CN Feuer, Brand
Miau und hallo, meine zauberhaften Leser*innen,
einige von euch fragen sich vielleicht schon seit einer Weile, warum ich am Anfang von Geschichte 23 davon sprach, dass es trügerisch wäre, dass es längere Zeit so ruhig auf der Magischen Welt zuging. Ich habe das nicht vergessen, nur war es wichtig, euch alles in der richtigen Reihenfolge zu erzählen. Tatsächlich hatte sich hinter unserem Rücken einiges zusammengebraut.
Die Geschichte beginnt, wie so viele, mit dem Piepsen meines Funkgerätes. Dieses Mal allerdings zu nachtschlafender Zeit; es war noch nicht mal vier und selbst Anna hatte noch geschlummert. Mit halb geschlossenen Augen angelte ich mein Funkgerät vom Nachttisch, während meine Mitbewohnerin irgendwas mit „nicht wahr“ grummelte.
„Merlin“, schallte mir Springs aufgeregte Stimme aus dem kleinen Gerät entgegen, kaum hatte ich es am Ohr, „du musst sofort in den Zauberwald kommen.“
„Schatz, weißt du, wie spät es ist?“, krächzte ich mit vor Müdigkeit heiserer Stimme, doch Spring hatte im Moment keinen Sinn für Sarkasmus.
„Drei Uhr siebenundvierzig. Das tut jetzt aber nichts zur Sache. Du musst sofort herkommen. Gänseblümchen und zwei der anderen Mini-Drachen sind eben im Zauberwald gelandet und haben mich geweckt. Hier sind alle schon auf den Pfoten. Also würdest du jetzt bitte mal wach werden?!“
Ich gab mir Mühe, aber mein Hirn arbeitete noch sehr langsam:
„Was will Gänseblümchen denn um diese Zeit im Zauberwald?“
Springs Antwort darauf ließ mich schlagartig wach werden:
„Die Glücksdrachen sind vor ein paar Stunden überfallen worden.“
„Bin in fünf Minuten da!“
Kaum ausgesprochen griff ich schon nach Annas Notizbuch auf dem Nachttisch und hinterließ ihr eine gekrakelte Nachricht, dass ich auf dem Weg zu Spring war. Sie war überraschenderweise sofort wieder eingeschlafen und ich hatte nicht vor, sie zu wecken, nur um ihr zu sagen, dass ich im Zauberwald gebraucht wurde, benötigt sie doch jede Sekunde Schlaf, die sie bekommen kann.
Auf gut Glück peilte ich Maxis Hütte an, sprang durch Raum und Zeit und landete. Direkt auf Tassos Rücken. Zum Glück bin ich leicht und mein großer Schäferhund-Freund nahm es mir nicht weiter übel. Socke jedoch kicherte, Maxi verdrehte die Augen, Penny mauzte erschrocken und Spring und Snowflake fragten wie aus einem Munde, ob sich einer von uns verletzt hätte. Außerdem waren noch Anton, JP und Mascha anwesend, die sich, Große Katze im Himmel sei Dank, nicht auch noch bemüßigt fühlten, meine Landung zu kommentieren.
Neben Maxi kauerte Gänseblümchen, hinter ihm Sonnenblume, der Künstler unter den Mini-Drachen, und Mittagsblume, die Anführerin. Ja, ich war mal wieder der Letzte und die Hütte nur als überfüllt zu bezeichnen; es hätte gar kein freies Plätzchen zum Landen gegeben, miau.
Nachdem ich von Tassos Rücken gerutscht war, blieb mein Blick an Gänseblümchen hängen, ich hatte den kleinen Drachen noch nie so aufgeregt erlebt. Er atmete hektisch, sodass bei jedem Ausatmen kleine Dampfwölkchen aus seiner Nase kamen, und konnte kaum ruhig sitzen.
„Was ist genau passiert?“, fragte ich, während ich mich zu ihm durchdrängelte.
„Ach, Merlin. Es war furchtbar. Ich bin gestern Abend zu den Glücksdrachen geflogen, um Smaragd zu besuchen. Seit diesen Vorfällen beim Drachenfest haben sie sich sehr zurückgezogen und ich wollte nach ihr sehen. Ich denke, ihr habt gehört, was da geschehen war?“
Kollektives Nicken, war es doch nur wenige Wochen her, dass Anton uns davon erzählt hatte (=> 24. Die Zwischenwelt), was sich beim Drachenfest im letzten Herbst zugetragen hatte.
