CN Tod und Verlust für die gesamte Geschichte; emotionale Nötigung
Miau und hallo, meine zauberhaften Leser*innen,
tja, nach der Befreiung von Rosalie, Nero und seiner Bande (=> 25. Der Überfall) durch Feuerkralle sah es zwei Wochen lang so aus, als hätte der Erdboden sie verschluckt. Anton hatte sofort eine große Suchaktion eingeleitet, doch der Drache und mit ihm die Befreiten waren nicht aufzuspüren. Eins sollte meinen, dass so ein lilafarbenes, riesiges Wesen ja irgendwie irgendwo auffallen müsste, aber nein. Kein einziger Hinweis. Socke wurde es nicht müde, täglich zu betonen, dass er das ja geahnt hätte und wir besser seinem Plan gefolgt wären und gleich eingegriffen hätten. Verbesserte die Stimmung in meinem Freund*innenkreis auch nicht gerade.
Doch dann rief mich Tasso, der schon wieder Ferien hatte und bei Hanne und Penny zu Besuch war, an. Seit der Zwischenprüfung und den Ereignissen drum herum ist Maxi etwas milder gegenüber ihren beiden Schützlingen Tasso und Joy geworden und gibt ihnen häufiger frei und hat insgesamt den Druck herausgenommen (=> Hunde am Rande des Nervenzusammenbruchs).
„Komm sofort zu uns“, bellte der Schäferhund los, kaum war ich an das kleine Handy, was ich von Anna nach den Ereignissen in „Ein chaotischer Sommertag“ bekommen hatte, gegangen. „Penny hat Post bekommen und ist kurz davor, richtig Mist zu bauen!“
Bevor ich irgendwas sagen oder fragen konnte, setzte er hinzu: „Und spring über den Zauberwald hierher. Sofort. Sonst ist sie weg.“
Schon hatte er das Gespräch beendet. Ich warf einen fragenden Blick zu Anna, die neben mir auf dem Bett lag, schließlich war Mittagsschlafzeit. Sie hatte mitgehört und als sie zustimmend nickte, tat ich, wie mir geheißen, und sprang noch vom Bett aus erst für eine Sekunde in den Zauberwald und dann in Hannes Küche.
Das Bild, das sich mir dort bot, beunruhigte mich noch mehr, als es Tassos Anruf sowieso schon getan hatte: Penny lief aufgeregt hin und her und stopfte wahllos Snacks und anderen Kram in ihren Lederbeutel, während Tasso unaufhörlich auf sie einredete. Meine Halbschwester, völlig aufgelöst wirkend, nahm mich überhaupt nicht wahr.
Erst als ich sie mit ihrem Namen ansprach, sah sie mich für eine Sekunde an: „Keine Zeit für dich, muss weg.“
Schon schnürte sie den Lederbeutel zu. Als sie in Sprunghaltung ging, knurrte Tasso so laut „Nein!“, dass ich zusammenzuckte und Penny den Beutel fallenließ. Beide starrten wir den Schäferhund erschrocken an.
„Du springst da nicht allein hin. Verstanden? Das kann eine Falle sein“, Tasso knurrte zwar nicht mehr, klang aber ungewöhnlich streng, fast verärgert. Ich war richtiggehend perplex, hatte ich meinen Freund so noch nie erlebt. Doch ein Blick in sein Gesicht erklärte mir den Tonfall: Tasso hatte Angst. Angst um Penny. Was zum Grünen Troll war hier los?
Penny, noch immer in Sprunghaltung, öffnete die Schnauze, um etwas zu sagen, doch mein Freund war schneller – und offenbar mit seinem Hunde-Latein am Ende, denn er sagte einfach nur „Sitz“.
Die Reaktion meiner Halbschwester war göttlich; sie starrte Tasso geradezu ungläubig an, mit offener Schnauze und großen Augen. Ich konnte hören, was sie dachte, ohne mein magisches Gehör einzuschalten: ‚Aber sonst geht`s noch, ja?‘
Doch sie setzte sich, zu meiner und Tassos Verwunderung, mit den Worten: „Hast ja recht. Ich weiß ja nicht einmal, ob ich da wirklich hinwill.“
„Wohin? Sagt mir jetzt mal eins von euch beiden, worum es eigentlich geht?“, ich sah abwechselnd von meiner Halbschwester zu Tasso.
Dieser schob mir daraufhin mit der Pfote ein schmutziges Stück Papier zu, das auf dem Fußboden gelegen hat. Neben einer Skizze der Insel der Hohen Gipfel (=> Wissenswertes 2), auf der eine Stelle mit einem kleinen roten Kreuz markiert war, standen nur wenige, kaum leserliche Zeilen.
„Kam eben mit Schneckenpost für Penny“, erklärte Tasso knapp.
Rasch machte ich mich daran, das Gekritzel zu entziffern:
„N. liegt im Sterben. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit. Wenn du ihn noch einmal sehen willst, solltest du sofort kommen. Aber allein. Das bist du mir schuldig.“
Darunter ein kleiner Pfotenabdruck und ein W. statt einer Unterschrift.
W. wie Wilma.
Und N. wie Nero.
Große Katze im Himmel.
Meine Gedanken überschlugen sich. War die Aktion mit den Essenzen tatsächlich schief gegangen und Wilmas Verbundenheit zu Penny noch immer so groß, dass sie ihr nicht nur mitteilte, dass Neros letztes Stündlein geschlagen hatte, sondern auch wo wir sie finden konnten? Das erschien mir doch eher unwahrscheinlich, um es vorsichtig auszudrücken, riskierte sie damit doch ihre Verhaftung. Ich tendierte eindeutig mehr zu Tassos Einschätzung, dass das Ganze eine Falle war, Nero noch lebte und Penny in großer Gefahr wäre, sollte sie dort wirklich allein auftauchen.
