Hunde am Rande des Nervenzusammenbruchs

KI Bild. Eine schwarze Katze mit gelben Augen sitzt neben einer Pflanze auf einem Fensterbrett und schaut Richtung Betrachter*in des Bildes. Draußen regnet es.

Miau und hallo, meine zauberhaften Leser*innen,

 

es gibt einen Spruch von John Lennon, den Anna und ich uns gegenseitig immer wieder sagen: „Leben ist das, was passiert, während Du dabei bist, andere Pläne zu machen“. Hängt sogar als Postkarte an Annas Küchentür und beide haben wir zu genüge erlebt, dass es kaum einen Satz gibt, der besser zu unser beider Leben passt als dieser. Im Großen wie im Kleinen.

 

An einem Freitag Anfang Februar 2026 eher im Kleinen. Anna hatte ein paar Minuten zuvor angefangen, mit Janni, einem fünfjährigen Innenkind, Lego zu bauen, und ich hatte es mir auf der Fensterbank gemütlich gemacht, um zuzusehen. Es war erst neun Uhr und wir hatten eine halbe Stunde zuvor ad hoc den Freitag umplanen müssen, da Annas Vormittagstermin abgesagt worden war. Ich hatte Anna tatsächlich überzeugen können, dass wir uns einfach einen gemütlichen Vormittag machten, mit viel Kakao, Zeit für die Innenkinder und – was mich betrifft – dem einen oder anderen Nickerchen.

 

So weit, so gut. Doch Janni hatte sich noch nicht mal entschieden, ob das Haus, das er bauen wollte, nun aus weißen oder hellblauen Steinen bestehen sollte, als Annas Telefon klingelte.

 

„Menno“, kommentierte Janni das sofort, „nicht rangehen!“

 

Anna, die einen Blick auf das Display geworfen hatte, antwortete ihm liebevoll: „Nur kurz, okay? Ist Holly (Annas Physiotherapeutin). Das muss wichtig sein. Normalerweise schreibt sie nur Nachrichten.“

 

Sprach es und ging ran: „Hi, Holly!“

 

Da Anna auf laut gestellt hatte, konnte ich mithören. Das macht sie oft, damit sie mir hinterher nicht das ganze Gespräch erzählen muss.

 

„Hi, ich hätte nicht gedacht, dass ich diesen Satz mal sage, aber ... ich müsste deinen Kater sprechen. Dringend“, erklang Hollys Stimme aus dem Telefon, mit einer merkwürdigen Betonung auf ‚Kater‘. Anna zog eine Grimasse und legte das Telefon vor mich auf die Fensterbank, während sie Holly mit einem amüsierten Augenrollen mitteilte: „Schon okay, Merlin bekommt inzwischen mehr Anrufe als ich.“

 

Ganz so stimmt das nicht, aber tags zuvor hatten zunächst Hanne (=>Who is Who) wegen  einer Verabredung mit mir und dann Alex wegen eines Problems mit Elchi (=> Ein Elchabenteuer; Elche im Schnee) auf Annas Festnetz angerufen und mich sprechen wollen. Beide Male hatte sie deswegen das Anschauen einer Serie unterbrechen und aufstehen müssen. Sie hat schon Recht, ich sollte den Leuten wirklich mal meine Handynummer geben, miau.

 

Holly jedenfalls kam direkt zur Sache: „Sag mal, Merlin, ist heute am späten Vormittag nicht Joys Zwischenprüfung?“

 

Sowohl Joy als auch Tasso (=> 17. Und manchmal wird...) befinden sich ja seit zweieinhalb bzw. eineinhalb Jahren bei Maxi, unserer Vorstandsvorsitzenden, in Ausbildung. Eigentlich sind nach so kurzer Zeit noch keine Prüfungen vorgesehen, doch Maxi war der Meinung, sie müsse sich bei ihren beiden sehr unterschiedlichen Schützlingen dringend einen Überblick verschaffen, wo sie im Lehrstoff standen, und hatte sowohl eine theoretische als auch eine praktische Prüfung für den heutigen Tag um elf Uhr angesetzt.

 

Mir schwante nichts Gutes, als ich Holly antwortete:

„Gemiau. Wieso?“

 

„Weil ich Joy, als ich in die Praxis kam, völlig verängstigt in der Ecke hinter dem Wandschirm im großen Raum gefunden habe.“

 

Ach, du Grüner Troll.

