CN Tod

Miau und hallo, meine zauberhaften Leser*innen,
Menschen haben Sinnkrisen. Krisen, in denen alles in Frage steht, in denen die Zweifel am eigenen Tun, Denken und am eigenen Fühlen die Oberhand gewinnen. Krisen, in denen die Wörter WOZU und WARUM in großen, blinkenden, neonfarbenen Lettern über allem stehen. Krisen, in denen Aufgeben nicht mehr nur eine von vielen Optionen ist, sondern augenscheinlich die einzig richtige. Ja, ich weiß, da erzähle ich euch nichts Neues, miau.
Doch auch wir Tiere aus dem Zauberwald sind davor nicht gefeit, wirklich jeden Aspekt unseres Seins in Frage zu stellen.
Ich hatte im Februar/März 2025 eine kleinere Sinnkrise, bezogen auf den Blog und das Schreiben, als ich feststellen musste, dass ich mit meinen Geschichten viel weniger Menschen als im Jahr zuvor erreichte. In dem ganzen Chaos eurer Welt schien es keinen Platz mehr zu geben für ein „nischiges Nischenthema“. Verständlich und doch traurig, für einen bloggenden Zauberkater, der euch Menschen komplexe Traumafolgen auf eine ungewöhnliche Art und Weise etwas näherbringen will.
Doch mir wurde recht schnell klar, dass das bei weitem nicht meine schlimmste Sinnkrise in meinem Leben gewesen war. Ich konnte in jener Zeit schlecht schlafen. Ja, eine (Zauber-)Katze mit Einschlafproblemen klingt nach einem Widerspruch in sich. Aber hey, wir haben auch Sorgen und Gefühle. Und Anna & Co ging es aufgrund äußerer Umstände schlecht, schlechter als die Jahre zuvor und so fand ich allzu oft nur schwer und manchmal gar nicht in den Schlaf.
In einer dieser durchwachten Nächte hörte ich in eine der französischen Krimi-Reihen hinein, die Anna so liebt. Sie und die anderen können bei Hörbüchern hervorragend einschlafen und so hoffte ich, dass auch mir das helfen würde, einzuschlummern.
Doch weit gefehlt; bereits nach den ersten Sätzen war ich noch wacher als sowieso schon, stellte ich doch überrascht fest, dass die Geschichte in einer Gegend in Frankreich am Atlantik spielte, in der ich Ende der achtziger Jahren nicht nur gewohnt, sondern meine bis dato wohl größte Sinnkrise durchlebte hatte: in der Aquitaine. Eine unfassbar schwere Zeit und gleichzeitig eine der schönsten meines Lebens. Klingt paradox, miau, ich weiß. Doch ihr werdet es im Laufe der Geschichte verstehen, denke ich.
Ich hatte damals zunächst in Bordeaux gelebt, aufgrund eines „Auftrags“ (siehe Wissenswertes), und schließlich in einem kleinen Dörfchen nur wenige hundert Meter von der Atlantikküste entfernt.
Leider war dieser Auftrag, meine zauberhaften Fans, ganz und gar nicht so gelaufen, wie ich es mir gewünscht hätte und wie es wichtig gewesen wäre. Doch dazu im Verlauf der Geschichte mehr.
Wichtig zu wissen ist für euch zunächst nur eins: Ich war der festen Überzeugung, bei dem Auftrag versagt zu haben. Trotz meiner Magie. Trotz all meiner Erfahrung, meiner Fähigkeit, Menschen zu erreichen und zu unterstützen. Elendig versagt. Gescheitert. Untergegangen mit Pauken und Trompeten, wie es mir der sadistische Mistkerl, der mein Vater Angelo nun einmal ist, prophezeit hatte, seit ich auf der Welt bin.
Tja, und so saß ich, die Stimme meines Vaters im Kopf, am Ende dieses so schwierigen Auftrags in einer noch recht frischen und selbstverständlich völlig verregneten April-Nacht Ende der achtziger Jahre vor einem Betonklotz von Krankenhaus auf dem dazugehörigen Parkplatz in Bordeaux und wurde überflutet von Schuldgefühlen, Selbsthass, Trauer und Schmerz, über allem diese beiden elendigen, blinkenden Wörter WARUM und WOZU. Stundenlang hockte ich da, mit völlig durchnässtem Pelz, ein einziges Häufchen Elend, und stellte mein gesamtes bisheriges Tun, ja, mein Sein überhaupt in Frage. Wie hatte ich mir nur einbilden können, ein kleiner, schwarzer, magisch nicht sonderlich begabter Kater könnte irgendwas bei irgendwem bewirken?! Lächerlich!