Und warum zur Großen Katze im Himmel kam diese Wühlmaus überhaupt auf die Idee, dass Penny sich an die Anweisung halten und sie selbst wieder einmal ungeschoren davonkommen würde?
Mir war das Ganze so unverständlich, dass ich aus dem Kopfschütteln nicht mehr herauskam.
Dass Penny geradezu reflexartig in die Magische Welt hatte springen wollen, ohne sich sicher zu sein, dass sie Nero wirklich noch mal sehen wollte, und ohne die Gefahren, die diese Aktion barg, zu erkennen, verstand ich dagegen gut. Ich erinnere mich nur zu genau an meine eigene Zerrissenheit, als ich vom Tod meiner Mutter erfuhr (=> Familiengeheimnisse), habe noch zu genau vor Augen, wie es Anna & Co ergangen war, als sie 2018 nach 25 Jahren ohne Kontakt zu ihrer Mutter die Nachricht erhielten, dass diese im Sterben lag.
Die zwiespältigen Gefühle trafen sie mit einer Wucht, auf die sie nicht vorbereitet gewesen waren. Es war alles dabei: Von Erleichterung darüber, dass eine Täterin bald nicht mehr leben würde, über Schmerz und Trauer über den Verlust der Mutter, auch wenn diese niemals wirklich für Anna und die anderen da gewesen war, im Gegenteil, bis hin zu dem uralten, geradezu überwältigenden Gefühl, sich um die Mutter kümmern zu müssen, wie sie es so oft getan hatten. Es gab Anteile, die die Mutter trotz allem noch einmal sehen wollten – und es gab jene, die am liebsten auf ihrem Grab getanzt hätten.
Ich glaube, mich persönlich hat der Satz von Finja am meisten berührt: „Jetzt kann sie uns wirklich nichts mehr tun.“
Ja, die Nachricht wühlte viele alte Erinnerungen auf und am Ende hat Anna die Entscheidung für alle getroffen, sich nicht persönlich zu verabschieden, nicht die Bestattung zu organisieren und das Erbe auszuschlagen. Keine leichte Entscheidung, wie ihr euch denken könnt, aber unter dem Strich die stimmigste.
Während ich noch darüber nachdachte, wie wir mit der jetzigen Situation umgehen sollten, landete Spring mitten in Hannes Küche, direkt auf der Nachricht von Wilma und somit unmittelbar vor meiner Nase.
„Tschuldigung“, Spring fuhr mir kurz, aber liebevoll mit der Zunge über mein linkes Ohr und setzte sich neben mich: „Hatte versucht, dich über Funk zu erreichen. Als du nicht rangegangen bist, bin ich zu Anna gesprungen, die mir sagte, dass du hier bist. Du hast dein Funkgerät vergessen. Das lag noch auf Annas Küchentisch.“
Rasch zog sie das kleine Gerät aus ihrem Lederbeutel und schob es zu mir.
Ich war offenbar so hektisch aufgebrochen, dass ich das Ding liegen gelassen und stattdessen das Handy mitgenommen hatte, auf dem mich Tasso angerufen hatte. Mein großer Freund findet es irgendwie cooler, damit zu telefonieren, als sein magisches Funkgerät zu benutzen. Verstehe eins diesen Schäferhund.
Ich murmelte eine Entschuldigung, die Spring mit einer Pfotenbewegung wegwischte: „Schon gut. Viel wichtiger ist, dass ich richtig gute Neuigkeiten habe. Anton hat Nachricht von seinen Spion*innen erhalten. Genauer gesagt von einem Papagei, der wiederum von einem Nagetier informiert und gebeten worden war, die Information an Anton zu übermitteln. Es selbst hatte den Auftrag von einem Zebra bekommen. Unsere Spionagenetzwerke sind echt komplex, sag ich euch. Jedenfalls wissen wir jetzt endlich, wo sich Feuerkralle aufhält! Er ist ...“
„Auf der Insel der Hohen Gipfel“, ergänzten Tasso, Penny und ich wie aus einer Schnauze.
Spring, geradezu enttäuscht wirkend, dass ihre Nachricht nicht die gewünschte Überraschung auslöste, sah in die Runde: „Wieso wisst ihr das schon?“
Sie fuhr jedoch fort, ohne die Antwort abzuwarten: „Egal. Es gibt leider noch einen Unsicherheitsfaktor bei der Sache, denn der Papagei sprach Anton gegenüber nur von dem Drachen, nicht von den Katzen oder Heinz bzw. Rosalie in welcher Gestalt auch immer. Ich hoffe sehr, dass es sich um einen Fehler bei der Weitergabe handelt, so wie es bei diesem Spiel, das menschliche Kinder gern spielen, immer passiert, Stille Post oder so, und sich Nero und die anderen nicht doch woanders aufhalten.“
„Tun sie nicht“, ich schob Spring den Brief von Wilma zu.
„Ach du je“, murmelte Spring, nachdem sie zu Ende gelesen hatte, und begann unmittelbar damit, sich angelegentlich beide Vorderpfoten zu putzen, was sie wie viele Katzen tut, wenn sie angestrengt nachdenkt.
„Wir haben wieder nicht viel Zeit, die Aktion vorzubereiten“, sagte sie schließlich und ließ die linke Vorderpfote kurz in der Luft verharren. „Von daher würde ich vorschlagen, dass wir nicht das komplette SEK des Zauberwaldes auflaufen lassen, sondern lediglich Anton, Socke, JP und Mascha (Snowflake war mal wieder im Feenwald unterwegs) mitnehmen – und RedDog.“
RedDog kennt ihr noch nicht. Sie ist die Einsatzleiterin unseres SEKs, eine massige Rottweiler-Hündin, vor der ich großen Respekt habe, um nicht zu sagen, Angst. Bei der Verhaftung von Heinz/Rosalie hatte ihr Stellvertreter, ein etwas verpeilter Kampfpudel, das Kommando gehabt, nicht sie selbst, da sie verletzt gewesen war. Unter ihrer Federführung wäre der Beginn der Aktion damals garantiert nicht so schief gegangen (=> Kurzer Prozess).
