CN Gaslighting, medizinisches Personal, Zahnärzt*innen
Miau und hallo, meine zauberhaften Fans,
ich bin so wütend, ihr glaubt es kaum! Ich habe mittlerweile sogar meinen kompletten Vorrat an Spielzeugmäusen zerlegt.
Vor drei Wochen (Anfang Mai 2026) hatte Anna einen Termin bei einer Zahnärztin, die ihr empfohlen worden war, die sogar bereit war, eine FFP2-Maske zu tragen und zumindest etwas Erfahrung mit kPTBS haben sollte. Klang also eigentlich erst mal gut. Wie bei den meisten Terminen in medizinischen Praxen welcher Fachrichtung auch immer durfte ich leider nicht mit. Die lassen ja allenfalls Hunde rein – und selbst die nur, wenn sie als Assistenzhundis gelten, miau. Finde das eine ganz schöne Diskriminierung gegenüber uns (Zauber-)Katzen, aber das ist jetzt nicht das Thema. Ich saß also zu Hause, drückte Pfötchen und wartete auf Anna.
Nach langen drei Stunden hörte ich endlich ihre Schritte im Hausflur. Flugs flitzte ich zur Tür, um sie zu begrüßen – und fiel aus allen Wolken, denn meine Anna stolperte weinend in die Wohnung. Und das obwohl sie es seit Beginn der Pandemie bisher immer geschafft hat, Tränen zu unterdrücken, wenn sie eine FFP2-Maske trägt, damit diese nicht durchweicht und somit ihre Schutzwirkung verliert.
Es brauchte eine ganze Weile, bis ich aus ihr herausbekommen hatte, was passiert war. Und trotz Trost, Beruhigung, Anteilnahme und Magie konnten Anna und die anderen nicht aufhören zu weinen; die ganzen nächsten drei Tage kam es immer und immer wieder zu Weinkrämpfen. Himmel, war und bin ich sauer auf diese verdammte Zahnärztin, die – um es kurz und knapp auf den Punkt zu bringen – Anna die Behandlung verweigerte, weil sie keine Professionelle Zahnreinigung (PZR) machen lassen wollte bzw. will.
Dabei hat sie für diese Entscheidung mehr als gute Gründe: Wirklich jede Behandlung an den Zähnen – und sei es nur die Entfernung von Zahnstein – löst bei ihr Schmerzen im Bereich aller sechs Äste des Trigeminusnervs aus, über Wochen und Monate, sodass sie irgendwann beschlossen hat, nur noch das machen zu lassen, was wirklich kaputt ist. Und ich finde das sehr legitim.
Nicht so die Zahnärztin, die über alle Argumente Annas, neben Trigeminusschmerzen ist das natürlich auch eine finanzielle Frage, lebt Anna doch schließlich von einer kleinen Erwerbsminderungsrente plus Grundsicherung, hinweg ging.
Patient*innen müssten schon in das Praxiskonzept passen.
Nein, diesen Satz habe ich mir nicht ausgedacht; er fiel genau so. Wortwörtlich. Sie, also Anna, könne dann ja in eine andere Praxis gehen; „man selbst" habe sowieso genug Patient*innen. Außerdem gebe es in den Zahnklinken auch junge, angehende Zahnärzt*innen, die diese sog. PZR umsonst durchführen würden. Ja, sicher, die arbeiten bestimmt auch alle traumasensibel und so, dass der Trigeminusnerv dann keine Probleme macht. (Das war Sarkasmus, miau.)
Verflixter Feenstaub, das war kein Besuch in einer Praxis, sondern eine Verkaufsveranstaltung; inklusive Jammern darüber, dass die Honorare der Zahnmediziner*innen seit 1988 nicht mehr erhöht worden sind. Jo, und Grundsicherungsleistungen erfahren derzeit de facto eine Kürzung, da sie nicht entsprechend der Inflation erhöht werden. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.
Einer schwertraumatisierten Person, die unter starken Trigeminusschmerzen leidet und sowieso schon panische Angst vor Zahnärzt*innen hat, bei der zudem die letzten beiden größeren Behandlungen zu zusätzlichen medizinischen Traumata führten, solche Sätze an den Kopf zu werfen, ist nicht nur eine Unverschämtheit, sondern schlicht unterlassene Hilfeleistung. Und ja, Anna hatte das zu Beginn des Termins alles erwähnt. Zuhören will wohl gelernt sein.
Sowohl über Social Media als auch über eine Freundin haben wir am Nachmittag dann erfahren, dass das inzwischen gängige Praxis ist, dass diese sog. individuellen Gesundheitsleistungen wie eine „Professionelle Zahnreinigung“ zur Bedingung gemacht werden, um überhaupt behandelt zu werden.