Ich war fix und fertig mit mir und der Welt. Und als der Morgen dämmerte und der Regen endlich nachließ, hämmerte in meinem Kopf nur noch ein Gedanke:
Ich würde meinem Leben als magischer Kater abschwören und fortan als einfacher Hauskater leben.
Das war die einzig mögliche Schlussfolgerung aus meinem Versagen. Jedenfalls war ich damals davon überzeugt. Nie wieder würde ich Magie einsetzen, nie wieder mit Menschen in ihrer Sprache sprechen – und niemals wieder in den Zauberwald zurückkehren, stattdessen würde ich ein idyllisches, ruhiges Leben am Meer führen.
Und so lief ich los. Richtung Westen. Richtung Atlantik. Ich würde mir ein kleines, freundliches Dorf suchen, wie das, in das die Familie, bei der ich bis vor zwölf Stunden noch gelebt hatte, einige Wochen zuvor einen Ausflug gemacht hatte. Ich hatte mich damals tatsächlich im Auto verstecken müssen, um mitfahren zu können. Ja, mau, es war bei dieser Familie wirklich schwierig gewesen.
Aber das Örtchen hatte mir gut gefallen und insofern hatte sich der Aufwand mit dem Verstecken gelohnt. „Pittoresk“ nennt Alexander Oetker, der Autor der Krimi-Reihe um den Kommissar Luc Verlain, in die ich hineingehört hatte, diese kleinen Dörfer in der Aquitaine – und ich finde das ganz passend, auch wenn ich das Wort selbst so nicht benutzt hätte.
Konsequenterweise verzichtete ich schon auf dem Weg zum Atlantik auf Magie und brauchte für die 40 bis 50 Kilometer daher fünf oder sechs Tage; ich weiß es nicht mehr so genau. (Mit Magie hätte ich nur die Hälfte der Zeit gebraucht, obwohl ich, wie ihr ja wisst, nicht der Sportlichste bin und nie war. Nur mal so zum Vergleich.)
Ich schlief und aß wenig in diesen Tagen, machte mir nicht einmal die Mühe, mir irgendwo einen Kaffee zu organisieren, sondern lief und lief und lief. Als wollte ich vor allem davonlaufen. Am meisten wohl vor mir selbst. Aber das geht ja leider nicht, so sehr eins es auch versucht.
Schließlich erreichte ich den Atlantik. Selbst mitten in der Nacht war dieses gigantische, gewaltige Meer beeindruckend. Tiefschwarz, darüber die funkelnden Sterne. Der Anblick haute mich wortwörtlich von den Pfoten. Okay, vielleicht war es auch die Kombination von Schlafmangel und Hunger, aber ich plumpste einfach auf den Boden und blieb genau so liegen, den Bauch im Sand.
In den kommenden Monaten würde dieser Sand das Unangenehmste an meinem Leben so dicht am Atlantik sein; bis heute erinnere ich mich nur allzu gut daran, wie er 24/7 in meinem Fell klebte, in Nase, Ohren, Augen und zwischen den Krallen hing. Doch in jener ersten Nacht störte er mich nicht.
Während ich den Anblick des Ozeans genoss, sank mein Kopf auf meine Vorderpfoten und ich schlummerte selig zum Geräusch des Wellenrauschens ein. Erst am späten Vormittag erwachte ich. Ich hatte so gut geschlafen wie schon lange nicht mehr. So fing ich mir in den Dünen schnell einen Snack und wanderte den Tag über am Strand entlang Richtung Norden. Ziel- und planlos. Mein andauernd piependes, magisches Funkgerät in meinem kleinen Lederbeutel ignorierte ich. Ich wollte für mich sein. Herausfinden, wie es weitergehen sollte. Wollte mit der Magischen Welt im Moment nichts zu tun haben. Im Moment? Nein, nie wieder.
Es war bereits später Abend, als ich schließlich den Strand verließ. Direkt hinter den Dünen hatte ich kleine Strandhäuschen entdeckt, die zu dem dahinterliegenden kleinen Dorf gehören mussten und in der Hauptsaison vermutlich an Tourist*innen vermietet wurden. Eins sprach mich besonders an, denn Fensterrahmen und Tür waren in einem dezenten Rosa gestrichen. Das kleine Dorf würde ich morgen erkunden, beschloss ich, denn das Häuschen schien mir der perfekte Schlafplatz. Theoretisch. Wäre ich hineingekommen. Aber Tür und Fenster waren verschlossen. Mit Magie wäre das kein Problem gewesen, aber ich widerstand der Versuchung. In dem winzigen Schuppen hinter dem Haus hatte ich mehr Glück. Dort war eines der Fenster kaputt, sodass ich mich nach einem Sprung auf das Sims hindurchquetschen konnte. Ja, schon gut. Ich brauchte drei Anläufe; müsst ihr jetzt nicht drauf rumreiten, miau.