Die Idee, sie dabei zu haben, gefiel mir. Wir wären dank ihr und den beiden Schneeleopard*innen gut aufgestellt, wenn es gefährlich werden sollte, hätten die Sache aber noch selbst in den Pfoten, sollte es doch keine Falle sein, und Penny könnte, sollte sie es denn wollen, in Ruhe von Nero Abschied nehmen, ohne dass zehn kampfbereite Hunde um uns herumstehen würden.
Nachdem auch Tasso Springs Plan abgenickt hatte, griff sie zu ihrem Funkgerät: „Gut, dann informiere jetzt alle und bespreche die Details mit RedDog.“
„Warte noch“, ich sah meine Liebste bittend an: „Lass Maxi raus, ja? Was sie weiß, weiß meist auch Konrad. Und ich will kein Risiko eingehen, sollte das Killerkaninchen bei der Befreiung und dem Überfall doch seine Pfoten im Spiel gehabt haben.“
Zum Glück protestierte Spring nicht. Sie warf mir lediglich einen nachdenklichen Blick zu und verschwand mit ihrem Funkgerät ins Nebenzimmer.
Als sie zurückkehrte, erklärte sie: „Wir treffen uns mit RedDog und den anderen auf dem Blauen Mond. Dort gibt uns RedDog Instruktionen, wie wir genau vorgehen werden, und dann springen wir gemeinsam auf die Insel der Hohen Gipfel. Wir müssen nur noch zwei Sachen klären.“
Sie wandte sich Penny zu: „Bist du sicher, dass du wirklich mitkommen willst? Das könnte heftig werden.“
„Ja, ich muss Nero noch mal sehen und sei es nur, um sicherzugehen, dass er wirklich tot ist“, Penny klang entschlossen, nur ein leises Zittern in ihrer Stimme verriet, wie sehr sie das alles mitnahm.
„Aber schaffst du es wirklich, gegen ihn zu kämpfen, falls das Ganze eine Falle ist? Das wäre emotional eine schwere Herausforderung“, Spring ließ noch nicht locker; zu groß war ihre Sorge um Penny.
Doch die hob den Kopf und sah meine Liebste direkt an: „Wenn das so ist und Wilma mich wirklich reinlegen wollte, erledige ich sie und Nero persönlich mit Mieser Magischer Energie. Und wenn es das letzte ist, was ich tue.“
Spring schaute nach wie vor ein wenig skeptisch, vermutlich dachte sie daran zurück, dass Penny auch mich vor nicht allzu langer Zeit hatte „erledigen“ wollen (=> 18. Familientreffen). Wie das ausgegangen ist, wissen wir alle. Sie sagte jedoch nichts weiter und wandte sich stattdessen an mich:
„So, nun zu dir, Schatz. Sollten Nero und seine Mittiere noch leben und uns angreifen – und davon gehe ich eigentlich aus –, springst du zurück zu Anna. Egal, was passiert. In Ordnung?“
Ich wollte widersprechen, besann mich aber. Nach der Entführung von Spring und Anton und dem, was im Anschluss mit Penny geschehen war (21.2 und 21.3), hatte ich Anna und Co schwören müssen, dass ich mich niemals wieder in solch gefährliche Situationen begeben würde. Aus verständlichen Gründen, sie brauchten mich schlicht an ihrer Seite – und zwar unverletzt und vor allem lebendig. Mir durfte einfach nichts zustoßen. Selbstverständlich hatte ich längst sowohl mit Spring als auch mit Penny, Anton und Socke, seit sie zu meinem engsten Kreis gehörten, besprochen, dass sie sich im Notfall um Anna kümmern würden, aber ihre Bindung an mich ist eben eine ganz besondere; ich bin nicht einfach mal so zu ersetzen, am wenigstens für die Innenkinder. Anna und die anderen hatten in ihrem Leben schon so viel verloren, so viel Leid durchstehen müssen, dass ich wirklich vorsichtig sein muss, auf welche Abenteuer ich mich einlasse. So mauzte ich zustimmend.
Endlich waren alle Fragen geklärt und wir brachen auf. Nach dem Zwischenstopp auf dem Blauen Mond, auf dem uns RedDog wie von Spring angekündigt ausführlichst in militärischem Kommandoton erklärte, was zu tun und zu lassen sei, sollte es sich um einen Hinterhalt handeln, landeten wir am Rand einer weiten, endlos wirkenden Savanne, am Fuß eines gigantischen Gebirges.
Wir erblickten Feuerkralle, kaum hatten unsere Pfoten so leise, wie von RedDog befohlen, den Boden mit dem trockenen Gras berührt. Der Drache, eindeutig tot und das nicht erst seit gestern, lag ausgestreckt vor zwei großen Felsbrocken, hinter denen sich der Eingang zu einer Höhle befand. Mir schnürte sich bei diesem Anblick die Kehle zu. Ja, Feuerkralle hatte sich eindeutig auf die falsche Seite gestellt und seinen Tod durch den Flug in die Steinernen Gärten selbst verschuldet und doch ließ es mich nicht kalt, wie er so dalag. Meinen Freund*innen erging es genauso, einzig RedDog wirkte völlig unberührt. Da weder von Wilma noch von den Katzen oder von Rosalie eine Spur zu entdecken war, machte sie uns ein Zeichen, uns in einem Halbkreis um die beiden Felsen herum aufzustellen. Nachdem wir unsere Positionen bezogen hatte, wieder so leise, dass eins eine von euren berühmten Stecknadeln hätte fallen hören können, schlich RedDog mit gefletschten Zähnen langsam wie eine Schnecke zwischen den Felsen hindurch. Ich glaub, das Lauteste in dieser Situation war mein Herz, das so heftig pochte, dass es mir den Atem nahm. Zugleich fand ich es ausgesprochen faszinierend, wie elegant und vorsichtig sich diese massige Hündin bewegen konnte. Da könnte sich ein gewisser bloggender Zauberkater eine Scheibe von abschneiden.