 

„Sie reagiert überhaupt nicht, wenn ich sie anspreche. Sie will nicht mal Leckerchen! Sitzt nur in der Ecke und starrt die Wand an“, fuhr Holly fort. „Ich mach mir echt Sorgen.“

 

Verflixter Feenstaub. Das klang nicht gut. Aus meinem gemütlichen Vormittag würde definitiv nichts werden.

 

„Bin gleich drüben“, sagte ich nur, hüpfte schon vom Fensterbrett, holte mir mein magisches Funkgerät und sprang ins „Nichts“. Ja, den Umweg über den Zauberwald per Dimensionenspringen zu nehmen, um dann in Hollys Praxis zu landen, wäre nicht nötig gewesen, liegt diese doch in der Straße, in der Anna und ich wohnen. Aber es regnete stark und ich wollte nicht nass werden. Und mittlerweile sagt Maxi zu diesen eigentlich verbotenen sog. Dreieckssprüngen nichts mehr, also gönnte ich mir den Luxus.

 

 

Foto eines Kopfes eines mittelbraunen Hundes mit sehr glattem Fell und hängenden Ohren. Der Hund schaut eher unglücklich aus. Hintergrund verschwommen und daher nicht erkennbar.
Privates Foto.

Und so landete ich eine Minute später in Hollys Praxis, direkt neben Joy und Holly, die dabei war, eine Decke über Joys Rücken zu legen, weil die Kleine am ganzen Körper zitterte.

 

Während Joy gar nicht auf meine Ankunft reagierte, zuckte Holly erschrocken zusammen:

„Herrjeh, Merlin, ich werde mich nie daran gewöhnen, dass du hier hin und wieder aus dem Nichts auftauchst, statt einfach zu klingeln.“

 

Ich murmelte eine Entschuldigung und wandte mich an Joy:

„Hey, was ist los?“

 

Keine Reaktion. Joy starrte weiter die Wand an und zitterte. So stupste ich sie vorsichtig mit der Nase an:

„Angst vor der Prüfung?“

 

„Jaaa“, heulte Joy und drehte sich zu mir um. „Ich kann das nicht! Ich werde mit Karacho durchfallen.“

 

„Wirst du nicht“, sagte ich bestimmt, „du kannst inzwischen super mit deiner Magie umgehen!“

 

Erneutes Jaulen: „Aber bei der Theorie werde ich versagen. Mit Pauken und Trompeten. Ich kann mir das alles nicht merken. Ich werde durchfallen und dann wird mich Maxi nicht weiter unterrichten und ...“

 

Ihr Gefühlsausbruch ging noch eine Weile so weiter und endete mit dem sehr verzweifelten Ausruf: „Ich will Tasso. Tasso soll herkommen.“

 

Ja, Joy liebt ihren selbsternannten Patenonkel, mit dem sie nun seit einem Jahr gemeinsam die Schulbank drückt, über alle Maßen und er ist nach wie vor ihr wichtigster Ansprechpartner.

 

„Okay“, schnurrt ich beruhigend. „Ich funke ihn an.“

 

Holly hatte derweil begonnen, sanft Joys Ohren zu massieren, was die junge Hündin meist entspannte. Ich gab ihr ein Zeichen, damit weiterzumachen, und flitzte ins Nebenzimmer.

 

Es war eine gute Entscheidung, nicht in Gegenwart von Joy mit meinem besten Freund zu sprechen, denn der war, gelinde gesagt, ebenfalls völlig am Durchdrehen.

„Kann jetzt nicht, Merlin“, hörte ich Tasso durch das Funkgerät sagen, als er nach meinem dritten Versuch, ihn anzupiepsen, endlich das Gespräch annahm. Gefolgt von drei kleinen Explosionen. „Muss noch üben.“ Wieder explodierte etwas im Hintergrund.

 

„Was zur Großen Katze im Himmel machst du da?“

 

„Üben. Sag ich doch.“

 

Dieses Mal hörte ich ein ohrenbetäubendes Krachen durch das Funkgerät, gefolgt von einigen verzweifelten Flüchen Tassos. Zum Grünen Troll, das klang eher so, als wäre Tasso dabei, den Zauberwald in Schutt und Asche zu legen.

 

„Hör auf damit“, rief ich daher.

 

„Kann nicht.“ Poltern. „Ich muss üben. Ich fall sonst im praktischen Teil durch.“ Explosion und Jaulen folgten auf dem Fuß: „Auweia.“ Gefolgt von einem hektischen: „Kann jetzt nicht weiter mit dir sprechen. Over.“

 

Und kurzerpfote hatte er sein Funkgerät ausgestellt.