„Wir haben alle zusammen Abendbrot gegessen. Und später am Abend, die Sonne war gerade untergegangen, ich saß noch mit Smaragd am Lagerfeuer, die anderen Glücksdrachen hatten sich schon in ihre Hütten zurückgezogen, da ist es dann passiert.“
Gänseblümchen schluckte und fuhr fort:
„Wie aus dem Nichts tauchte dicht über der Insel plötzlich ein Feuerdrache auf, eine Ratte auf seinem Rücken. Es war dieser Feuerkralle. Er spie Feuer in alle Richtungen und sofort geriet alles in Brand. Die Süßigkeitenbäume, die Spielgeräte, alles. Du kannst dir wahrscheinlich vorstellen, welche Panik unter den Glücksdrachen ausbrach. Smaragd und ich sind den Feuerstößen entkommen, indem wir senkrecht in die Luft starteten. Wir begannen sofort, Feuerkralle unsererseits mit Feuer zu attackieren, aber das prallte einfach an ihm ab. Die anderen Glücksdrachen, kaum aus ihren Hütten getaumelt, versuchten auf Smaragds Befehl hin, die Brände zu löschen. Schließlich landete Feuerkralle vor der Hütte, in der die Glücksdrachen die Essenz aus Honigblüten lagern. Die Ratte glitt blitzschnell von seinem Rücken, während Feuerkralle weiter Feuer spie und so verhinderte, dass eins von uns sie aufhalten konnte.“
„Oh, nein“, unterbrach ich Gänseblümchen entsetzt, „der Angriff diente dazu, die Fläschchen mit der Essenz zu stehlen?“
Der Mini-Drache nickte: „Den kompletten Vorrat beider Essenzen. Sowohl die schmerzstillende Tinktur als auch jene, die Magischen Tieren ihre Kräfte zurückgibt, wenn sie sie verloren haben. Dieser Verlust ist weit schlimmer als die Zerstörung der Insel. Kaum hatte sie, was sie wollte, sprang die Ratte wieder auf den Rücken von Feuerkralle, der sofort steil in die Luft startete. Sie waren genauso schnell weg, wie sie gekommen waren. Nur sieht die Insel der Glücksdrachen jetzt aus wie nach dem Großen Magischen Krieg. Zum Glück ist keins schlimm verletzt worden. Ein paar kleinere Brandwunden, die aber schnell verheilen werden. Aber sie sind völlig fertig, wie du dir vorstellen kannst. Sie sind keine besonders guten Kämpfer*innen und waren daher dem Angriff hilflos ausgeliefert. Naja, und ich war auch keine große Hilfe.“
„Aber was will Feuerkralle mit der Essenz und wer zum verdammten Feenstaub ist diese Ratte?“, mein Entsetzen über den brutalen Angriff auf die wohl friedlichsten, harmlosesten Bewohner*innen der Magischen Welt konnte ich nicht in Worte fassen und so versuchte ich, zunächst die Fakten zu klären.
„Ich tippe auf Sharky“, sagte Penny, die genauso geschockt aussah wie wir alle. „Das ist die einzige Ratte, die meines Wissens zu den Unheilvollen gehört. Und die sind garantiert für den Angriff verantwortlich. Sharky ist von jeher ein glühender Verehrer von Minna, der Meersau. Und er ist sich nie zu schade gewesen, irgendwelche Drecksarbeit zu erledigen. Auch unter Neros Führung nicht. Völlig skrupellos, der Kerl. Soweit ich weiß, hat er Minna bei Planung der Revolte gegen Nero massiv unterstützt, war aber 2023 bei dem Kampf zwischen den beiden Gruppen schwer verletzt worden. Scheint sich ja gut erholt zu haben.“
Beim letzten Satz verzog sich ihr Gesicht zu einer Grimasse.
„Es ist genau das passiert, was ich befürchtet habe“, erklärte Anton. „Feuerkralle ist, als er allein und wütend auf der Magischen Welt unterwegs war, irgendwie an die Unheilvollen geraten. Sicherlich zu Minnas Freude; ich mein, ein so mächtiges Zauberwesen in ihren Reihen kommt ihnen garantiert sehr gelegen. Ich befürchte, sie bereiten sich auf einen großen Krieg vor – da wäre so eine schmerzstillende Essenz ja ganz nützlich.“
Nun, miau, er lag ebenso falsch wie Penny, doch ich will nicht vorgreifen.
„Ich wollte nach dem Angriff sofort die anderen Drachen informieren“, erzählte Gänseblümchen, „vor allem Feuerkopf. Schließlich war es sein Sohn, der den Raubüberfall begangen hatte. Aber in erster Linie wollte ich Unterstützung organisieren. Ohne brauchen die Glücksdrachen Wochen, um ihre Insel in Ordnung zu bringen.“
„Sind die anderen Drachen denn nicht von sich aus gekommen?“, fragte ich erschüttert. „Das Feuer muss doch auf allen Inseln zu sehen gewesen sein!“
Gänseblümchen schüttelte den Kopf:
„Nur die Mini-Drachen. Aber sie kamen zu spät. Die ganze Aktion hat ja nicht mal fünf Minuten gedauert. Von den anderen hat sich keins blicken lassen, obwohl das Feuer in der Tat kilometerweit zu sehen gewesen ist. Seit dem Vorfall beim letzten Herbstfest redet so gut wie keine Drachenart mit der anderen. Und die Glücksdrachen haben sich völlig zurückgezogen. Ich verstehe es nicht, es war doch allen klar, dass Tigerauge nicht betrogen hat. Aber irgendwie ...“
Er brach hilflos ab.
Mittagsblume ergänzte mit ihrer tiefen, ruhigen Stimme: „Der Zusammenhalt zwischen den einzelnen Drachenarten war nie groß. Deswegen haben wir ja vor etlichen Jahrzehnten das Drachenfest ins Leben gerufen. Ein Versuch, die Gemeinsamkeiten zu stärken. Doch die Bande zwischen den Drachenarten waren noch nicht stabil genug, um einen solchen Skandal auszuhalten. Und jetzt ist es wieder wie vorher. Alle bleiben auf ihren Inseln und kümmern sich nicht um die anderen. Nur wir sind in Kontakt mit den Glücksdrachen geblieben. Smaragd hat es uns heute Nacht regelrecht untersagt, die anderen Drachen zu informieren oder gar um Hilfe zu bitten. Sie hat ständig gesagt, sie würden das allein schaffen. Allerdings hat sie nach einiger Zeit wenigstens Gänseblümchens Vorschlag, euch zur Hilfe zu holen, akzeptiert. So sind wir drei“, sie zeigte auf sich, Gänseblümchen und Sonnenblume, „aufgebrochen. Wasserlilie und Hornveilchen sind bei den Glücksdrachen geblieben. Wasserlilie hilft beim Löschen der Brände – und Hornveilchen ist nun mal der beste Nahkämpfer, den wir haben. Feuerdrachen in der Luft zu bekämpfen ist fast unmöglich, am Boden jedoch sind sie aufgrund ihrer Größe nicht die Wendigsten. Falls Feuerkralle noch mal zurückkommt, hat er schlechte Karten. Hoffe ich jedenfalls.“
Ich muss gestehen, ich hatte da meine Zweifel, sagte aber nichts, weil ich keins beunruhigen wollte. Außerdem war ich an etwas anderem hängengeblieben:
„Wir schaffen das auch allein!“, dieser Satz, diese Haltung von Smaragd ist mir so unendlich vertraut durch Anna & Co. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich ihn gehört habe und wie oft sich Anna weigert, Hilfe anzunehmen. Es fällt ihr selbst dann bis heute unendlich schwer, wenn es wirklich nicht anders geht. Nicht mal ich darf "einfach mal so" helfen. Noch schwieriger ist es, wenn sie aktiv nach Hilfe fragen muss. Ich sag`s mal so: Anna balanciert lieber mit dem kaputten Fuß auf einem Hocker, um etwas vom Schrank herunterzuholen, als mich Magie anwenden zu lassen oder einen Menschen zu fragen.