Als RedDog den Eingang der Höhle erreicht hatte, war die Spannung in der Luft mit den Pfoten zu greifen. Während meine Freund*innen in Kampfhaltung gingen, machte ich mich bereit, im Zweifel zu Anna zurückzukehren. Gespannt wie ein Flitzebogen beobachtete ich die Rottweiler-Hündin, die mich erneut überraschte. Ich hatte geglaubt, sie würde die Höhle genauso leise betreten, wie sie sich ihr angenähert hatte. Weit gefehlt: Sie sprang einfach los, direkt in die Höhle hinein, so fürchterlich knurrend, dass ich unter anderen Umständen aber sofort das Weite gesucht hätte, und verschwand im Inneren des Berges.
Etwa eine halbe Minute später folgte dem Knurren ein entsetztes, geradezu panisches Quieken, was mich heftig zusammenzucken ließ. Nach weiteren dreißig Sekunden angespannten Wartens tauchte RedDog wieder zwischen den Felsen auf. In ihrer Schnauze baumelte Wilma, die Wühlmaus.
Sie ließ sie vor JP zu Boden fallen und bellte: „Vermelde fünf tote Katzen. Orange, schwarz, schwarz-weiß und zweimal getigert. Aufgefunden in einem Seitengang der Höhle, fünf Meter hinter dem Eingang. Keine Hyäne gesichtet. Terrain sicher.“
Bevor mein Verstand diese Nachricht verarbeitet hatte, rappelte sich Wilma auf, warf einen wütenden Blick in die Runde und entdeckte Penny.
Irgendwie war sich diese verdammte Wühlmaus wohl nicht ganz darüber im Klaren, wie brenzlig die Situation für sie war, denn sie fing auf der Stelle an, Penny anzuschreien:
„Du solltest allein hierherkommen. Allein! Was war daran so schwer zu verstehen? Was soll dieses Aufgebot? Ich hab dir die Chance gegeben, dich von deinem Vater zu verabschieden. Ich hab dir das Leben gerettet, in diesem verdammten Keller, als Mathilda dich erledigen wollte (=> 21.3), genau wie ich es deinem Vater bei deiner Geburt schwören musste. Ich hab ihm versprochen, dein Leben, solltest du in Gefahr geraten, um jeden Preis zu retten, auch wenn ich dabei drauf gehen sollte. Mein Leben lang habe ich alles für dich getan – und der Dank ist, dass du mich auslieferst?“
Meine Halbschwester, der sich schon bei Wilmas ersten Worten das Fell gesträubt hatte, machte einen Satz, landete direkt vor der Wühlmaus und fauchte:
„Du hast rechtskräftig Verurteilte aus den Steinernen Gärten befreit und die Glücksdrachen beraubt. Du kannst du nicht ernsthaft geglaubt haben, damit durchzukommen. Und davon mal abgesehen. Was soll das heißen: Du hast immer alles für mich getan? Glaubst du das wirklich?“
Penny lachte höhnisch auf.
„Aber als du klein warst, hab ich mich um dich gekümmert! Ich hab dich wirklich von Herzen geliebt; wir waren doch beste Freundinnen“, Wilma wirkte bei diesen Worten geradezu verzweifelt.
„Du hast mich geliebt? Ernsthaft? Never ever. Und wir waren auch keine Freundinnen. Ja, ich habe das selbst lange geglaubt, bis ich wahre Freundschaft kennengelernt habe“, Penny, die jetzt so laut schrie, dass ihre Stimme kurz vor dem Kippen war, zeigte mit der Pfote in meine und Springs Richtung. „Du hast nichts weiter getan, als Neros Befehle zu befolgen, egal welchen. Und wenn er sagte, pass auf meine Tochter auf, dann hast du das eben gemacht. Wenn du mich wirklich geliebt hättest, wärst du mit mir abgehauen, statt mich bei einer Bande Unheilvoller aufwachsen zu lassen, statt zuzusehen, wie mies Nero und Serafina mich behandelt haben. Statt zu ignorieren, wie elend es mir als Kitten und als junge Katze ging. Du hast mich nicht geliebt. Definitiv nicht, auch wenn du mir in dieser verdammten Burg das Leben gerettet hast. Wofür ich tatsächlich dankbar bin. Aber offenbar hast du nicht mal das aus freien Stücken getan, wenn ich dich eben richtig verstanden habe, sondern weil Nero dir einst das Versprechen abverlangt hat, genau das zu tun, sollte ich mich jemals in Todesgefahr befinden. Also erzähl mir keinen Müll, von wegen ‚alles für dich getan und dich geliebt‘. Das nehme ich dir nicht ab.“
Ich denke, Penny war noch lange nicht fertig mit dem, was sie Wilma zu sagen hatte, doch Mascha war zu ihr gegangen und berührte sie sanft mit der Nase an ihrer Schulter:
„Lass. Sie wird es niemals verstehen.“
Und als Penny den Blick von Wilma löste und sie stattdessen mit großen Augen ansah, führte die Schneeleopardin sie behutsam aus dem Halbkreis heraus und ein paar Meter weit weg vom Geschehen.
Für einen Moment herrschte Schweigen, selbst Wilma hielt tatsächlich die Klappe, während sie Penny fassungslos hinterherstarrte und ich endlich begriff, warum die Wühlmaus der Meinung gewesen war, sie könnte ungeschoren davonkommen. Sie versuchte, die Dankbarkeitsschiene zu nutzen; ich schrieb ja erst in der Geschichte 25 davon, wie grausam es ist, wenn eins für Hilfe ‚zahlen‘ muss. Was Wilma tat, egal wie verzweifelt, wie einsam sie nach der misslungenen Befreiungsaktion sein mochte, das war und ist nichts weiter als emotionale Nötigung. Und damit hatte sie jede Möglichkeit auf eine zweite Chance verspielt. Ja, ich hätte mich am Ende vermutlich dafür eingesetzt, ihr eine solche zu gewähren, hätte sie sie gewollt. Wie ihr wisst, bin ich ein großer Fan davon, so gut wie allen Lebewesen die Gelegenheit zu einem Neuanfang zu geben. Das hätte trotz allem auch für Wilma gegolten, verdankte ich es doch ihr, dass ich noch eine Halbschwester hatte. Doch nach diesem Auftritt? Kurz gesagt: nö.