Der Schuppen stand voll mit Gartenmöbeln und allerlei anderem Zeug. Erfreut stellte ich fest, dass auch ein uraltes Sofa seinen Platz hierher gefunden hatte. So versteckte ich meinen kleinen Lederbeutel, der uns magischen Tieren als Reisegepäck dient und ein unglaubliches Fassungsvermögen hat, samt Inhalt in einer Ecke unter einer Plastikplane, nachdem ich endlich das ständig piepende Funkgerät ausgestellt hatte, und erklärte den vollgerümpelten Raum kurzerpfote zu meinem neuen Zuhause. Ich hatte Ende des 19. Jahrhunderts und die ersten Jahrzehnte im 20. Jahrhundert, wenn ich auf eurer Welt im Einsatz war, schon schlechter gewohnt. Deutlich schlechter.

Am nächsten Morgen, die Sonne strahlte bereits am blauen Himmel und wärmte mir den Pelz, tapste ich die schmale Straße entlang, die ins Dorf führte. Ich wollte mir anschauen, wo ich in Zukunft leben würde und mich den Dorfbewohner*innen vorstellen. Doch zuallererst brauchte ich endlich einen Kaffee.
Schnell erreichte ich den Ortskern, ein runder Platz mit den wichtigsten Geschäften. Es gab einen Metzger, einen Tante-Emma-Laden, einen Laden mit Souvenirs, der nur in der Hauptsaison geöffnet hatte, eine Apotheke, ein Café, ein Restaurant, einen Tabac Presse, vor dem sich die Schulbushaltestelle befand – und direkt daneben eine Boulangerie mit Kaffeeausschank, die bereits geöffnet hatte. Perfekt. Dort würde ich meine Vorstellungsrunde beginnen und einen Morgenkaffee genießen.
Nun, letzteres stellte sich als schwieriger heraus, als ich gedacht hatte. Die Bäckerin, ihr Name war Élise, wie ich im Laufe des Tages erfahren würde, hockte sich, kaum ich war durch die offene Ladentür spaziert, neben mich, streichelte mich und erzählte mir, was für ein hübscher, kleiner Kerl ich wäre und andere freundliche Dinge. Ja, gut, ganz nett, aber ich wollte Kaffee. Und so mauzte ich, was das Zeug hielt. Doch das führte nur dazu, dass sie mir ein Schälchen mit Milch kredenzte. Große Katze im Himmel, wann lernen es die Leute endlich? Katzen aus eurer Welt vertragen keine Milch von Kühen, magische Tiere zwar schon, aber ich mag sie pur so überhaupt nicht. Ich wollte da Kaffee drin haben – und zwar ordentlich viel. Fast hätte ich ihr in Menschensprache klar gemacht, was ich wollte, verkniff es mir aber noch rechtzeitig. Selbst wenn ich nicht der Magie abgeschworen hätte, wäre es zu früh gewesen, sie in ihrer Sprache anzusprechen. Ich brauchte eine andere Strategie. Und so sprang ich in einem Moment, in dem sich die Bäckerin um eine*n Kund*in kümmerte, neben die Kaffeemaschine, wo bereits eine Tasse Café au lait für eben jene*n Kund*in stand, und machte mich über sie her. Natürlich sahen die beiden es und Élise schimpfte mächtig mit mir. Da sie dabei mit dem Lachen kämpfte, fand ich die Standpauke jedoch nicht allzu schlimm.
Das Spielchen spielten wir eine Woche lang, dann hatte sie es endlich begriffen. Wenn ich morgens um Punkt neun Uhr die Boulangerie betrat, erwartete mich schon eine große Schale mit Milchkaffee. Perfekt. Natürlich sprach sich das schnell im Dorf herum, dass ich liebend gern Kaffee trinke, und so wurde ich von den Dorfbewohner*innen auf den Namen „Café au lait“ getauft. Miau. Damit konnte ich leben, auch wenn ich in Anbetracht meiner Fellfarbe „Café noir“ passender gefunden hätte.