Und das ist nicht nur bei Anna so. Ich kenne etliche Menschen, die Gewalt erlebt haben und mit den psychischen und körperlichen Folgen davon leben müssen, bei denen es ähnlich ist:
Hilfe anzunehmen ist noch immer zu gefährlich, noch immer zu verboten.
Zu tief sitzt die Überzeugung, zu sehr haben sich die alten Glaubenssätze in jede Zelle gebrannt, es nicht verdient zu haben, es nicht wert zu sein, Unterstützung zu bekommen. Dazu kommt die Angst, (erneut) in Abhängigkeiten zu geraten, wenn eins sich helfen lässt, bis hin zu dem Gefühl, gar nie wieder eine Grenze setzen zu dürfen, weil eins doch von dem Menschen so viel Hilfe bekommen hat. Ja, Anna struggelt da oft sehr, hat sie doch wie viele traumatisierte Menschen all zu oft erlebt, dass sie für Hilfsangebote in irgendeiner Art zahlen muss, und sieht oft nicht mehr, dass es auch anders sein kann.
Auf der anderen Seite braucht es Hilfe und Unterstützung und so ist das ein dauernd schwelender, innerer Konflikt, der sehr kräftezehrend ist, wie ihr euch sicher vorstellen könnt.
Besonders kompliziert wird es bei Hilfen/Hilfsangeboten, die in Wahrheit keine sind, weil Grenzen nicht gewahrt werden oder sie wie oft im Hilfesystem schlicht nicht passen. Das kann mehr Schaden anrichten, als es unterstützt. Ich könnte hierzu Unmengen an Beispielen aus Annas Leben aufführen, doch das würde den Rahmen der Geschichte mehr als sprengen. Belassen wir es also bei dem kurzen Einblick und kehren zu Maxis Hütte zurück:
Für uns alle stand außer Frage, dass wir zu den Glücksdrachen fliegen würden, um ihnen unsere Unterstützung anzubieten: Spring und ich wie immer gemeinsam auf Gänseblümchen, Penny und Anton zu Pennys Freude gemeinsam auf Mittagsblume und Socke, der eindeutig lieber mit Penny zusammen auf einem Drachen geflogen wäre, auf Sonnenblume. Die drei Schneeleoparden waren einfach zu groß, um auf einem Mini-Drachen zu fliegen, und mussten daher zu Hause bleiben, genauso wie Tasso, der darüber verständlicherweise recht unglücklich war, verdankte er doch Smaragd und ihrem Trank die Tatsache, dass er wieder über magische Kräfte verfügt.
Nachdem uns Spring allerlei nützliche magische Werkzeuge, die eins so braucht, um eine Insel von Schäden zu befreien, zusammengesucht und in unsere Lederbeutel gestopft hatte, hoben wir ab und flogen in den Sonnenaufgang hinein. Eigentlich traumhaft, doch ich war so aufgeregt, dass ich es nicht genießen konnte.
Gänseblümchen und seine beiden Freund*innen gaben mächtig Speed und so sahen wir schon bald die Dracheninseln am Horizont auftauchen. Über der Insel der Glücksdrachen stand noch immer eine riesige Rauchwolke. Von Feuerdrachen verursachte Brände sind nicht nur schwer zu löschen, sondern verursachen eine starke Rauchentwicklung; bis dieser lilafarbene Qualm abgezogen sein würde, würde es noch Tage dauern. Je näher wir kamen, desto deutlicher konnte ich erkennen, welche Zerstörung Feuerkralle angerichtet hatte. In der Mitte der Insel waren die Bäume, Spielgeräte und Hütten (bis auf jene, in der die Essenzen gelagert hatten) fast vollständig verbrannt, die Wege und Wiesen mit einer klebrigen Masse aus teils geschmolzenem, teils verbrannten Zucker überzogen. Dass kein Drache zu Schaden gekommen war, grenzte an ein Wunder.
Die Süßigkeitenbäume am Rand der Insel aber waren heil geblieben, wie heil, sollten wir, kaum dass wir im Landeanflug waren, am eigenen Leib erfahren.
Wir waren vielleicht noch fünfzehn Meter von der Insel entfernt, als von genau diesen Bäumen unendlich lange Fruchtgummischlangen mit einem Durchmesser von mindestens fünfzig Zentimetern in Windeseile wie Tentakel ausgefahren wurden und rasant auf uns zurasten. Sie umschlangen uns mit festem Griff, bevor die Drachen ihnen ausweichen konnten, schwangen in einem großen Bogen durch die Luft und schlugen in der Mitte der Insel auf dem Boden auf, die Drachen und uns Katzen umklammert. Das Ganze dauerte keine drei Sekunden, miau.
Mir blieb erst mal die Luft weg, wegen des Aufpralls, aber auch vor Fassungslosigkeit.
Waren wir wirklich gerade von Süßigkeiten angegriffen worden?
„Bisschen spät, die Verteidigungsanlagen zu aktivieren, findet ihr nicht? Zumal ihr wusstet, dass wir wiederkommen,“ hörte ich, eingeklemmt zwischen Gummischlange, Gänseblümchen und Spring, den kleinen Drachen meckern.