Der Schmerz in Pennys Augen war so unfassbar groß, dass es mir nun tatsächlich herzlich egal war, was aus dieser verdammten Wühlmaus werden würde. Sie hatte sich nicht nur, was die Befreiung von Nero anging, verzockt, nein, sie hatte auch mein letztes bisschen guten Willen verspielt.
Als die Stille anfing, unangenehm zu werden, räusperte sich RedDog und wandte sich an die Wühlmaus:
„Verlange ausführlichen Bericht über das Geschehen der letzten Tage. Insbesondere zu folgenden Fragen: Wie kam es zum Tod des Drachen und der Katzen? Ist der Aufenthaltsort der Hyäne bekannt? Und wer erteilte den Auftrag für diese Operation?“
An die Art der Rottweiler-Hündin, sich auszudrücken, würde mich wohl in diesem Leben nicht mehr gewöhnen. Miau.
Auch Wilma wirkte maximal irritiert, begann jedoch flugs zu erzählen, als RedDog ein Knurren hinterherschickte:
„Das Ganze war meine Idee. Sowohl der Überfall auf die Glückdrachen als auch die Befreiung von Nero und den anderen Katzen durch Feuerkralle. Ganz allein meine.“
Sie hielt für einen Moment inne, so als sei sie darauf tatsächlich stolz, fuhr dann aber rasch fort, als RedDog sich energisch räusperte:
„Rosalie hat sich einfach mit in das Fangnetz gedrängt; ihre Befreiung hatte ich gar nicht geplant. Ich hatte nicht einmal an sie gedacht. Feuerkralle war dank der Essenz noch drei Tage lang recht fit. Dann ging es ihm schlagartig immer schlechter, bis er schließlich nach fünf Tagen gestorben ist. Er hat um das Risiko gewusst und es bewusst in Kauf genommen; er war bereit, als Held zu sterben, indem er etwas tat, was nie zuvor ein Drache gewagt hatte: freiwillig in die Steinernen Gärten zu fliegen. Er sah auf den Dracheninseln keine Zukunft mehr für sich und fühlte sich wirklich sehr unfair behandelt und ...“
„Ausschließlich die Fakten“, wies RedDog Wilma an, wofür ich recht dankbar war.
Ich hatte wirklich keine Lust auf einen Vortrag über die Gefühlslage dieses verdammten Drachen. Egal was wir erleben, egal wie wir behandelt werden, in neunneunzig Prozent aller Fälle haben wir die Wahl, wie wir handeln und wofür wir uns entscheiden. Und Feuerkralle hatte sich für die dunkle Seite entschieden, dafür gab es keine Entschuldigungen oder Rechtfertigungen, auch wenn ich mir sicher war, dass Wilma ihm diese Helden-Nummer eingeredet hatte.
Die sammelte sich nun und fuhr fort:
„Zunächst zeigte sich weder bei Rosalie/Heinz noch den Katzen eine Wirkung der Essenz. Nero wurde schon ab dem zweiten Tag furchtbar ungeduldig und verlangte, dass ich ihnen allen drei Tropfen statt nur einem verabreichen sollte. Nach weiteren zwei Tagen, in denen nichts passierte, bestand er sogar auf fünf Tropfen. Ich hatte kein gutes Gefühl dabei, doch nach und nach kehrte bei Rosalie/Heinz die Magie zurück. Zunächst nur schwach, doch nach zehn Tagen verfügte sie tatsächlich wieder über ihre ganze magische Kraft. Kaum hatte sie das bemerkt, verwandelte sie sich augenblicklich in ihre eigentliche Gestalt einer Hyäne zurück, schnappte sich die restlichen Fläschchen mit den Essenzen und machte sich vom Acker. Was aus den anderen wurde, war ihr wohl egal.“
Kollektives, entsetztes Aufstöhnen von Socke, Anton und mir unterbrach die Wühlmaus für einen Moment. Rosalie war garantiert zu Minna zurückgekehrt, die mit Sicherheit mehr als erfreut darüber gewesen war, nicht nur die Hyäne wieder an ihrer Seite zu wissen, eine ihrer wertvollsten Verbündeten, sondern nun auch die seltenen Essenzen zu besitzen. Verflixter Feenstaub.
Den fünf Katzen, so berichtete Wilma weiter, sei jedoch es von Tag zu Tag schlechter gegangen. Kurz nach Rosalies Flucht wären zunächst die beiden getigerten Zwillingsbrüder Matze und Olli sowie die schwarze Katze namens Martha verstorben. Nero und die schwarz-weiße Katze Zlata hätten sich ebenfalls in einem desolaten Zustand befunden, doch tatsächlich erst eine Stunde vor unserer Ankunft das Zeitliche gesegnet.
„Vielleicht hätte ich sie retten können, hätte Rosalie nicht die Essenzen mitgenommen. Wahrscheinlich hätten sie einfach noch mehr davon gebraucht, wie Nero gesagt hat“, an dieser Stelle ihres Berichts zitterte die Stimme der Wühlmaus und sie senkte den Kopf zu Boden.
