Treffen für beendet hielt, indem sie sich ohne ein weiteres Wort in ihre Hütte verzog. Für meine alte Tante waren das in den letzten zwei Tagen wohl zu viele Sozialkontakte und so beschlossen wir anderen ebenfalls, aufzubrechen.

 

Während meine Freund*innen zu ihren Hütten im Zauberwald gingen, sprangen Spring und ich gemeinsam zu Anna. Wir wollten den Abend in Ruhe ausklingen lassen. Doch kaum waren wir in der Küche gelandet, sah mich meine Liebste beunruhigt an:

 

„Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache. Ein junger, vermutlich sehr wütender Feuerdrache, allein in der Magischen Welt unterwegs? Das bedeutet mit Sicherheit so richtig Ärger.“

 

Tja, miau, und wie so oft sollte Spring recht behalten und wir hörten schneller von Feuerkralle, als uns lieb war. Doch das ist Stoff für die nächste Geschichte und von daher schließe ich für heute, genauso abrupt wie auch das Treffen mit meinen Freund*innen endete, zugegeben. Aber Anna meint, die Geschichte ist mir sowieso schon wieder viel zu lang geraten. Pfff.

 

Also, wir lesen uns. Bis bald.

 

Wie immer könnt ihr mir gern einen Kommentar hier auf dem Blog oder auf meinen Social Media Accounts hinterlassen.

 

Es grüßt euch herzlich euer Merlin.

 

 

P.S. Der Atem von jungen Feuerdrachen riecht übrigens wirklich nach Pfefferminz. Sagt Tasso.

 

 

 

Kommentare: 3
  • #3

    firefly (Donnerstag, 21 Mai 2026 16:08)

    Merlins Geschichten sind wie ein nach Hause kommen.

  • #2

    @energiepirat (Sonntag, 03 Mai 2026 16:55)

    Lieber Merlin, Sehr gut zu Lesen diese neue Geschichte. Vielen Dank dafür. Und auch für Deine Erläuterungen zu Depressionen. Du schenkst mir immer wieder neue Blickwinkel und ich kann diese gut verwenden, um mich selbst besser zu verstehen. So unglaublich es klingt, so herausfordernd ist es aber auch, Auch ich lebe mit der Notwendikgeit eine Balance zu finden, die es eigentlich nicht geben sollte. Der Großteil meiner Power geht darin oft vollkommen nieder und meine Energie ist zweitweise nicht verfügbar. Mit jedem Jahr nimmt das zu. Nicht lustig.
    Deine Beiträge aber helfen mir. So wie meinSchnurrkter GIN mir viele Jahre geholfen hat. Leider ist er 2019 verstorben und meine Wohnsituation ermöglicht mir seit einigen Jahren keine Haltung einer Katze mehr.

    Vielen Dank

  • #1

    Hartmut (Sonntag, 03 Mai 2026 13:05)

    Lieber Merlin,
    das war wieder eine tolle Geschichte, auch wenn es zwischenzeitlich etwas gruselig und verdammt spannend wurde. Du hast wieder sehr toll Sachen dargestellt, die auch im realen Leben so deutlich sind.
    Zum einen: So ein Kuschelkissen in dieser Form würde ich mir ja auch wünschen. Ein Verkaufsschlager wird es sicherlich auch sein. Aber wer hat schon einer Zauberkater zu Hause? Schwierig.
    Das mit Anna tut mir leid, dass durch diese ganzen Geschichten (Corona usw.) der Freundeskreis kleiner geworden ist. Aber schön, dass du ja da bist und sie ein bisschen aufheitern kannst und sie manchmal sicherlich auch ein bisschen nervst.
    Ich kann Charly gut verstehen mit diesen tollen kleinen Blüten vom Riesen, die dann auch noch so gut riechen. Hätte ich wahrscheinlich genauso gemacht, aber im Nachhinein nicht so viel Glück gehabt wie Charly.
    Und danke für diese sehr gute Erklärung der Zwischenwelt, die sich etwa wie eine Depression anfühlt und die du sehr plastisch zu erklären versuchst. Da kann ich nur sagen: gut, dass ich bisher nie aus Versehen von einem kleinen Feuerdrachen mit dem Flügel getroffen und in diese Zwischenwelt katapultiert worden bin.
    Aber wie schwer und schlimm es für alle ist, die das durchleben müssen, wie Anna, hast du gut nahegebracht. Insgesamt war die Geschichte spannend und etwas gruselig, gerade auch im Bereich der Zwischenwelt.
    Ein bisschen schade ist, dass du denn kleinen Feuersturm nicht als Bild hattest. Dafür ist am Schluss natürlich die Frage aufgekommen: Was ist mit der Feuerkralle? Was ist da eigentlich alles passiert und was macht er zurzeit? Da warte ich natürlich darauf, dass du diese Geschichte irgendwann weitererzählst.
    Danke für diese sehr ausführliche und lange Geschichte.
    Gruß an Anna und Co., besonders auch an Spring – und natürlich an Charly, mit dieser wundervollen Geschichte, die sie erzählt hat.