Smaragd, vermutlich vor uns stehend, ich sah nicht viel, murmelte etwas, was wie „Geleebanane“ klang, wenn ich mich nicht verhört hatte, und die Gummischlangen gaben uns frei. Nachdem ich auf den Boden geplumpst war, beobachtete ich fasziniert, wie sie von den Bäumen wieder eingezogen wurden.
„Seid froh, dass ich ihr wenigstens ausgeredet habe, Stufe 2 zu aktivieren“, lachte Hornveilchen, Gänseblümchens Bruder. „Sonst hätten die Gummischlangen so richtig Schwung geholt und euch ins Meer hinauskatapultiert.“
Inzwischen hatten wir uns aufgerappelt und während ich mich fragte, was genau Hornveilchen jetzt so lustig fand, wandte sich Smaragd eindeutig voll schlechtem Gewissen an uns:
„Tut mir leid. Die Verteidigungsanlagen dieser Insel sind eigentlich seit Jahrhunderten nicht mehr benutzt worden. Wären sie es gewesen, hätten Feuerkralle und diese Ratte keine Chance gehabt. Aber wer rechnet denn heutzutage noch mit einem Angriff?! Jedenfalls habe ich sie vorhin sicherheitshalber wieder in Betrieb genommen, aus Sorge, dass der Drache und diese Ratte noch mal zurückkommen könnten. Auch wenn das nicht sehr wahrscheinlich ist. Ich dachte, ich sehe euch rechtzeitig und kann den Befehl zur Deaktivierung geben, bevor euch die Fruchtgummischlangen gefangen nehmen. Aber ich habe nicht so schnell mit euch gerechnet und von daher den Himmel noch nicht im Blick gehabt. Seid ihr okay?“
Spring, Penny, Anton und ich nickten; dass wir und die Drachen keine Knochenbrüche oder Schlimmeres erlitten hatten, war nur darauf zurückzuführen, dass die Fruchtgummischlangen den Aufprall doch erstaunlich gut abgepuffert hatten.
Socke jedoch sah die Anführerin der Glücksdrachen kichernd an: „Wenn der Befehl, uns loszulassen, ‚Geleebanane‘ lautet, wie heißt dann der Befehl zu Stufe 2? Schokocroissant? Pfefferminzbonbon?“
Smaragd, aus verständlichen Gründen nicht zu Scherzen aufgelegt, warf ihm einen verständnislosen Blick zu. Spring knuffte ihren Cousin kräftig mit der Pfote in die Seite und sah dann Smaragd an: „Wie können wir euch am besten helfen?“
„Ich würde gern als erstes dafür sorgen, dass die Zuckerstangen wieder funktionieren. Vielleicht kann mir eins von euch dabei helfen, während die anderen beim Löschen der Glutnester und beim Entfernen der Zuckermasse helfen?“
Zuckerstangen?
Als Smaragd unsere verwirrten Blicke sah, erklärte sie: „Zu unserer Verteidigungsanlage gehören auch überdimensionale Zuckerstangen, die aus den scharfkantigen Felsen rund um die Insel herausschießen und eine Barriere bilden, sobald sich wer vom Meer her der Insel nähert. Aber die haben beim Testlauf geklemmt; wahrscheinlich verklebt, nach all der Zeit.“
„Gern“, antwortete Anton, der sich anscheinend nicht über Zuckerstangen als Mittel zur Verteidigung wunderte, „aber ich möchte mir vorher kurz die Hütte anschauen, in der die Essenzen gelagert haben.“
Als Smaragd fragend den Kopf schief legte, setzte er hinzu: „Nur so ein Gefühl.“
„Okay, komm mit“, stimmte die Anführerin der Glücksdrachen zu. „Zwei Minuten können die Zuckerstangen wohl noch warten.“
Die beiden zogen von dannen. Wir anderen waren noch dabei zu diskutieren, wer wo sinnvollerweise zuerst mit anpacken würde, als Anton uns aufgeregt zu sich rief:
„Kommt mal her. Hier stimmt was nicht. Das sind niemals Fußspuren einer Ratte.“
Rasch setzten wir uns in Bewegung, was aufgrund der Schicht aus geschmolzenem Zucker am Boden allerdings gar nicht so einfach war. Meine Pfoten klebten bei jedem Schritt für einen winzigen Moment fest, bis sie sich mit einem schmatzenden Geräusch wieder lösten.
Als ich schließlich als letzter den Kopf in die winzige Hütte steckte, begutachtete Anton noch immer die Pfotenabdrücke auf dem staubigen Boden.
„Schaut mal genau hin. Die sind zu groß. Magische Ratten sind viel kleiner und haben somit auch kleinere Pfoten. Ich würde eher auf Wühlmaus tippen.“
Hatten wir eben noch alle aufgeregt durcheinandergeredet, wurde es schlagartig still, gab es doch eine Wühlmaus, die uns allen nur allzu gut bekannt war.
„Lasst mich mal durch“, Penny fand als erste die Sprache wieder. Sie drängelte sich vorsichtig an uns anderen vorbei, um zu Anton zu gelangen, und beschnupperte die Spuren. Meine Halbschwester hat einen phänomenalen, geradezu magischen Geruchssinn. Habe ich das schon mal erwähnt? Nein? Na, dann wisst ihr es jetzt.
„Du hast recht“, sagte sie schließlich mit zitternder Stimme. „Die Spuren riechen eindeutig nach Wilma. Ihren Geruch werde ich mein Leben lang nicht vergessen.“
Das wunderte keins von uns anderen, verband sie mit Wilma doch eine lange, komplexe Geschichte (=> 21.3), an deren Ende ihr die Wühlmaus das Leben gerettet hatte. Doch was zum Grünen Troll wollte Wilma mit den Essenzen? Etwa zu Minna und den Unheilvollen zurückkehren, auf deren Todesliste sie garantiert stand? Unwahrscheinlich. Minna würde vermutlich die Tinkturen dankbar annehmen und die Wühlmaus bei nächster Gelegenheit um die Ecke bringen. Das Risiko würde selbst Wilma nicht eingehen. Aber was war dann ihr Plan?