Als sie keine Anstalten machte, weiter zu erzählen, sprach Anton aus, was uns wohl allen in diesem Moment durch den Kopf gegangen war: „Halte ich eher für unwahrscheinlich. Die eingekochte Tinktur aus den Blüten des Honigblütenbaumes der Glücksdrachen ist so mächtig, dass sie nur in einer geringen Dosis gegeben werden darf. Rosalie ist als Hyäne deutlich größer als eine Katze oder auch ein Schäferhund, sie benötigte daher natürlich mehr von der Essenz – und vertrug das auch. Für die Katzen dagegen waren fünf Tropfen pro Tag viel zu viel. Kurz gesagt: Nero hat sich und seine Kumpan*innen durch seine Ungeduld eine Überdosis verpasst und sie alle fünf somit zielsicher ins Land der Ahnen katapultiert.“
Offenbar machte das den sonst so gelassenen, besonnenen Kater recht fassungslos, denn er schüttelte sich heftig, bevor er fortfuhr: „Unterm Strich heißt das aber sehr wohl, dass die Essenz Tieren, die in die Steinernen Gärten verbannt worden sind, tatsächlich ihre Magie zurückgegeben kann, sofern sie da irgendwie wieder rauskommen sollten. Spannend, wirklich spannend. Ich hoffe, Feuerkralles Tod wird zur Folge haben, dass die nächsten Jahrhunderte kein Drache mehr versucht, in die Steinernen Gärten zu fliegen, um irgendwen zu befreien. Wir sollten nicht nur dafür sorgen, dass sein Vater von seinem Tod erfährt, sondern alle Drachen, damit es ihnen eine Warnung ist.“
Nun ja, ‚spannend‘ wäre jetzt nicht das Wort meiner Wahl gewesen. Ich fand das alles eher entsetzlich. Ansonsten stimmte ich aber mit Anton überein, genau wie meine Freund*innen, die alle zustimmend nickten.
RedDog allerdings, die sich wie wir alle dem stellvertretenden Chefspion zugewandt hatte, während er der Situation analysierte, knurrte unwirsch: „Wie dem auch sei. Wir haben wichtigeres zu tun. Die Mission ist noch nicht abgeschlossen. Zunächst einmal zu dir, Wühlmaus.“
Vermutlich in der Absicht, Wilma zu verhaften, drehte sie sich zu ihr. Also besser gesagt, zu der Stelle, wo Wilma bis vor zwei Sekunden wie ein Häufchen Elend gekauert hatte.
Jepp.
Die verdammte Wühlmaus hatte sich offensichtlich aus dem Staub gemacht, kaum war sie für einen Moment unbeobachtet gewesen. Und keins von uns hatte das bemerkt, obwohl wir zu neunt waren. Ganz glorreich, miau.
„Was zum Wilden Terrier!? Gelände absuchen. Sofort!“, bellte RedDog mit einer Spur von Panik in der Stimme.
„Halte ich für zwecklos“, widersprach Socke. „Oder hast du oder irgendwer anders von uns daran gedacht, Wilmas Magie zu blockieren? Ich jedenfalls nicht.“
Er sah der Reihe nach in unsere Gesichter: „Nein? Keins? Dann brauchen wir hier nicht zu suchen. Dann hat sie die Gelegenheit genutzt und ist per Dimensionenspringen abgehauen.“
RedDog, deren gesamter Körper eben noch sichtbar angespannt gewesen war, sackte in sich zusammen, als sie begriff, dass sie es gewesen war, die es verbockt hatte, auch wenn Socke sich bei seiner Frage eher rhetorischen Frage an uns alle gewandt hatte, hatte sie doch Wilma in der Höhle gefangen genommen.
„Ich ...“, setzte sie schuldbewusst an, sprach aber nicht weiter.
Spring stupste die große Hündin an: „Wir suchen trotzdem die Gänge der Höhle ab. Vielleicht haben wir ja Glück.“
Hatten wir nicht. Natürlich nicht.
Als wir wieder in die gleißende Sonne traten, die unbarmherzig auf die Savanne niederbrannte, erklärte Spring: „Es ist, wie es ist. Jetzt irgendwen mit Vorwürfen zu überhäufen, macht die Lage auch nicht besser. Ich springe mit Anton über den Blauen Mond in den Zauberwald und informiere Maxi. Ihr anderen könnt in Ruhe Nero und die anderen begraben. Nehmt euch die Zeit, die ihr braucht.“
„Nein“, plötzlich kehrte Energie in die Einsatzleiterin des SEK zurück. „Ich erkläre das Maxi. Und werde ihr auch gleich mitteilen, dass ich von meinem Posten zurücktrete.“
Spring öffnete die Schnauze, vermutlich um zu widersprechen, doch RedDog stoppte sie sofort:
„Ich hab den Mist gebaut. Ich trage die Verantwortung. Ich ziehe die Konsequenzen. Punkt.“
Verflixter Feenstaub, von der Haltung könnten sich auf eurer Welt eine Menge Menschen eine Scheibe abschneiden, miau.
„Außerdem“, fuhr RedDog fort, „solltet ihr euch mit der Beerdigung beeilen. Ich habe kein gutes Gefühl dabei, dass wir uns nach der Flucht der Wühlmaus hier noch aufhalten. Ich bleibe, bis die Katzen unter der Erde und wir hier sicher weggekommen sind. Dann gehe ich zu Maxi. Allein.“
Als sich keins von uns rührte, wir waren wohl alle etwas baff, bellte sie, schon wieder ganz die Alte: „Ich sagte, schnell!“
„Jawohl, Mam, zu Befehl, Mam“, mauzte Socke, der ewige Clown.
Und während sich die anderen daran machten, die Gräber auszuheben, begleitete ich Penny auf ihre Bitte hin in die Höhle. Zu Nero.
Wir setzten uns neben den einst so mächtigen, roten Kater. Mir war bis in mein Innerstes eisekalt – und das lag definitiv nicht daran, dass es in der Höhle im Vergleich zu draußen tatsächlich recht frisch war. Nach ein paar Minuten des Schweigens streckte meine Halbschwester behutsam eine Vorderpfote aus und berührte ihren Vater erst vorsichtig und dann deutlich stärker an der Schulter, bis sie ihn schließlich leicht schüttelte, so als wollte sie überprüfen, ob er wirklich tot wäre.