Als nächstes stand es an jenem Morgen an, mir ein anständiges Frühstück zu besorgen. Keine Katze kann ständig von Mäusen leben. Also ich jedenfalls nicht. Das Restaurant war noch geschlossen und in dem kleinen, entzückenden Café schien es um diese Zeit nur Süßes zu geben. So versuchte ich mein Glück beim Metzger. Ich inspizierte erst mal in aller Ruhe die Auslage. Diese Saucissons (luftgetrocknete Würstchen, die in Frankreich sehr beliebt sind) sahen extrem lecker aus. Also stellte ich mich vor die Fleischtheke, genau an die Stelle, wo diese auslagen, richtete mich auf, mauzte und tippte mit der Pfote gegen die Glasscheibe. Ich fand das eindeutig. Der Metzger, sein Name lautete Alain, wie ich dem Schild an der Tür entnommen hatte, offenbar nicht. Er verschwand nach ein paar freundlichen Worten an mich nach hinten und kam mit einem Schälchen wieder, das er mir vor die Ladentür stellte. Also, was da drin war, erspare ich euch. Da wäre mir doch fast der Appetit vergangen. Mich noch immer schüttelnd stellte ich mich erneut vor die Saucissons. Mauzte und kratzte wieder an der Glasscheibe der Theke. Alain setzte mich wieder vor das Schälchen. Große Katze im Himmel. Ohne Menschensprache ist es echt schwierig, euch klarzumachen, was kater will. Ich ging wieder hinein, er trug mich wieder heraus. Das wiederholten wir drei oder vier Mal, bis ich den Blick „trauriges, halbverhungertes Kitten“ aufsetzte und er nachgab, nicht ohne sich über anspruchsvolle Hauskatzen lustig gemacht zu haben. Nun ja, das hatte er umsonst und ich verschlang in der Sonne sitzend gierig meine Saucissons.
Kaffee und Essen waren also gesichert – und so machte ich mich daran, die anderen Geschäfte rund um den Platz zu inspizieren und die Inhaber*innen bzw. Angestellten kennenzulernen. Nicht eure Sprache benutzen zu können, war echt schwierig, aber nach und nach gewöhnte ich mich daran und fand in diesem kleinen Dörfchen schnell einige gute menschliche Freund*innen.
Mein Tagesablauf war recht entspannt: Ich schlief aus, trank einen Café au lait mit Élise, ließ mich von ihr ein bisschen streicheln und hörte noch eine Weile dem Dorfklatsch zu. Die Boulangerie war mehr als eine Boulangerie. Sie war der zentrale, morgendliche Treffpunkt – und eins erfuhr stets etwas Neues. Für neugierige, ex-magische Kater genau der richtige Zeitvertreib. Im Anschluss daran besorgte ich mir bei Alain mein Frühstück. Und schon war es in der Regel Zeit für ein erstes Nickerchen in der Sonne auf einem der Bistro-Stühle vor dem kleinen Café. Nach nur wenigen Tagen hatte ich Colette, die Besitzerin, so weit, dass sie mir nach dem Aufwachen unaufgefordert einen Café au Lait und einen kleinen Snack (Katzenleckerlies, die sie extra für mich in dem kleinen Tante-Emma-Laden erstanden hatte) servierte. Wirklich guter Service, miau.
Gestärkt machte ich mich dann meist auf den Weg, um Madeleine zu besuchen. Madeleine war eine etwa 80-jährige Frau, die am Rande des Dörfchens wohnte. Ich hatte sie bereits am ersten Tag im Tante-Emma-Laden kennengelernt. Sie verbrachte die Mittagszeit immer in ihrem wunderbaren Garten auf einer Liege – und ich hatte es mir angewöhnt, mich einfach dazuzulegen. Sie hatte wenig Kontakt zu den Menschen im Dorf, weil sie – nun ja – eher unfreundlich zu ihnen war, um nicht zu sagen: gemein. Daher gingen ihr die Leute lieber aus dem Weg. Zu mir war sie allerdings sehr nett; schnell hatte sie Katzenfutter besorgt, sodass ich ein Mittagessen bekam. Nur das mit dem Café au lait nach dem Futtern klappte bei ihr nicht, den musste ich am Nachmittag bei Élise trinken, während ich die Ankunft des Schulbusses beobachtete.