 

Jo. Ganz prickelnde Situation. Während sich Tasso auf die theoretische Prüfung, vor der Joy eine solche Angst hatte, seit Wochen richtig freute, kannte er doch die gesamte Bibliothek des Zauberwaldes auswendig, fürchtete er sich vor dem praktischen Teil. In der Tat waren seine Fähigkeiten beim Einsatz von Magie, was wiederum Joy exzellent beherrschte, zumeist noch eine Katastrophe. Die beiden wären sich jetzt gegenseitig definitiv keine Hilfe. Und es waren nur noch eineinhalb Stunden bis zur Prüfung. Mau.

 

So funkte ich rasch Spring an und bat sie, sich um Tasso zu kümmern, dann ging ich zurück in den Nebenraum zu Joy und Holly. Dort wurde ich mit Hundeheulen und der Frage, wo Tasso sei, empfangen.

 

Ich improvisierte und erklärte Joy, dass er im Zauberwald noch etwas zu erledigen hatte. Klägliches Jaulen war die Antwort und so legte ich mich dicht neben die junge Hündin und begann zu schnurren, mit ganz viel beruhigender Magie. Nach einigen Minuten musste ich Holly kurz anstupsen, denn die war dabei, einzuschlafen. Offenbar ist sie sehr empfänglich für Magie. Joy dagegen war immer noch sehr aufgeregt, ihr Atem und ihr Herzschlag waren nach wie vor zu schnell. So ließ ich versuchsweise etwas magischen Glitzer auf uns alle herunterrieseln. Während Joy das fasziniert beobachtete, sah mich Holly streng an:

 

„Und wer fegt das wieder weg? Ich hab heute noch Klient*innen“, sie blickte auf die Uhr, „die erste übrigens in einer halben Stunde.“

 

Bevor ich das mit ihr klären konnte, fragte Joy, endlich mit dem Schwanz wedelnd: „Oh, das ist so wunderschön! Bringst du mir das bei?“

 

Natürlich hatte sich Maxi beim Unterrichten nur auf den nützlichen Teil von Magie beschränkt. Hätte ich auch nicht anders erwartet. Wobei ... magischer Glitzer ist doch sehr nützlich und mega wichtig, oder?

 

„Klar!“, antwortete ich daher, flüsterte Joy die Zauberformel ins Ohr und zeigte ihr die Bewegungen, die sie dazu mit der Pfote machen musste.

Schon beim ersten Versuch ließ dieses so begabte Hundewesen bunten Glitzer durch den gesamten Raum rieseln. Ein paar Minuten lang probierten wir das in allen Farben und Formen aus: rosa Glitzersternchen, blaue Glitzerpunkte, grüne Glitzerblümchen ...

 

Bis Holly, die dem Spektakel fasziniert zugesehen hatte, uns unterbrach: „Und jetzt zeigt ihr mir, wie ihr das wieder wegzaubert, okay?“

 

Ich weiß gar nicht, was Holly gegen magischen Glitzer in der Praxis hat. Aber gut.

 

„Den Aufräumzauber kannst du, oder?“, erkundigte ich mich bei Joy.

 

„Na, klar, der ist doch für Welpen“, sprach sie, die selbst noch als Welpe galt – und schwupps, war der Glitzer mit nur einer Pfotenbewegung wieder verschwunden.

 

„Wow“, Holly war echt beeindruckt, „ich glaub echt nicht, dass du durchfällst.“

 

„Aber die Theorie, die ganzen Regeln“, Joy war kurz davor, wieder mit dem Jaulen zu beginnen.

 

„Die konnte ich nicht mal bei meiner Abschlussprüfung alle. (Bis heute nicht, wie ihr wisst, aber das wollte ich Joy nun doch nicht anvertrauen.) Und ich habe auch bestanden. Das heute ist nur eine Zwischenprüfung. Maxi will lediglich wissen, was ihr beide könnt und was nicht. Damit sie weiß, wie der Lehrplan in der nächsten Zeit aussehen muss.“

 

„Aber es gibt Noten“, jaulte Joy jämmerlich.

 

Ja, das hatte mich von dem Moment an, als Maxi diese Prüfung bekannt gab, richtig geärgert. Ich hasse Noten. Um den Wissensstand zu prüfen, braucht es die wirklich nicht. Macht den meisten Lebewesen nur unnötig mehr Druck und Angst.