Wir waren ratlos und so konzentrierten wir uns die nächsten Stunden erst einmal darauf, die Insel wieder bewohnbar zu machen. Kurz vor Sonnenuntergang war es geschafft: Alle Brandnester waren aufgespürt und gelöscht, Hütten und Spielgeräte gebaut, der geschmolzene Zucker entfernt und die magischen Zuckerstangen im Meer funktionierten wieder so, wie sie es sollten. Selbst mich fasziniert es immer wieder, was eins mit Magie so alles in nur wenigen Stunden erledigen kann. Bis allerdings die Bäume nachgewachsen sein würden, würde noch einige Zeit vergehen. Der Honigblütenbaum war unversehrt geblieben, dank seiner speziellen Eigenschaften kann ihm Feuer nichts anhaben. Aber es würde noch gute drei bis vier Jahre dauern, bis er wieder blühen würde, tat er das schließlich nur alle fünf Jahre. Und bis dahin waren Wilma und der Feuerdrache und wer-auch-immer noch die einzigen, die im Besitz der Essenzen waren. Beunruhigend, genau wie die Tatsache, dass keins von uns über den Tag eine schlüssige Theorie entwickelt hatte, was Wilma vorhaben könnte.
Während meine Freund*innen nach getaner Arbeit noch gemütlich mit den Drachen zu Abend aßen, flog mich Gänseblümchen zum Delfinstrand, von dem aus ich nach Hause sprang. Ich hatte Anna und die anderen den ganzen Tag nicht gesehen und wollte so schnell wie möglich schauen, wie es ihnen ging. Zum Glück war alles in Ordnung. Wir schnackten noch ein bisschen, gemütlich eingekuschelt im Bett, bis Anna überraschend schnell einschlummerte. Ich dagegen fand nicht in den Schlaf. Die Ereignisse des Tages hatten mich sehr aufgewühlt und so beschloss ich, ein wenig in Springs altem Lehrbuch zu lesen (=> Hunde am ...), meist das perfekte Mittel, um rasch einzuschlafen.
Doch anders als sonst funktionierte das nicht, im Gegenteil, blieben meine Augen doch, während ich wahllos hin und her blätterte, an der Überschrift „Besondere Fähigkeiten von Feuerdrachen“ hängen. Der letzte dort aufgeführte Punkt sprang mich geradezu an. Verflixter Feenstaub. Schlagartig begriff ich, was Wilma vorhatte.
Wenn ich recht hatte, war das nicht nur eine mehr als waghalsige Aktion, sondern eine echte Bedrohung für uns Tiere im Zauberwald.
Fluchend schnappte ich mir mein Funkgerät, flitzte in die Küche, um Anna nicht zu wecken, und versuchte, Spring zu erreichen. Hoffentlich hatten sie und die anderen nicht beschlossen, die Nacht über auf der Insel der Glücksdrachen zu bleiben; dort hätte sie keinen Empfang gehabt.
Doch ich hatte Glück. Nach nur drei Piepstönen hörte ich die Stimme meiner Liebsten. Dieses Mal war sie diejenige, die völlig verschlafen wirkte:
„Schatz, was isn los?“, nuschelte sie.
Ich verlor keine Zeit und kam direkt zur Sache: „Was können Feuerdrachen, was kein anderes magisches Lebewesen kann?“
„Ne Menge“, Spring hatte genauso viel Mühe, wach zu werden, wie ich vor noch nicht mal vierundzwanzig Stunden. „Merlin, ich freu mich ja, wenn du ne Unterrichtsstunde willst, aber muss das zu nachtschlafender Zeit sein? Es war ein anstrengender Tag.“
„Feuerdrachen können als einzige in die Steinernen Gärten, dem Ort der Verbannung, fliegen, ohne sofort ihre Kräfte zu verlieren“, gab ich wieder, was ich eben gelesen hatte.
„Theoretisch, ja. Hat allerdings einen recht großen Haken“, war das Erste, was Spring daraufhin sagte.
„Verdammt!“, das zweite.
Gefolgt von: „Du meinst, ...“.
Sie brach entsetzt ab.