Anfangs tat ich letzteres vor allem zum Zeitvertreib, aber schnell freundete ich mich mit zwei der Kids näher an. Oscar und Amélie, beides Außenseiter*innen, die sofort mein Herz erobert hatten. Oscar war ein unsicherer, stiller, verträumter Junge, der wirklich über jeden noch so kleinen Stein stolperte und überall gegenrannte, weil er ständig in Tagträumen lebte und seine Umgebung kaum wahrnahm. Amélie war mit ihren Eltern erst vor kurzem in das Dorf gezogen und hatte einen schweren Stand. Besonders ein Zwölfjähriger hatte es auf sie abgesehen und schikanierte sie, wann immer er konnte. Er erinnerte mich stark an Hakoon (=> Schneesturm), den Mobber in meiner Kindheit. Da ich beide Kiddies sehr gern mochte, begleitete ich sie abwechselnd nach Hause, um Zeit mit ihnen zu verbringen. Montags, mittwochs und freitags hatte Amélie „Café au lait“-Tag, wie sie es nannte, dienstags, donnerstags und samstags Oscar. Mittwochs und samstags war damals zwar keine Schule, aber ich besuchte die beiden trotzdem.
Mein Abendessen bettelte ich mir regelmäßig im Restaurant zusammen, die Gäste liebten mich alle und der Koch war exzellent. Danach ging ich runter zum Strand und genoss den Anblick des Atlantiks, bevor ich mich auf dem Sofa in meinem Schuppen zum Schlafen niederließ.
Wie ihr seht, war es ein recht angenehmes, entspanntes Katzenleben. Ich bekam alles, was ich wollte, und so vermisste ich den Einsatz von Magie immer weniger. Ich musste keine Aufträge mehr erfüllen, brauchte keine Angst vor dem Versagen haben. Ich war einfach „Café au lait“, ein streunender, schwarzer Kater, ein Dorfkater, den alle gern mochten. Ich war zufrieden. Ein bisschen ging es mir wie Lizzy in der Geschichte „Zuhause“; ich konnte einfach mal sein. Miau.
So verbrachte ich die nächsten vier bis fünf Monate. Die Tourist*innen, die im Hochsommer den Strand und das Dorf bevölkerten, gingen mir etwas auf den Keks, aber mit jenen, die das zu meinem Schuppen gehörende Strandhäuschen mieteten, hatte ich durchweg Glück. Sowohl beim morgendlichen Aufbruch ins Dorf als auch beim Nachhausekommen griff ich bei den meisten Leckerlies und Streicheleinheiten ab.
Ich hätte ewig so weiterleben können. Doch wie immer kam es anders, miau.

Eines Abends am Atlantik, die blaue Stunde war noch nicht einmal angebrochen, entdeckte ich weit draußen etwas bunt Glitzerndes. Zu weit draußen, um zu erkennen, was es war. Eine Boje? Nein. Nicht so weit im Meer und außerdem glitzern die nicht. Ein ins Meer getriebenes Strandspielzeug? An dem Gedanken blieb ich kurz hängen, bis ich bemerkte, dass das glitzernde Etwas in zügigem Tempo auf den Strand zuhielt und hin wieder aus den Wellen ein Kopf auftauchte. Was zum grünen Troll? Definitiv kein Spielzeug. Aber was dann? Gespannt starrte ich auf das Wasser. Nach und nach wurde erkennbarer, was es war. Und nur Minuten nach meiner Entdeckung betrat es den Strand. Also besser sie. Denn vor mir saß eine magische Schildkröte und begrüßte mich in Katzensprache mit den Worten:
„Guten Tag, mein Name ist Quincy.“
Magischen Schildkröten war ich bisher nie direkt begegnet und – Überraschung – ich wusste damals nicht viel über sie. Bekannt war mir natürlich, dass es bei unseren Schildkröten keine Unterteilung in Land- und Wasserschildkröten gibt. Sie sind beides in einem. Außerdem fängt ihr Panzer an zu glitzern, wenn sie im Meer sind. Und irgendwo ganz hinten in meinem Kopf war abgespeichert, dass sie eine besondere Fähigkeit haben, die mir aber beim besten Willen nicht einfallen wollte.
Weiterhin erinnerte ich mich dunkel daran, dass Mascha gut mit einer Schildkröte befreundet war. Hatte sie Quincy hierhergeschickt? Verflixter Feenstaub, der Gedanke passte mir gar nicht.
„Und ich bin ‚Café au lait‘“, stellte ich mich Quincy von daher mit reservierter Stimme vor. „Was machst du hier?“
„Mir kam zu Ohren, dass hier in der Gegend ein magischer Kater lebt, der eventuell eine Freundin brauchen könnte.“
„Wen immer du suchst, ich bin es nicht“, antwortete ich und drehte mich um. Während ich auf die Dünen zulief, spürte ich Quincys Blick im Nacken. Ja, ich weiß, mein Verhalten an diesem Abend ergab keinen Sinn. Natürlich wusste Quincy, wer ich wirklich war. Schon klar, miau. Aber ich wollte mit der Magischen Welt einfach nichts mehr zu tun haben. Und schon gar nicht mit einer Schildkröte, die mir womöglich Mascha geschickt hatte, um mich zurückzuholen. Für ein paar Stunden erlag ich unsinnigerweise der Hoffnung, ich könnte Quincy mit diesem einen Satz losgeworden sein.