 

„Egal, wie die Note ausfällt“, setzte ich erneut an, „Maxi wird dich weiter ausbilden. Kann nur sein, dass du dann ein bisschen mehr Regeln büffeln musst.“

 

„Sicher?“

 

„Ja!“

 

Joy sah von mir zu Holly, die ihr liebevoll durchs Fell wuschelte: „Pass auf, du machst das einfach so gut, wie du kannst, okay? Und hinterher feiern wir, egal, wie es ausgegangen ist, mit Leberwursttorte. Ich wollte es dir noch gar nicht sagen, aber die steht schon im Kühlschrank.“

 

Die Augen der Renn- und Spring-Labbi-Hündin begannen zu strahlen. Sie liebt Leberwursttorte über alles und so fiepte sie freudig und schwanzwedelnd und versuchte Holly, das Gesicht abzuschlecken. Hunde.

 

Während die beiden mit einer Mischung aus Kuscheln und Rangeln beschäftigt waren, warf ich einen Blick auf die Uhr. Hollys Klientin würde in ein paar Minuten klingeln.

 

„Sorry, ich will ja nicht stören, aber uns läuft die Zeit weg.“

 

Beide hielten inne und so fragte ich die junge Hündin vorsichtig: „Meinst du, wir könnten jetzt zusammen in den Zauberwald springen und Tasso von der Torte erzählen?“

 

Joy wandte den Blick zu mir und nickte zögernd.

 

„Okay, dann auf drei. Ziel ist der große Versammlungsplatz. Eins, zwei, drei“, wies ich Joy an.

 

Ich sprang und landete im Zauberwald auf dem großen Platz. Leider ohne Joy, wie ich feststellen musste, als ich mich umsah. Verflixter Feenstaub. Hatte sich die junge Hündin jetzt auch noch versprungen? Unwahrscheinlich. Vermutlich war sie noch in der Praxis. Mit einem Seufzer sprang ich zurück. Und tatsächlich! Joy saß wie angewurzelt neben Holly an der gleichen Stelle wie eben. 

 

Auf meinen fragenden Blick hin erklärte sie: „Sorry, ich habe irgendwie den Einsatz verpasst.“

 

„Nicht schlimm“, tröstete ich sie. „Ich zähl noch mal, ja? Und bei drei geht`s los.“

 

Joy nickte, ich zählte und sprang.

 

Nun, was soll ich sagen? Ich landete erneut ohne Joy im Zauberwald. Also wieder zurück zu Holly.

 

Bevor ich fragen konnte, was dieses Mal losgewesen sei, jaulte Joy schon los:

„Ich weiß nicht mehr, wie das geht. Ich werde durch beide Teile der Prüfung fallen.“

 

„Du weißt nicht mehr, wie Dimensionenspringen funktioniert?“ Fassungslos starrte ich die Hündin an. „Joy, wir kennen uns nur, weil du das schon konntest, ehe du das Wort überhaupt buchstabieren konntest! Und du bist vor kurzem noch hierher gesprungen!“

 

 

Diese Aktion vor eineinhalb Jahren, als Joy an einem sehr chaotischen Sommertag, versehentlich zum ersten Mal durch die Dimensionen gesprungen und in einem Zug gelandet war, war mir noch allzu gut in Erinnerung. 

 

„Sie hat tatsächlich nur einen Hopser in die Luft gemacht“, erklärte mir Holly, während Joy beschämt den Boden anstarrte.

 

„Nicht schlimm“, murmelte ich, während ich überlegte, ob Spring mit Tasso besser vorankam als ich mit dieser jungen Hündin. Mir gingen langsam die Ideen aus und ich schwor mir nicht zum ersten Mal, mit eigenem Nachwuchs mindestens noch einhundert Jahre zu warten.

 

„Vielleicht liegt es ja daran, dass mir sooo schlecht ist“, erneutes Jaulen von Joy riss mich aus meinen Gedanken.

 

„Wann hast du das letzte Mal was gegessen?“, Holly hatte wieder begonnen, das Hundemädchen zu streicheln, während sie das fragte.

 

„Weiß nicht. Gestern Mittag vielleicht. Abends war ich bei Tasso und wir wollten noch üben und haben das Essen wohl vergessen. Irgendwann bin ich über dem Lehrbuch eingeschlafen und als ich wach wurde, war Tasso weg und ich habe solche Panik bekommen und bin hierher und ...“

 

Holly unterbrach Joys Redeschwall.