„Ja, ich meine, dass Wilma vorhat, zusammen mit Feuerkralle Nero und seine Verbündeten aus den Steinernen Gärten, in denen sie seit 2024 festsitzen, zu befreien, und versuchen will, ihnen mit Hilfe der Essenz ihre magischen Kräfte zurückzugeben und somit auch die Schäden, die JPs Brüllattacke (=> 11. und 12; 16.2) angerichtet hat, zu heilen. Und ...“
„Warte“, rief Spring. „Ich wecke schnell Penny, sie hatte vorhin keine Lust mehr, nach Hause zu Hanne zu springen und schläft bei mir. Sie muss das hören!“
Kurz danach mauzte meine Halbschwester aufgeregt in das Funkgerät: „Spring sagt, du hast ne Idee, was Wilma vorhat?“
Schnell wiederholte ich meinen Verdacht und hörte Pennys entsetzten Aufschrei, kaum dass ich ausgesprochen hatte. Allein die Vorstellung, ihr Vater könnte befreit werden, musste sie in Panik versetzen. Spring murmelte ihr leise beruhigende Worte zu, die ich nicht genau verstand, und wandte sich dann wieder an mich, endlich wach und voll in ihrem Element:
„Nehmen wir an, du hast recht. Wie soll das konkret funktionieren? Feuerdrachen können da zwar reinfliegen, sterben allerdings in der Hälfte der Fälle vierundzwanzig Stunden später. Weshalb sie es eben seit Jahrhunderten nicht mehr wagen. Also, in die Steinernen Gärten zu fliegen. Und selbst wenn Feuerkralle und Wilma der Meinung sind, auch ihn nach der Aktion mit der Essenz retten zu können, wie zur Großen Katze im Himmel, soll Feuerkralle Nero und die anderen in den Steinernen Gärten ausfindig machen? Das ist ein riesiges Gebiet.“
„Das wird leider sehr einfach“, Penny stöhnte gequält auf, „Nero und unsere Mutter hatten einen Plan, den wir alle kannten. So natürlich auch Wilma; als engste Vertraute meines Vaters war sie damals sogar an seiner Ausarbeitung beteiligt. Einen Plan für den Fall, dass wir, also die Unheilvollen, in den Steinernen Gärten landen würden. Die Gefahr bestand ja. Wie ihr wisst, werden Verurteilte, selbst wenn es mehrere auf einmal erwischt hat, immer einzeln und an verschiedenen Stellen über die Grenze zu den Steinernen Gärten gestoßen. Keins weiß, wie das wirklich ist, dort überleben zu müssen. Um das nicht allein durchzustehen und vor allem für den unwahrscheinlichen Fall, dass doch irgendwer einen Rettungsversuch unternahm, sollten sich alle Gefangenen mindestens einmal im Monat in dem Bereich treffen, in dem die Steinernen Gärten an den riesigen, zerklüfteten Felsen grenzen. Du weißt, welchen Felsen ich meine, Merlin – den, den du immer den ‚Steinernen Zahn‘ nennst.“
„Aus dem ich bei meiner => Bewährungsprobe das Halsband der Steinernen Katze holen musste“, ergänzte ich, „und dabei Mascha und Snowflake kennenlernte.“
„Merlin, wir haben keine Zeit für Erinnerungen“, ermahnte mich Spring, die selbst auf die Entfernung spürte, dass ich sentimental wurde, und wandte sich an Penny:
„Weißt du noch, wann genau das Treffen stattfinden sollte?“
„Bei Vollmond, um Mitternacht“, antwortete Penny tonlos.
„Verdammter Feenstaub“, Spring fluchte. „Heute ist bei uns Vollmond. Und es ist schon elf. Ich wecke Anton und Socke. Und Tasso, der will dieses Mal bestimmt dabei sein. Wir treffen uns in zehn Minuten bei Anna im Hinterhof. Nein, in fünfzehn. Ich muss Maxi und Pat vorher informieren.“
Sie beendete das Gespräch ohne ein weiteres Wort.
Erneut schrieb ich Anna eine Nachricht und machte mich auf den Weg in den Hof. Kaum dort angekommen, landeten Socke, Penny und Tasso wie aus dem Nichts neben den Mülltonnen. Zum Glück waren alle Fenster dunkel, sodass die Aktion unbeobachtet blieb. Anton und Spring jedoch fehlten noch.
Nach unendlich erscheinenden zehn Minuten, ihr wisst ja, wie das mit der Zeit ist, wenn eins auf etwas wartet, landeten auch die beiden. Mit recht missmutigen Gesichtern.
Socke ergriff als erster das Wort: „Haben wir einen Plan?“
Anton und Spring sahen sich kurz an, bevor der Kater ruhig, aber bestimmt antwortete:
„Wir werden jetzt gemeinsam auf die Plattform vor der Höhle springen, in der die Steinerne Katze steht. Von da aus sollten wir gut beobachten können, was passiert. Beobachten ist dabei das entscheidende Wort.“ Er warf einen Blick in die Runde. „Wir greifen nicht ein, Beschluss des Vorstands (=> WW1). Wir sollten sofort los. Wenn Merlins Theorie zutreffend ist, passiert die Aktion in etwa einer halben Stunde.“
„Was soll das bedeuten? Wir beobachten nur? Wir sind zu sechst. Feuerkralle weiß nicht, dass wir auf dem Felsen warten; dadurch hätten wir bei einem Angriff das Überraschungsmoment auf unserer Seite“, Socke, der doch tatsächlich, wie mir erst in diesem Moment auffiel, einen seiner geliebten Superheld*innenumhänge übergeworfen hatte, sah Spring und Anton fassungslos an.
Doch meine Liebste schüttelte den Kopf.
„So sicher ist das nicht, Socke, das weißt du. Feuerdrachen sind in der Luft schwer zu besiegen. Und wir sind alle nicht feuerfest. Wenn wir ihn nicht schnell genug außer Gefecht setzen, werden wir gegrillt. Daher nur beobachten. Sieht Konrad auch so.“
Und als sie meinen Blick sah, fügte sie hinzu: „Ja, Konrad saß mit den beiden zusammen. Ging um ein Problem im Bergland mit irgendwelchen Trollen.“
Konrad. Immer wieder Konrad.
Während wir auf Spring und Anton gewartet hatten, hatte ich mir über eine Frage Gedanken gemacht, die wir seit gestern ignoriert hatten.
Woher zur Großen Katze im Himmel hatten Wilma und Feuerkralle von der zweiten Essenz gewusst? Dass die Glücksdrachen aus den Honigblüten eine schmerzstillende Tinktur herstellen können, ist weitläufig bekannt. Dass es eine zweite Variante gibt, entstanden aus einem Versehen, nicht. Jedenfalls nicht außerhalb des Zauberwaldes. Dort war es natürlich in allen Schnauzen, seit Tasso dadurch seine Magie zurückbekommen hatte.
Tja, und wie immer fiel mein Verdacht auf Konrad.
Doch ich hatte im letzten Jahr so falsch mit der Vermutung gelegen, dass er es gewesen wäre, der Spring und Anton verraten hatte, als sie auf den Himmelsinseln waren, um das Boot von Minna und ihrer Bande zu beobachten (=> 21.2; 21.3; 22.1), dass ich mich seitdem nicht mehr traute, mein ungutes Gefühl in Bezug auf ihn zu thematisieren. Trotzdem hatte ich Bauchschmerzen damit, dass er wieder einmal, als es um eine brenzlige Situation ging, ganz zufällig bei Maxi hockte.