Weit gefehlt. Selbstverständlich. Jeden Abend wartete sie an „meinem“ Strand auf mich. Die ersten Male drehte ich mich auf der Pfote um, wenn ich sie erblickte. Aber irgendwann blieb ich, wollte ich mir mein Abendritual auf Dauer nicht nehmen lassen. Und so fingen wir an, miteinander zu reden. Also die meiste Zeit redete ich. Ich erzählte Quincy von den Dorfbewohner*innen und ihrem Leben, von meinen Tagen im Dorf und wie sehr ich all das hier liebte. Quincy war eine aufmerksame Zuhörerin. Sie machte keinerlei Anstalten, mich davon zu überzeugen, in die Magische Welt zurückzukehren, sie erwähnte sie nicht einmal. Und so begann ich irgendwann den abendlichen Plausch mit ihr zu genießen.
Doch dann kam der Abend, es war bereits Anfang Oktober, an dem Quincy das Thema ansprach, vor dem ich mich fast verzweifelt versuchte zu drücken. Wir hatten schon eine Weile miteinander geplaudert, als sie mich ernst ansah:
„Es wird langsam Zeit in den Zauberwald zurückzukehren, Merlin“, wie immer sprach sie leise und bedächtig.
Es war das erste Mal, dass sie mich mit meinem richtigen Namen ansprach. Ich hatte ihn schon eine Weile nicht gehört und so zuckte ich kurz zusammen. Doch Quincy ließ mir keine Zeit zum Reagieren und fuhr fort:
„Dir bleiben noch ein oder zwei Tage, bis deine Magie dich vollständig verlassen wird. Dann gibt es keinen Weg mehr zurück in den Zauberwald.“
„Das stimmt doch gar nicht“, platzte ich verärgert raus. „Dafür gibt es doch die Magischen Trampoline und Rutschen, die eins durch die Dimensionen in die Magische Welt katapultieren (=> Wie die genau funktionieren, habe ich euch in Geschichte 5. Ein Elchabenteuer... erzählt).“
Ja, ich war sauer, nicht nur weil Quincy eben Quatsch erzählt hatte. Nein, auch auf meine Situation. Obwohl ich meine Magie nicht benutzte, merkte ich doch, dass sie schon seit einiger Zeit immer schwächer wurde. Am Anfang nimmt eins das gar nicht richtig wahr. Es ist ein eher schleichender Prozess. Doch das Entweichen der allerletzten Magiefunken aus dem Körper ist äußerst unangenehm, wie ich jetzt am eigenen Leib erfuhr. Zumeist erstreckt sich diese letzte Phase des Verlustes der Magie über sieben bis zehn Tage und wird von Schwindel und zunehmender Übelkeit begleitet, bis es schließlich zu einem körperlichen Zusammenbruch kommt und eins tatsächlich ohnmächtig wird. Beim Aufwachen geht es eins wieder besser, doch die Magie ist erst mal futsch. Schafft es eins über eins der Magischen Spielgeräte, die auf der menschlichen Welt genau dafür erbaut worden sind, zurück in die Magische Welt, lädt sich eins wieder auf. Doch das kann, wenn eins Pech hat, Monate dauern. Nun, miau, ich fühlte mich schon seit etwa einer Woche nicht gut. Und trotz aller Schwüre, dass ich Magie sowieso nie wieder einsetzen wollte, machte mir dieser Umstand zu schaffen.
Doch das wollte ich weder mir noch der Schildkröte eingestehen und so fügte ich hinzu:
„Außerdem will ich doch auch gar nicht zurück. Ich fühle mich hier wohl.“
Quincy sah von unten zu mir hinauf: „Interessant, dass du die Möglichkeit, wie du doch noch zurückkönntest, zuerst nennst. Nur vergisst du dabei, dass dir eine saftige Abmahnung droht, wenn du es wissentlich riskierst, deine Magie zu verlieren, und dich auf diese abenteuerlichen Trampoline und Rutschen verlässt. Das wäre es dann gewesen, für die nächsten Jahre mit Aufträgen in der menschlichen Welt. Der Vorstand würde es dir untersagen.“
Ach ja, richtig, Nummer 456 im Regelwerk des Rates der Gemeinschaft der Magischen Tiere; die vergaß ich immer. War aber auch unerheblich, weil ich ja nicht zurückwollte. Doch bevor ich Quincy erneut auf diese Tatsache hinweisen konnte, sprach die Schildkröte schon weiter:
„Im Ernst, Merlin, was ist eigentlich passiert? Magst du es mir nicht endlich erzählen?“
Meine Stimme klang gepresst, als ich ihr nach einem Moment des Schweigens antwortete: „Ich habe bei meinem letzten Auftrag komplett versagt.“
„Versagt? Das kann ich mir nicht vorstellen. Allein, was du hier bewirkst, ohne deine Magie einzusetzen, finde ich beeindruckend“, weiter kam diese verflixte Schildkröte nicht, denn ich fiel ihr ins Wort: „Was bewirke ich denn hier, bitte schön?“
Ich wurde immer ärgerlicher. Ich wollte nicht zurück. Ich wollte dieses Gespräch nicht führen und doch ...