 

„Pass auf. Ich mach dir einen Vorschlag. Du bekommst jetzt schon ein großes Stück von der Leberwursttorte und den Rest bringst du Tasso in den Zauberwald. Der hat ja bestimmt auch viel zu lange nichts zwischen die Zähne bekommen. Und für später zum Feiern mach ich dir einfach eine neue. Was meinst du?“

 

 

KI Bild. Ein Schäferhund liegt schlafend auf dem Weg zu einer kleinen Holzhütte im Wald. Durch die Baumstämme, die im Hintergrund zu sehen sind, fällt Sonnenlicht auf die Szene.

Joy war einverstanden und so konnten wir endlich erfolgreich in den Zauberwald springen, nachdem sie ihren Hunger gestillt hatte. Auf Wunsch des Hundemädchens hatten wir direkt Tassos kleine Hütte, die Spring und ich vor einigen Monaten für ihn gebaut hatten, anvisiert.

 

Spring kann so etwas richtig gut, wie ich feststellen musste, also Bauen und Handwerken. Tasso hatte bis dahin genau wie ich keine Unterkunft gehabt und, wenn er im Zauberwald war, entweder bei Joy und ihrer Familie oder bei Maxi geschlafen. Im Gegensatz zu mir hatte er sich ein eigenes Zuhause gewünscht. Ich schlaf nicht so gern allein und ziehe es vor, wenn ich in der Magischen Welt bin, bei Spring, Mascha, Snowflake oder Charly zu übernachten. Am liebsten natürlich bei Spring. Aber wir kommen vom Thema ab. Sorry.

 

Also weiter im Text. Tasso lag vor seiner Hütte und pennte tief und fest. Spring saß neben ihm und war sichtlich erfreut uns zu sehen:

 

„Himmel, war das mühselig, ihn davon abzubringen, die Bäume rund um den kleinen See, an dem wir unser erstes Date hatten, weiter mit Magiestrahlen zu attackieren. Er hat Angriffs- und Verteidigungszauber geübt und dabei so einiges in die Luft gesprengt – auch den kleinen Unterstand dort hat es erwischt. Letztlich konnte ich ihn überreden, zu seiner Hütte zu gehen, um hier auf Joy zu warten. Hier habe ich dann echt einen Schlafzauber einsetzen müssen, um ihn zur Ruhe zu bringen. Ich glaube, der hat die ganze Nacht nicht gepennt, vor Aufregung.“

 

Sie streckte sich ausgiebig, bevor sie mir Köpfchen gab. Dazu Joy zu begrüßen, kam sie gar nicht mehr. Das Hundemädchen hatte sich, kaum hatte sie Tasso erblickt, an ihren Patenonkel gekuschelt und schloss nun mit den Worten „Ich bin auch hundemüde“ die Augen. Sie war auf der Stelle weg.

 

„Glaube, die sind heute echt nicht prüfungsfähig“, stellte ich das Offensichtliche fest, während ich die beiden betrachtete.

 

 

„Definitiv nicht. Bleib bei ihnen, falls sie aufwachen und wieder die Nerven verlieren. Ich sag Maxi Bescheid, dass das heute nichts wird mit dem Test und dass sie sich da was anderes einfallen lassen muss“, Spring zog kopfschüttelnd von dannen und ließ mich neben den beiden schlafenden Hunden zurück.  

 

 

Freies Foto von Pixabay. Ein schwarzer Kater mit gelben Augen schaut streng in die Kamera. Es ist vor allem sein Kopf zu sehen und ein Stück vom Hals.

Ja, miau, Prüfungsangst kennen viele von euch, das ist kein traumaspezifisches Thema, auch wenn ich mich nur allzu gut daran erinnere, dass Anna bei jeder Prüfung das Gefühl hatte, vor Angst zu sterben, vorher, währenddessen und danach, bis das Ergebnis da war. Sei es Schule (da war ich natürlich noch nicht an ihrer Seite), Studium oder Umschulung. Unvergessen ist mir auch, wie viel sie lernte, obwohl sie den Stoff eigentlich längst beherrschte. Wie sie fast jede Klausur, jede Prüfung, jedes Referat mit eins oder zwei bestand und doch sicher gewesen war, durchgefallen zu sein. Wie schwer es war, sie von Pausen zu überzeugen oder gar zum Schlafen zu bringen. Essen und Trinken? Da musste ich auch richtig hinter sein, miau.

 

Früher konnte jeder Fehler, jede Unachtsamkeit lebensbedrohlich sein. Ich schrieb bereits in Springs erster Besuch darüber. Und so sind Anna und Co jede Prüfung angegangen, als hinge ihr Leben davon ab, dass sie sie richtig gut bestehen, weil es sich für sie genau so anfühlte. Freude über gute Noten war eher selten, oft war es schlicht nur Erleichterung, nicht versagt zu haben. Und manchmal nicht einmal das, weil das Bestehen mit eins oder zwei das selbstverständliche Ziel war oder schon die nächste „Prüfung“ vor der Tür stand/steht.