„Willst du ihm noch was sagen? Oder einen Moment mit ihm allein sein?“, meine Stimme schallte unangemessen lauf durch den Höhlengang, obwohl ich geflüstert hatte. Verdammte Akustik.
„Nein“, Penny klang heiser und ebenfalls zu laut. „Er war ein Mistkerl und doch mein Vater. Das lässt sich nicht durch ein paar Worte auflösen.“
Sie lehnte sich an mich und ich wollte ihr gerade antworten, als Socke den Höhlengang betrat.
„Die Gräber sind fertig ausgehoben. Wenn du so weit bist, können wir sie beerdigen. RedDog mahnt weiterhin zur Eile.“
Er sah Penny liebevoll an – und ich war froh, dass er seine sanfte und einfühlsame Seite zeigte und nicht irgendeinen vermeintlich lustigen Scherz machte, um die Situation aufzulockern.
Meine Halbschwester atmete tief durch: „Ist okay. Wir können.“
Socke rief die anderen herbei und trug dann mit ihnen gemeinsam die fünf toten Katzen behutsam zu den Gräbern.
„Die sind hoffentlich tief genug“, erklärte er währenddessen, „sofern Nero und seine Gang keine Wiedergänger sind, sollten wir jetzt für immer unsere Ruhe vor ihnen haben.“
Okay, er versaute es doch noch. Brigitta, bei der er noch immer lebte, um sie im Auge zu behalten (=> 15. Socke; 19. Kurzer Prozess), hatte sich mit ihm, ihrem „Katerlein“, die letzten Wochen über alle Staffeln von „Game of Thrones“ [1] reingezogen. Socke war hellauf begeistert von der Serie und nervte uns bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit wie jetzt mit Details daraus.
Spring hatte schon angesetzt, ihren Cousin wieder einmal zu maßregeln, als plötzlich alles ganz schnell ging:
Die Luft begann zu flimmern, so magiegeschwängert war sie mit einem Mal, und ich vernahm ein gewaltiges Rauschen – und schon waren wir von mindestens dreißig Tieren umzingelt. Ich hörte Minna „Attacke“ brüllen und RedDog „Pfefferminzbonbon“, das von Socke vorgeschlagene und vereinbarte Code-Wort dafür, auf der Stelle zum Blauen Mond zu fliehen, spürte, wie Spring mich anschubste – und sprang.
Sekunden später purzelte ich in eine schlafende Horde regenbogenfarbener Alpakas auf dem Blauen Mond. Selbst diese absolut friedlichen, liebevollen Tiere waren nicht besonders begeistert von meiner Landung, doch nichts war mir im Moment egaler. Mein Herz raste vor Angst um Spring. Vor Angst um Penny. Um Anton und Socke, Tasso, Mascha und JP. Und auch um diese Rottweiler-Dame, die zu Recht ein ungutes Gefühl gehabt hatte.
Diese verdammte Wühlmaus hatte gewusst, wo sich die Unheilvollen rund um Minna aufhielten, und war zu ihnen gesprungen, kaum hatte sich ihr die Gelegenheit zur Flucht geboten. Und natürlich hatte die Meersau in Windeseile ein Großaufgebot an unheilvollen Tieren aufgestellt. Die Chance, einige der wichtigsten Mittiere des Zauberwaldes mit einem Schlag zu erledigen, bekam sie so schnell nicht wieder.
In meine Angst mischte sich Wut.
Aber wenigstens hatte RedDogs Strategie zur Flucht im Fall der Fälle funktioniert, denn kaum war ich von den Alpakas heruntergeklettert, wurde ich zu Boden gerissen und unter einem Fellhaufen begraben. Spring, Anton, Socke und Tasso waren im Sekundentakt auf dem Blauen Mond gelandet, direkt auf mir. Zu einem anderen Zeitpunkt hätte ich durchaus kommentiert, dass sie alle es nicht geschafft hatten, in der letzten Sekunde die Landung zu steuern. Doch wir ihr euch vorstellen könnt, stand mir in jenem Moment nicht der Sinn danach. Kaum hatten wir uns sortiert, landeten Mascha und JP, zum Glück ein paar Meter entfernt. Beide hatten etliche Blessuren, wie ich feststellte. Auch Tasso, Anton, Spring und Socke hatten Verletzungen davongetragen, doch keine davon schwer oder gar lebensbedrohlich.
Fehlten noch RedDog und Penny.
Penny. Mir schnürte sich die Kehle zu. Ich hörte meine Freund*innen durcheinanderreden, spürte die Wärme zweier Alpakas, die sich an mich drängten, um mich zu beruhigen (von ihrer besonderen Fähigkeit, Schockzustände zu lindern, hatte ich ja in Geschichte 12. Jean-Pauls Geschichte erzählt), und flippte fast aus. Eben waren wir noch dabei gewesen, ihren Mistkerl von Vater zu beerdigen und nun fürchtete ich, sie verloren zu haben. Schon wieder. Ich war drauf und dran, wider alle Vernunft, zurück in die Savanne zu springen, als auch sie endlich vom Himmel krachte, als einzige auf ihren vier Pfoten landend.
„Hab eine der Hyänen erwischt. Davon wird die sich nicht so schnell wieder erholen. Weiß aber leider nicht, ob Mathilda oder Rosalie“, verkündete sie stolz. Dass ihr das Blut über die Augen lief, schien sie nicht weiter zu stören.
Noch bevor ich oder eins von den anderen nachfragen konnten, landete auch RedDog. Auf dem Bauch und mit einer solchen Wucht, dass die Alpakas, die um uns herumstanden, mit einem Satz nach hinten hüpften.
Mit sichtbar letzter Kraft ließ die schwerverletzte Rottweiler-Hündin etwas Graues fallen.