„Du erzählst mir jeden Abend, wie du den Tag verbracht hast“, unterbrach Quincy meine Gedanken. „Von Oscar, der nicht mehr überall gegenrennt, von der kleinen Amélie, die endlich ihre Ruhe hat vor diesem Jungen, der sie ständig terrorisiert hat.“
„Damit hatte ich nichts zu tun!“
„Ah, so. Er hat also ganz zufällig beschlossen, Amélie in Ruhe zu lassen? Hat nichts damit zu tun, dass ihn ein zierlicher, schwarzer Kater, immer dann, wenn er wieder auf Amélie losgehen wollte, anfauchte und ihm schließlich eines schönen Tages so ungünstig vor die Füße lief, dass er stolperte, der Länge nach in den Dreck fiel und zum Gespött seiner Mitschüler*innen wurde?“
Mau.
„Und was ist mit der alten Madeleine, die seit einiger Zeit wesentlich freundlicher zu anderen Menschen ist (naja, das war relativ) und mit sich endlich im Reinen ist und ihren nahenden Tod akzeptiert hat? Zufall?“
Ich hörte nur das Wort Tod und zuckte innerlich zusammen. „Ja, toll. Sterben wird sie aber trotzdem. Und ich hab mit all dem nichts zu tun. Punkt. Aus. Ende.“
„Du hast eine Menge Leute in diesem Ort glücklicher gemacht, einfach durch deine Anwesenheit. Du machst den beiden Kids Mut, indem du ihnen ein Freund bist, einer, der sie uneingeschränkt mag, kleiner Café au lait“, Quincy schmunzelte, als sie mich nun wieder mit diesem Namen anredete, bevor sie sehr ernst wurde: „Magie ist ein Werkzeug, kein Zaubermittel, so paradox das klingen mag. Es liegt in dir, bei dir, was du daraus machst. Du hast hier getan, was du immer getan hast, was deine Berufung ist: Menschen zu helfen, zu unterstützen und glücklicher zu machen.“
(Anna brüllte beim Lesen an dieser Stelle „Kitschalarm“, aber Quincy hat das nun mal genau so gesagt; kann ich ja nix für.)
„Na, dann ist es doch gut, wenn ich bleibe, wenn ich hier so viel bewirke“, Sarkasmus pur triefte aus jedem meiner Worte.
„Das ist eine Betrachtungsweise, ja“, sagte Quincy ruhig. Sie ließ sich wirklich nicht leicht provozieren.
„Auf der anderen Seite kannst du mit deinen Werkzeugen noch viel mehr bewirken. Und“, Quincy legte eine geradezu dramatische Pause ein, „du wirst im Zauberwald vermisst. Es gibt dort Tiere, denen bricht es das Herz, dich womöglich nie wiederzusehen.“
„Mascha und Snowflake“, plötzlich hatte ich einen Kloß im Hals.
Meine besten Freund*innen. Mit einem Mal blitzte die Szene vor mir auf, wie vor so vielen Jahren Mascha erst den damals noch so winzigen Snowflake und dann mich trockengelegt hatte, nachdem sie uns beide aus einem Fluss gerettet hatte (=> Bewährungsprobe). Sah uns auf den unzähligen Weihnachtspartys herumalbern. Sah den Zauberwald und den bunten Sternenhimmel vor meinem inneren Auge und verspürte einen Anflug von Heimweh. Doch eilig drängte ich dieses Gefühl beiseite. Ich wollte nicht zurück. Basta.
Ich starrte Quincy also trotzig an: „Ich hab auch hier Freund*innen.“
Quincy ignorierte meine Worte und lächelte mich weise an. Orrr, wie ich das hasste. Dann sagte sie ungewöhnlich streng: „Erzähl mir, was bei deinem letzten Auftrag in Bordeaux passiert ist, Merlin.“
Keine Frage. Keine Bitte. Eine Aufforderung.