 

Doch warum eine Geschichte dazu, wenn es doch so vielen Menschen so geht? Nun, letztlich, Ihr Zauberhaften, ist Prüfungsangst nichts weiter als die Angst zu versagen, da erzähle ich euch nichts Neues. Ihr erinnert euch mit Sicherheit an den Zweiteiler (=> Magie ist kein Zaubermittel 1 und 2), da ging es ja um mein Gefühl, bei einer wichtigen Aufgabe komplett versagt zu haben. Und diese Angst zu versagen, den eigenen und äußeren Ansprüchen in keinster Weise zu genügen, nie gut genug zu sein, immer 200% Kraft einzusetzen, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen, weil 100% oder gar weniger vermeintlich nicht ausreichen, das, meine Lieben, ist unter traumatisierten Menschen sehr weit verbreitet und bezieht sich nicht nur auf Prüfungen im engeren Sinne.

 

Ich habe es in meiner Kindheit, in den Jahren bei meinem Vater Angelo, selbst erlebt, wie es ist, morgens mit der Angst, womöglich bei irgendwas zu versagen, aufzuwachen. Zehn verdammte Jahre lang. Ein scheußlicher Zustand, kann ich euch sagen.

 

Nun, Anna und Co werden bis heute noch viel zu oft direkt nach dem Aufstehen von der Angst überflutet, die Anforderungen, die der neue Tag mit sich bringt, nicht zu erfüllen, sei es ein schwieriges Telefonat, Rausgehen, das Schreiben der Einkaufsliste. Dinge, die sie eigentlich schon Tausende von Malen gemacht haben und die sich doch jedes Mal wieder anfühlen, als müssten sie noch einmal eine Chemie-Klausur schreiben oder eine Übung am Stufenbarren vorführen; beides nicht Annas Stärken.

 

Manchmal denke ich, für Anna und Co ist das ganze Leben, der Alltag, einfach alles eine einzige, nie enden wollende, große Prüfung.

 

Zu begreifen, dass weder die Welt untergeht noch das eigene Leben bedroht ist, wenn eins Fehler macht oder durch eine Prüfung rasselt oder irgendwelche sonstigen Anforderungen nicht erfüllen kann, ist für traumatisierte Menschen ein langer Prozess.

 

Leider bekomme ich immer wieder mit, wie dieses sog. Hilfesystem diese tief verankerten Versagensängste verstärkt, indem es Menschen mit sog. psychischen Erkrankungen zwingt, sich ständig neue Ziele zu setzen, jedes Jahr wieder, bei jedem Antrag auf Weiterbewilligung, statt es einfach mal gut sein zu lassen und anzuerkennen, dass es schon Hilfe braucht, um nur den Status Quo zu erhalten – und wie viel Kraft das allein kostet. Der Druck, der dadurch auf Anna und den anderen lastet, ist unvorstellbar groß. Und mich macht es sauer. Wieder Leistung erbringen, wieder etwas „schaffen“ müssen, wieder geprüft und beurteilt werden, ob es denn reicht, was eins tut, um das eigene Leben ein wenig zu verbessern, miau. Richtig katastrophal sind die Auswirkungen, wenn dann auch noch mit dem Entzug der Leistung gedroht wird, wenn bestimmte, eventuell sogar von außen, also von den bewilligenden Ämtern, gesetzte Ziele, nicht erreicht werden (können). Hilfe sollte nicht an Bedingungen geknüpft sein und schon gar nicht alles noch schlimmer machen. Wie wütend mich das macht, kann ich kaum beschreiben.

 

 

Gerade über letzteres könnte ich noch viel schreiben, aber erstens komme ich schon wieder etwas vom Thema ab und zweitens geht es mir wie immer nur um einen kleinen Einblick in das Leben von Menschen mit Komplextraumata, in dem die Angst zu versagen, die Angst nicht gut genug zu sein, eine große Rolle spielt. Wie immer gilt auch dabei: Ich schreibe über das, was ich mit Anna & Co erlebe. Bei anderen Betroffenen kann das alles anders sein. Und das hat ebenso seine Berechtigung. Doch nun zurück zur Geschichte: 

 

 

 

Foto eines schlanken, mittelbraunen Hundes, der artig mit aufmerksamen Blick auf einem Baumstumpf sitzt, den Mund geöffnet, die Zunge hängt ein wenig heraus.
Privates Foto.