„Hab diese verdammte Wühlmaus erwischt. Keine Sorge, dieses Mal hab ich ihre Magie geblockt.“
Nun ja. Das zweite mochte zutreffend sein. Das erste allerdings ...
Spring reagierte als erste und schaffte es gerade noch, RedDog behutsam mitzuteilen, welcher Fehler ihr unterlaufen war, bevor die Hündin das Bewusstsein verlor. Es hatte sie am schwersten von allen erwischt, doch wenigstens ersparte ihr die Ohnmacht, zu hören, wie Socke, vermutlich aus Überreizung, zu kichern begann. Es war aber auch absurd: Ebenso wie die Glücksdrachen, die dachten, auf dem Rücken von Feuerkralle habe eine Ratte gesessen, obwohl es sich um eine Wühlmaus gehandelt hatte, hatte auch die Einsatzleiterin des SEK die beiden Nagetierarten verwechselt – und statt Wilma Sharky, die Ratte, gefangengenommen. Miau.
War aber auch alles ganz schön verwirrend! Und da meine Freund*innen noch kopfloser wirkten, als ich mich fühlte, übernahm ich kurzerpfote die Führung:
„Ob Ratte oder Wühlmaus, wir sollten sicherheitshalber sehen, dass wir hier wegkommen, nicht dass Minna und ihre Bande uns hier noch aufspüren.“
Ich wandte mich an meinen Schäferhundfreund: „Tasso, du springst als Erster zu Hanne und bereitest sie darauf vor, dass gleich fünf weitere Tiere eintreffen, um deren Verletzungen sie sich dringend kümmern muss. Sobald wir ein 'Go' haben, springt ihr hinterher. Zwei von euch müssten dabei RedDog in die Mitte nehmen. Die Arme ist ja immer noch bewusstlos“, ich sah Spring, Anton, Socke und Penny der Reihe nach an, die genau wie Tasso zustimmend nickten.
„Sobald ihr in Sicherheit seid, schnappt sich Mascha diese Ratte und wir springen in den Zauberwald“, wandte ich mich nun an Mascha und JP, „ihr sorgt dafür, dass sie sicher eingesperrt wird. Dann ruht ihr euch aus. Und ich“, ich seufzte, ahnend, dass ich mir selbst den schwierigsten Part auferlegte, „ich beichte Maxi und Pat die ganze Geschichte.“
Gesagt, getan. Kaum waren alle in Sicherheit und versorgt, suchte ich unsere Vorstandsvorsitzende auf. Das Gespräch mit ihr als ‚unangenehm‘ zu bezeichnen, wäre noch deutlich untertrieben. Brüllende Gorilla-Damen sind nicht lustig. Nach einem ersten fürchterlichen, minutenlangen Wutausbruch darüber, dass sie wir sie nicht vorab informiert hatten, stellte Maxi einige berechtigte Fragen, unter anderem wie Wilma Feuerkralle eigentlich kennengelernt habe und woher Wilma wusste, wie sie die Essenz dosieren musste. Tja, miau, hätte ich auch gern gewusst.
Leider sagte ich das wortwörtlich und provozierte so den nächsten Wutanfall, an dessen Ende Maxi nicht nur RedDog feuerte, sondern auch Spring und Anton. Zumindest kurzfristig. Zum Glück gelang es Pat am nächsten Tag, die Vorstandsvorsitzende zu besänftigen, sodass sie die Kündigungen zurücknahm – und ich war wieder einmal froh, nie in Erwägung gezogen zu haben, dem Diplomatischen Dienst beizutreten. Der Frieden diverser Welten wäre vermutlich mehr als gefährdet.
Und damit sind wir fast am Ende dieses Abenteuers; es fehlen lediglich noch ein paar Kleinigkeiten:
Ratte Sharky landete selbstverständlich nach einem ordentlichen Gerichtsverfahren in den Steinernen Gärten; bezüglich des Verstecks von Minnas Bande war aus ihm bedauerlicherweise so gar nichts herauszubekommen. Der Kerl sagte nicht einen einzigen Ton, nachdem wir den Blauen Mond verlassen hatten.
Und die zauberhafte Hanne hat meine Freund*innen gut versorgt. Ihre Wunden heilten schnell. Auch die beiden Schneeleopard*innen merkten dank ihrer Selbstheilungskräfte und Snowflakes guter Pflege nach ein paar Tagen fast nichts mehr von ihren Verletzungen; nur Mascha humpelte noch einige Zeit. Mein bester Freund war mindestens so sauer gewesen wie Maxi, als er einen Tag später aus dem Feenwald zurückkehrte, allerdings aus anderen Gründen. Er wäre zu gern dabeigewesen. Mau.
RedDog dagegen brauchte länger, um sich zu erholen. Sie hatte sich gemeinsam mit Penny in den Kampf gestürzt, um so den anderen die Flucht zu ermöglichen, und daher einiges an Mieser Magischer Energie abbekommen. Doch nach ein paar Wochen war auch sie wieder auf dem Damm. Sie bestand weiterhin darauf, von ihrem Posten zurückzutreten, und widmet sich nun der Ausbildung der Tiere, die dem SEK beitreten wollen. Ich bin nicht so ganz überzeugt davon, dass Willi, der Kampfpudel, einen besseren Job als sie machen wird. Aber gut. Wir werden sehen.
So, jetzt habe ich euch, glaub ich, alles erzählt, was wichtig ist und es bleibt mir nur noch zu sagen: Bis bald. Wir lesen uns.
Wie immer könnt ihr mir, falls euch die Geschichte gefallen hat, einen Kommentar hier auf dem Blog oder auf meinen Social Media Accounts hinterlassen.
Es grüßt euch herzlich euer Merlin
[1] Wer die Serie nicht kennt und mehr wissen will: https://gameofthrones.fandom.com/de/wiki/Wiederg%C3%A4nger. (Mir persönlich ist die zu brutal, miau.)


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