Einen Moment lang zögerte ich, zu sehr hatte ich Angst davor, mich noch mal an diese Zeit zu erinnern, all diese Wochen und vor allem das Ende noch einmal zu erleben. Doch dann holte ich tief Luft und begann zu erzählen. Vielleicht würde Quincy meinen Entschluss endlich verstehen, wenn sie die ganze Geschichte kannte.
Tja, meine Zauberhaften, ihr ahnt es, nicht wahr? Es gibt wieder einen Cliffhanger. Von den Geschehnissen in Bordeaux und wie es mit meinem Leben am Atlantik weiterging, erzähle ich euch im nächsten Teil der Geschichte, miau. Für heute war es das. Wir lesen uns. Bis bald.
Wie immer könnt ihr, wenn euch die Geschichte gefallen hat, hier auf dem Blog oder auf meinen Social Media Accounts einen Kommentar hinterlassen. Würde mich sehr freuen.
Es grüßt euch herzlich euer Merlin


Hartmut (Freitag, 16 Januar 2026 20:22)
Lieber Merlin, ich brauchte länger, um diese Geschichte zu lesen, nicht, weil sie schwer zu verstehen war, sondern weil sie schwer auszuhalten war. Die Gefühle, die du übermittelt hast, waren vom Anfang bis zum Ende spürbar, und sie waren stellenweise verdammt traurig.
Und doch war die Geschichte wunderschön: der Kaffee, die kleinen Alltagsmomente, wie du es immer wieder geschafft hast, an deine Leckerlis zu kommen. Wie beeindruckend es war, dass du so vielen im Dorf geholfen hast, besonders den Kindern.
Trotz all dieser warmen, schönen Bilder schwang durchgehend eine leise Traurigkeit mit. Eine, die einen als Leser, wenn man sich wirklich auf die Geschichte einlässt, unweigerlich ein bisschen Pipi in die Augen treibt.
Ja, du hast recht: Ich erwarte inzwischen wirklich zu erfahren, warum alles so gekommen ist und weshalb du es so schwer hattest auch wenn du zumindest in diesen Monaten eigentlich glücklich warst.
Mein Dank gilt auch Quincy, der Schildkröte, die am Ende für dich da war.
Danke dir für diesen besonderen Einstieg. Auch wenn es ein Cliffhanger ist. Ich kann gut warten.
@energiepirat (Samstag, 10 Januar 2026 17:36)
Lieber Merlin,
Herzlichen Dank für diese wunderbare Geschichte. Ich finde mich an so vielen Stellen wieder, dass ich gar nicht alle nennen kann, Ich habe diese Geschichte vor eine Woche gelesen, bin aber bisher nicht zum Antworten gekommen. Ich bin zur Zeit im Krankenhaus, habe aber Samstag auf Sonntag "Freigang". Dort, wo ich unter der Woche bin geht nicht viel mit Laptopm PC, Tablet oder so und so bin ich eben erst heute zum Antworten gekommen. Diese Sache wird noch einige Zeit benötigen,
Tolle Geschichte, leben wie der "Gott Kater "in Frankreich, sozusagen. Aber gut, dass Du von den Deinen nicht vergessen sondern zuzückgeholt wurdest. Sonst hätten wir das ja nie alles lesen können und nur in Folge eines eher unwahrscheinlchen Zufalls hätten wir uns dort am Atlantik vielleicht mal getroffen. Ohne etwas voneinader zu wissen,
Ich freue michauf die Fortsetzung,
Bis bald Merlin
ALina ✨ (Dienstag, 30 Dezember 2025 14:42)
Der Urlaub liest sich sehr schön, hat etwas gemütliches, beruhigendes, was sehr viel Freude bereitet �Ich wäre auch gern an diesem Ort.
Bin aber auch sehr gespannt, wie die Geschichte weiter geht und was vorher passiert ist. �
Jule (Montag, 29 Dezember 2025 16:46)
Oh, wie schön. Ich will auch nach Frankreich, um ein paar Monate dort zu verbringen. Und natürlich bin ich auch sehr gespannt, wie die Geschichte weitergeht,
Merlin, du solltest dir öfters die Malstifte von Anna ausleihen!!! Und natürlich auf jeden Fall weitermachen!!!
firefly (Sonntag, 28 Dezember 2025 16:01)
ein paar monate in frankreich am strand - was für eine schöne flucht vor vermutlich schlimmen dingen. bin schon sehr gespannt, was passiert ist.