Unsere beiden Schützlinge im Zauberwald schliefen die nächsten fünf Stunden einfach durch und die Prüfung wurde um eine Woche verschoben. Spring hatte Maxi schlussendlich davon überzeugt. Snowflake, der bei Maxi hineinschneite, während die beiden das Thema diskutierten, machte den Vorschlag, keine klassische Prüfung durchzuführen, sondern sich eine Art Schnitzeljagd zu überlegen, bei der die beiden Prüflinge verschiedene Rätsel lösen und Zauber ausführen mussten, um am Ende einen Schatz zu finden.

 

Ja, er ist nach wie vor sehr geprägt von seinen Erlebnissen im Land der Magischen Ritter. Zum Glück hat er die Schnitzeljagd nicht so schwierig und vor allem nicht so tödlich gestaltet wie einst Moon den Abenteuer-Park. Um den spielerischen Charakter zu unterstreichen, sollten zudem Spring und ich ein Team bilden und mitmachen. Allerdings ohne Anrecht auf die Leberwursttorte, die es zu finden galt.

 

Apropos, Leute, ich sag’s euch, Holly hat die größte Leberwursttorte „gezaubert“, die es je gab. Vielen Dank an Holly an dieser Stelle, diese dreistöckige Torte, mit aus Gemüse geschnittenen Deko-Tieren, war garantiert eine Heidenarbeit gewesen (und für alles andere auch, soll ich dir von Anna an dieser Stelle mal ausrichten). Den Transport dieses Kunstwerks in den Zauberwald übernahmen Socke, Anton und Spring. Holly muss nicht schlecht geguckt haben, als die drei in ihrer Praxis auftauchten. Ohne zu klingeln, miau.

 

Jedenfalls machten Tasso und Joy ihre Sache richtig gut. An jeder Station der Schnitzeljagd musste jede*r von ihnen eine theoretische und eine praktische Aufgabe lösen, um den nächsten Hinweis zu bekommen; um die nächste Station zu finden, brauchte es alle vier Hinweise. Wusste eine*r der beiden die Antwort nicht oder bekam den verlangten Zauber nicht hin, durften sie sich gegenseitig helfen. Nach den ersten paar Minuten, in denen beide Hunde trotz allem noch recht aufgeregt waren, hatten sie richtig Spaß an der Sache und Maxi war am Ende sehr zufrieden mit ihren beiden Schützlingen.

 

Spring und ich kamen allerdings lange nach den beiden im Ziel an. Und das lag nicht an meiner Liebsten, wie sie noch immer betont. Aber wer weiß denn bitte, um nur ein Beispiel zu nennen, bei dem ich gepatzt hatte, was in der Richtlinie für den Umgang mit Trollen steht? Meine erste Antwort „Blocken“ galt nicht, weil es natürlich um unsere Trolle und nicht um die auf Social Media ging. Na, gut. Aber auch mein zweiter Antwortversuch „Lauf weg“ hatte Spring nicht sehr amüsiert. Verstehe ich bis jetzt nicht, halte ich es doch für einzig vernünftige Handlungsempfehlung, mau. Unsere Diskussionen kosteten uns viel Zeit – und am Ende war ich der Einzige, der richtig büffeln musste. Spring brachte mir nämlich bei ihrem nächsten Besuch bei Anna und mir doch tatsächlich eine Ausgabe unseres Regelwerkes, ein dicker Wälzer, der mindestens eine Tonne wiegt, mit. Mit den Worten „Lern das endlich. Wenigstens die markierten Passagen“ legte sie das Ding vor meine Pfoten und fuhr fort: „Das ist wichtig, Merlin, wichtiger als früher, denn irgendwann wird die nächste Auseinandersetzung mit Minna und ihrer Bande auf uns warten. Und dann ist es unter Umständen Leben rettend, wenn du weißt, welche Zauber du wann legal einsetzen darfst.“ 

 

Es handelt sich um ihr altes Lehrbuch, in dem sie die wichtigsten Regeln farblich unterlegt hatte, wie ich bemerkte, als ich zunächst wahllos durch die Seiten blätterte. Einerseits bin ich sehr gerührt, dass sie mir ihr Buch überließ, weiß ich doch, wie sehr sie an ihm hängt, andererseits ist das eine Menge Stoff. Aber was tut kater nicht alles für seine Liebste.