What the ... miauuu.
Es gab dann noch den „tollen“ Vorschlag, die PZR unter Vollnarkose durchzuführen, das würde die Praxis anbieten. Schön (ja, wieder Sarkasmus), nur triggern Narkosen Anna & Co unendlich, da sie sich dann noch ausgelieferter fühlen, und die Trigeminusschmerzen haben sie hinterher trotzdem. Dass der Nerv gereizt wird, verhindert eine Narkose nämlich nicht.
Die Tatsache, dass Anna lediglich eine Behandlung des einen kariösen Zahnes wollte und keine Zahnreinigung, ignorierte die Ärztin durchgehend. Auch dass Anna und Co bereits während des Röntgens anfingen zu weinen, veranlasste sie lediglich zu der äußerst unsensiblen, eher rhetorisch gestellten Frage, ob das wegen ihr wäre, um Annas Antwort („Ja!“) dann wiederum zu ignorieren.
Abgesehen davon, dass Anna somit immer noch keine neue Zahnärztin hat, hat das richtig reingeknallt. Diese Grenzüberschreitungen haben alle innen komplett ausgeknockt. Wieder das Gefühl, angeblich „falsch“ zu sein (ausgelöst von dem Satz, dass Patient*innen ins Praxiskonzept passen müssen), wieder keine Hilfe zu bekommen und abgelehnt zu werden – all das führte zu diversen Traumareaktionen, Weinkrämpfen und Gefühlen von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Kurz: Das ganze folgende Wochenende war eine einzige Hölle für sie, miau. Es gab nur wenige Momente, in denen die Wut durchkam.
Und das ist der Grund, warum ich all das hier in die Tasten haue; solche Ereignisse gibt es zu Tausenden – und sie gehören an die Öffentlichkeit.
Bereits in der Anmerkung 2: No-Gos (nicht nur) für Fachkräfte habe ich euch einiges von dem erzählt, was Anna, wie viele andere Menschen mit Traumafolgen, pDIS, DIS und anderen sog. psychischen Erkrankungen, an Mist im Hilfe-System erlebt hat und immer wieder erlebt. Der medizinische Bereich jedoch toppt zumeist alles und verdient daher eigentlich einen eigenen Text, bietet er doch en masse Beispiele für TraumaUNsensiblität. Als ich diesen Blogbeitrag ursprünglich plante, wollte ich mehr Situationen beschreiben, tiefer einsteigen, doch ich denke, dass dieses eine Beispiel ausreicht, um zu zeigen, worum es mir geht.
Was Anna in Praxen und Krankenhäusern schon an Retraumatisierungen, Traumatisierungen, Grenzüberschreitungen und vor allem medizinischem Gaslighting erlebt hat, geht auf keine Trollhaut (wobei die ja eigentlich keine Haut haben, aber gut) mehr.
Gerade letzteres passiert in einem erschreckenden Ausmaß und betrifft natürlich nicht nur Menschen mit Traumafolgen; Betroffene von LongCovid bzw. ME/CFS können da zum Beispiel auch ein Lied von singen.
Wie oft Anna es erlebt hat, dass Symptome bagatellisiert, ignoriert oder als psychisch bedingt, ergo als nicht behandlungsbedürftig, abgetan worden sind, ohne dass eine vernünftige Diagnostik erfolgte, kann ich schon nicht mehr zählen. Und natürlich führte das regelmäßig dazu, dass Anna an ihrer Wahrnehmung zweifelte/zweifelt. Das Absprechen der eigenen Wahrnehmung haben die meisten komplex traumatisierten Menschen schon sehr früh erfahren und es dadurch nie gelernt (oder wieder verlernt), sich selbst und den Signalen ihres Körpers zu trauen – und dasselbe wieder und wieder im Gesundheitssystem zu erleben, verfestigt das oder macht erarbeitete Fortschritte wieder kaputt.
Selbst eine gründliche Vorbereitung, Zettel mit den wichtigsten Punkten, gute Begleitungen, klare Ansagen bzw. Bitten haben (verbale) Grenzüberschreitungen und Gaslighting so manches Mal nicht verhindert. Für mich hat das nichts mehr mit mangelndem Fachwissen in puncto Trauma bei den in der Medizin tätigen Personen zu tun, sondern mit Gleichgültigkeit, Ignoranz, Bequemlichkeit und zum Teil wirklich schon Bösartigkeit. Ja, sorry, Leute, aber anders kann ich mir langsam das Ausmaß solcher Vorfälle nicht mehr erklären. So schwer ist es nicht, ein ganz klein wenig Empathie für das Gegenüber aufzubringen und es ernst zu nehmen, miau.