Während ich wohl zum 1.000sten Mal über das Killerkaninchen nachgrübelte, hatte Socke beschlossen, noch einen Versuch zu wagen, seine Idee durchzusetzen: „Wir können ihn vom Himmel holen. Wenn wir schnell und koordiniert angreifen, ist er in Sekunden kampfunfähig. Was wir dagegen tatsächlich nicht können, ist, ihm zu folgen, wenn er davonfliegt. Dazu bräuchten wir wirklich Drachen.
„Ich kann es nicht ändern, Socke“, Spring sah ihren Cousin ungeduldig an. „Wir sollen nur klären, ob Merlins Theorie stimmt. Konrad meint, falls wir recht haben, wäre es für ihn kein Problem. den Feuerdrachen aufzuspüren.“
„Das ist ihm ihn den letzten Monaten auch nicht gelungen“, Socke blieb hartnäckig.
Spring seufzte: „Socke, ich bin davon genauso wenig begeistert wie ihr, dass wir nichts machen können. Aber ehrlich gesagt, sich unvorbereitet und ohne Verstärkung in einen Kampf mit einem Feuerdrachen zu stürzen, ist verdammt gefährlich, noch dazu auf dieser Plattform, auf der nicht viel Platz ist, mit den Steinernen Gärten und dem Fluss unter uns. Mit Unterstützung und Vorbereitung, ja, da wäre ich sofort dabei. Aber so“, sie schüttelte den Kopf: „Wir haben definitiv keine Zeit, eine große Aktion zu organisieren oder eine Strategie zu entwickeln, wie wir angreifen, und die auch noch gründlich zu üben. Seien wir doch ehrlich, bis auf Penny ist keins von uns wirklich kampferprobt. Und wer von uns trainiert denn den Ernstfall wirklich regelmäßig?“
„Ich“, erwiderte Socke empört, doch bevor er weitersprechen konnte, unterbrach ich ihn und mauzte leise:
„Spring hat recht.“
Ihre Argumentation enthielt in der Tat mehr als nur ein Körnchen Wahrheit. Wir alle waren in einer Zeit aufgewachsen, in der es keine großen Schlachten zu schlagen gab. Fast alle von uns vernachlässigten das Kampftraining. Und wütende Feuerdrachen sind nun mal nicht ohne.
Zuzugeben, dass Maxis (und auch Springs) Einschätzung der Situation zutreffend war, fiel mir schwer. Ich hasse Situationen, in denen eins nichts tun kann, sondern zum Zuschauen und Abwarten verdammt ist. Dieses Gefühl von Ohnmacht, das dabei aufkommt, ist kaum auszuhalten. Ich denke, die Menschen unter euch, die Traumata erlebt haben, wissen, was ich meine. Ohnmacht ist ein Gefühl, das schnell und bei vielen triggert, ist es doch jenes Gefühl, was mit wirklich jeder traumatisierenden Situation einhergeht. Ohnmacht, sich ausgeliefert fühlen, keine Handlungsoptionen haben, alles allzu vertraut. Und selbst wenn es eins gelingt, die Unterschiede zu damals zu sehen und damit umzugehen, bleibt es doch ein mächtiger Trigger. Ich selbst spürte es in jenem Moment bis in jede Pfote.
Dass Spring mir aus ihren wunderschönen grünen Augen einen liebevollen Blick zuwarf und „Danke, Schatz“ schnurrte, machte es allerdings ein wenig aushaltbarer.
Noch bevor ich zurück schnurren konnte, sah meine Liebste ihren Cousin streng an: „Socke, wir müssen jetzt wirklich los, sonst laufen wir Gefahr, zu spät zu kommen. Kann ich mich darauf verlassen, dass du keinen Mist baust?“
Nach einem kurzen Zögern nickte Socke: „Kannst du.“
„Gut“, Spring nickte ihm zu und wandte sich an uns alle: „Also, wir springen auf drei.“
Unauffällig legte sie beim letzten Wort ihre linke Vorderpfote auf meine rechte. Ich verstand sofort. Wir würden sicherheitshalber gemeinsam springen, damit bei der Landung nichts schief ging und ich nicht statt auf der Plattform in den Steinernen Gärten landen würde.
Anton begann zu zählen und nur eine halbe Minute später berührten meine Pfoten sicher den Felsvorsprung vor dem Eingang zur Höhle mit der Steinernen Katze. Ich war seit meiner Bewährungsprobe nicht mehr hier gewesen und ich kann euch sagen, nachts wirkt dieses Felsgebilde noch gigantischer und der Fluss noch breiter und reißender. Dass ich wirklich mal an einem magischen Seil baumelnd darüber geschwungen war – unfassbar.
Da für magische Lebewesen nachts nicht alle Katzen grau sind, tarnten uns Socke und Spring, sobald wir Position dicht am Rand des Felsens bezogen hatten. Dicht aneinander gedrängt lagen wir auf unseren Bäuchen direkt an der Kante. Ich war froh, Spring auf der einen Seite und Tasso auf der anderen Seite zu spüren, wurde mir doch mal wieder ein bisschen schwindelig, als ich in die Steinernen Gärten hinunterschaute. Wir waren zu weit oben, um zu erkennen, ob sich dort Nero und die anderen Katzen versammelt hatten – und so blieb uns nichts anderes, als den Himmel zu beobachten und zu warten. Minute um Minute verstrich; es musste längst weit nach Mitternacht sein. In dem Moment, in dem mich fragte, ob ich mich nicht doch getäuscht hatte und wir nicht aufgeben sollten, um noch ein Mützchen voll Schlaf zu bekommen, hörte ich es.
Das Flügelrauschen eines Drachens irgendwo in der Ferne.
Feuerkralle war im Anflug.
„Jetzt keinen Mucks mehr“, flüsterte Anton, als hätten wir vorher angeregte, laute Gespräche geführt und nicht angespannt bis in die letzte Faser unserer Körper schweigend in die Nacht gestarrt. Mau.