 

Tja, meine Zauberhaften, insofern schließe ich für heute, denn das nächste Kapitel im Regelwerk wartet auf mich. Irgendwas über die legale Anwendung von Angriffszaubern, miau.

 

Wir lesen uns. Bis bald. Wer mag, kann mir hier oder auf meinen Social Media Accounts einen Kommentar hinterlassen.

 

Es grüßt euch herzlich

 

Euer Merlin

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Felicia (Sonntag, 01 März 2026 10:51)

    Wieder mal eine sehr schöne Geschichte. Gut, wie du das mit Spring zusammen geregelt hast, Merlin. Die eigentlichen Helden waren natürlich die beiden Prüflinge, ist ja klar! Wie schön, dass sie es geschafft haben, wenn auch nicht auf dem vorgesehenen Prüfweg. Aber die besten Prüfungen sind ohnehin die, in denen sich die Seite der Prüfer auf die Bedarfe Der Prüflinge einstellt. Nicht jede Schablone passt schließlich gleich gut auf einen selbst. Und ganz oft hat es nichts mit den beherrschten Fähigkeiten zu tun, sondern mit den Umständen drumherum.

  • #2

    @energiepirat (Sonntag, 01 März 2026 13:22)

    Lieber Merlin,

    Ja, den Süruchkenne ich: „Leben ist das, was passiert, während Du dabei bist, andere Pläne zu machen“

    Für religiöse Personen habe ich immer einen bissigen: "Der Mensch denkt ,Gott lenkt - der Mensch dachte, Gott lachte".

    Den mag leider nicht jeder. Ich schon. Warum?

    Weil am Ende dagen zu viele und, wir seien immer "selbst verantwortlich"! Gemeint ist aber: Uns selbst überlassen,
    Wobei wir doch besser wissen sollten, dass es besser stets darum ginge, uns alle - auch bei Tieren und Pflanzen - gegenseitig zu ergänzen, zu helfen und darauf zu achten, dass es allen gut und möglichst stetig besser geht.

    Und das bedingungslos. Ohne Leistungsnachweiseinforderung.

    Das hat mich einen Moment lang weiter als 50 Jahre zurückgeführt, als ein hilfloses Elternteil auf den Rat einer Lehrerin beschlossen hat, meinen IQ testen zu lassen. Der Effelt war, dass von da an keine 2 mehr gut genug war, eine 1 gerade so und 1* die Standard-Moinimal-Erwartung.

    Prüfungsangst hatte ich - wohl auzch desewegen - eigentlich nie. Dass ich etliche Prüfungen vergeigt habe, lag eher daran, dass ich nie das Gefühl bekommen hatte, angenommen, geliebt und bestätigt zu werden. Aber das war die Aufgabe, die mir das Leben gestellt hat. Alles andere war Handlungsrahmen.

    Danke für die tolle, dynamische Geschichte über die zwei,

    Mit kräftigem Schnurren bis bald


  • #3

    Hartmut (Sonntag, 01 März 2026 13:44)

    Merlin, das war wieder eine tolle Geschichte, die eigentlich sehr real ist. Diese Prüfungsangst, die Anna und Co. schlimmer trifft und die sie ihr Leben lang tragen werden und unser einer immer nur dann, wenn es darum geht, Prüfungen zu bestehen, kann ich zumindest zum Teil gut nachvollziehen. Du hast das in der Geschichte sehr gut dargestellt. Und vor allen Dingen auch das: „Hilfe sollte nicht an Bedingungen geknüpft sein und schon gar nicht alles noch schlimmer machen.“ Dieser Satz macht sehr deutlich, wie es immer wieder passiert, dass man unter so großen Druck gerät. Und es ist schön, dass Spring an dich gedacht hat und vor allen Dingen, dass es möglicherweise eine weitere Auseinandersetzung mit den Minna und ihrer Bande geben wird. Das alles ist noch nicht vom Tisch. Und schön, dass Tasso und Joy ihre Prüfung bestanden haben, theoretisch und praktisch. Hört sich ein bisschen an wie Geocaching. Danke, dass du noch einmal so deutlich gemacht hast, wie sehr Prüfungen uns prägen, nicht nur in Schule oder Ausbildung, sondern im ganzen Leben.

  • #4

    ALina (Sonntag, 08 März 2026 13:35)

    Die Schnitzeljagd war eine tolle Idee. So konnten sie die Zwischenprüfung entspannt und mit viel Spaß angehen. Wenn bloß alle Prüfungen so wären....
    Und Jaaaa, Trolle blocken ��