Und ich habe keine Lösung dafür. Das frustriert mich am meisten. So wie die Entwicklungen in eurer Welt gerade sind, wird es eher noch schwieriger werden, medizinisch tätige Personen zu finden, die gut, gründlich, empathisch und Patient*innen-orientiert arbeiten. Es ist schon so viel dazu geschrieben worden, doch es kommt nicht an.
So finde ich auch leider keinen richtigen Schluss; wieder und wieder Handlungsempfehlungen zu geben, erscheint mir im Moment sinnlos. So lange ein traumasensibler Umgang mit Patient*innen und Aufklärung über die Folgen von Traumata/Gewalt nicht endlich verpflichtend in die Lehrpläne der entsprechenden Studiengänge und Ausbildungen aufgenommen werden, bin ich nicht sonderlich zuversichtlich, dass sich da zeitnah etwas ändern wird.
Da ich den Text aber nicht so enden lassen will, habe ich einen Vorschlag:
Wenn ihr mögt, schreibt mir doch dieses Mal nicht nur in die Kommentare hier auf dem Blog oder auf meinen Social Media Accounts, ob euch der Text gefallen hat, sondern vor allem, was ihr schon so mit medizinischem Personal erlebt habt. Gern auch positive Begegnungen, an denen Mitlesende, die im Gesundheitssystem arbeiten, ganz vielleicht sehen können, wie es besser geht. Vielleicht ist das der einzige Weg, ein klein bisschen was zu verändern:
Öffentlichkeit zu schaffen, für das, was so gar nicht geht, und das, was ganz vielleicht auch mal gut läuft.
So, meine Zauberhaften, damit schließe ich und bestelle erst mal Nachschub an Spielzeugmäusen, denn der nächste Termin Annas bei einer Zahnärztin wird ja leider nicht lange auf sich warten lassen.
Wir lesen oder hören uns. Bis bald.
Es grüßt euch herzlich euer Merlin


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Petra (Sonntag, 31 Mai 2026 09:14)
Der Bericht haut mich echt um! Unfassbar, unmenschlich und im Lesen kaum auszuhalten. Werde auf jeden Fall in meinem Netzwerk diesen unmöglichen Zustand thematisieren und dafür sorgen, dass der dringende Bedarf einer Änderung,Kreise zieht, danke Merlin �⬛
Niki (Sonntag, 31 Mai 2026 10:34)
Meine Zahnärztin ist toll und extrem sensibel. Sie behandelt auch Kleinkinder so, dass alles ohne Tränen abgeht. Ganz zu Beginn unserer „Zusammenarbeit“ hat mir immer eine Assistentin die Hand gehalten. Mittlerweile geht’s auch ohne.
Leider (für Anna) ordiniert sie in Wien.
Alles Liebe euch beiden, und dass ihr bald jemanden wie meine Zahnärztin findet!
ALina (Sonntag, 31 Mai 2026 11:20)
�... Ich wünsche euch so sehr, dass ihr eine gute, professionelle Praxis findet, die auf eure Wünsche und Bedürfnisse eingeht�
Hartmut (Sonntag, 31 Mai 2026 12:13)
❗️Patient*innen müssten schon in das Praxiskonzept passen.❗️
Merlin, nachdem ich deinen Text gelesen habe, habe ich den ganzen Morgen darüber nachgedacht, wie schrecklich das für Anna & Co sein musste. Die Art, wie du das alles beschrieben hast, geht mir sehr nahe.
Natürlich kann ich nur ansatzweise nachempfinden, wie es Trauma Menschen, pDIS, DIS oder anderen geht. Aber in meinen fast 45 Berufsjahren habe ich so etwas in dieser Form nie erlebt (NRZ-Kinder u. Jugendliche). Sicher habe auch ich Fehler gemacht, doch ein Umgang mit Menschen, wie du ihn schilderst, macht mich sprachlos.
Du hast völlig recht: Empathie und Menschlichkeit und Umgang mit Traumata/Gewalt müssen viel stärker Teil der Ausbildung von Pflegekräften, Ärzten und allen anderen Berufsgruppen im Gesundheitswesen sein. Das als Pflicht und nicht nur für eine Stunde oder so.
Es macht mich traurig, was du geschrieben hast. Und das Schlimmste ist: Du hast recht so recht, es wird nicht besser, sondern eher noch schlimmer. Mir stehen beim Lesen teilweise die Tränen in den Augen. Ja, und dass war nur ein kleines Stück vom Eisberg.