Nur Sekunden später schoss der Drache über uns hinweg, ging in den Steilflug nach unten und tauchte fast sofort wieder auf. Jetzt flog er deutlich langsamer und so war gut erkennbar, dass ein riesiges Netz von seinem Maul herabbaumelte, genauso eins wie das, mit dem Minna und ihre Bande Spring und Anton am Strand der Himmelsinseln (=> 21.2) gefangen hatten.
Wie erwartet zappelten dort fünf der sechs Katzen, die wir in 2024 im Schneeland hatten festnehmen lassen. Nero und seine verbliebenen Gang-Mitglieder: die getigerten Zwillingsbrüder Olli und Matze, eine schwarze Katze namens Martha sowie eine stämmige, schwarz-weiße Katze, die den ungewöhnlichen Namen Zlata trug. Die sechste war Penny gewesen und die lag nun mit uns auf der Plattform, zwischen Anton und Socke.
Ja, ich war mir sehr sicher gewesen, dass meine Theorie stimmt, und so überraschte mich der Anblick nicht wirklich. Und trotzdem fiel mir vor Schreck die Kinnlade herunter, als Feuerkralle direkt über uns hinwegflog. Im selben Moment hörte ich Spring neben mir entsetzt keuchen, und spürte, wie Tasso auf meiner anderen Seite zusammenzuckte, während Socke leise „Verdammter Trolldreck“ murmelte.
Während der Drache so langsam entschwand, dass wir ihn vermutlich doch vom Himmel hätten holen und kampfunfähig machen können, wie Socke vorgeschlagen hatte, sahen wir uns fassungslos an.
Warum?
Nun, außer den Katzen hing ein weiteres Lebewesen im Netz, eins von dem ich gehofft hatte, es nie wieder zu sehen.
Es war kein Tier.
Es war ein Mensch.
Zumindest äußerlich.
Na, macht es klick?
Ja, genau, Feuerkralle hatte auch Heinz bzw. Rosalie aus den Steinernen Gärten herausgefischt – jene magische Hyäne, die Anna in Gestalt des Sachbearbeiters Heinz solch Probleme bereitet hatte, die Brigitta, die Amtsleitung angeworben hatte, als sie in der menschlichen Welt Verbündete für die Sache der Unheilvollen suchte und die wir 2024 dank Socke endlich verhaftet, verurteilt und in die Steinernen Gärten verbannt hatten, noch bevor sie sich von dem Menschen Heinz in ihre wahre Gestalt als Hyäne hatte zurückverwandeln können (Geschichten 8, 9, 13, 15,19; => Inhaltsverzeichnis). Selbstverständlich kannte Rosalie den Notfallplan von Nero und meiner Mutter, stammte jener ja noch aus der Zeit, bevor sich die Unheilvollen in zwei Gruppen gespalten hatten; das hatte nur keins von uns auf dem Schirm gehabt. Vermutlich hatten Nero und Rosalie in den Steinernen Gärten ihre Differenzen beigelegt. Dort unten braucht eins wahrscheinlich jede*n Verbündete*n, den eins haben kann, um nicht in völliger Verzweiflung zu versinken.
Socke sprach als erster, seine Stimme triefte vor Sarkasmus: „Job erledigt, wir haben gesehen, wie Feuerkralle nicht nur fünf unheilvolle Katzen, sondern auch diese ätzende Hyäne in Menschengestalt befreit hat, damit Wilma versuchen kann, ihnen ihre magischen Kräfte wiederzugeben. Grandios. Wer informiert jetzt Herrn Konrad, den superduper Chefspion, damit er anfängt, diesen Drachen zu suchen?“
Ich verstand ihn nur zu gut, wir alle waren ausgesprochen frustriert, wie mir ein Blick in die Runde zeigte.
„Das werden Spring und ich übernehmen“, Anton war der Sarkasmus in Sockes Tonfall offensichtlich entgangen. „Und ich werde das Konrad nicht allein machen lassen. Ich klemme mich dahinter. Versprochen.“
„Wir sollten uns gleich auf den Weg machen“, auch Spring klang unzufrieden. Sie rieb kurz ihren Kopf an meinem und sprang mit Anton zusammen ins Nichts. Ich nehme an, sie sind wieder über Annas Hof gesprungen. In den letzten Jahren ist dieser zu einem Landeplatz für alle möglichen Tiere aus dem Zauberwald geworden. Ich hoffe, das fällt nicht irgendwann mal auf, dass da ständig Tiere aus dem Nichts landen und ins Nichts verschwinden; ich möchte ungern die neugierige Nachbarschaft am Hals haben, miau.
Socke, Penny, Tasso und ich saßen noch eine Weile auf der Plattform zusammen, alle unseren eigenen Gedanken nachhängend, bis es auch uns nach Hause zog. Penny und Tasso sprangen zu Hanne, Socke zu Brigitta und ich zu Anna und Co.
Diese ganze Aktion war nicht nur unbefriedigend gewesen, nein, es waren noch Fragen über Fragen offengeblieben:
Würde Wilmas Plan aufgehen? Würden Nero und die anderen Befreiten ihre Kräfte zurückerlangen? Würde Feuerkralle überleben? Würde sich, meine größte Sorge, Nero an Penny rächen? Würden sich Nero und Minna wieder zusammenschließen? Was würde Heinz bzw. Rosalie tun? Würde Anton es gelingen, sie rechtzeitig aufzuspüren, bevor irgendwas Fürchterliches geschah?
Nichts von all dem würde ich heute Nacht noch in Erfahrung bringen können und so rollte ich mich, zu Hause angekommen, in Annas Kniekehlen zusammen und schlief mich erst mal aus.
Wie es weiterging, erfahrt ihr ein anderes Mal. Wir lesen uns. Bis bald.
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Es grüßt euch herzlich euer Merlin.


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