Magie ist kein Zaubermittel 2

CN Tod, Kind, dysfunktionale Familie, psychische Gewalt, Glaubenssätze (für die gesamte Geschichte)

 

 

 

Miau und hallo, meine zauberhaften Leser*innen,

willkommen zum zweiten Teil der Geschichte über meine Zeit in Frankreich (=> Magie ist kein Zaubermittel 1).

 

Ihr seid bestimmt schon neugierig, wie es weitergeht, nachdem mich Quincy, die magische Schildkröte, am Strand aufgefordert hatte, ihr zu erzählen, was ich Ende der achtziger Jahre in Bordeaux bei meinem Auftrag erlebt hatte und was mich in eine solch große Krise stürzte, dass ich die Magie aufgegeben hatte, oder? Gut, dann lasst mich euch erzählen, was ich auch ihr schweren Herzens Stück für Stück anvertraute:

 

 

 

KI Bild. Eine schwarze Katze sitzt auf einem Weg durch einen Garten, der zu einer großen, dreistöckigen Villa führt.

Der Rat der Gemeinschaft der Magischen Tiere hatte mich einige Monate zuvor zu einem zehnjährigen Mädchen namens Julie geschickt. Ich liebe es, Kinder zu unterstützen, miau. Doch dieses Mal war der Auftrag ein ganz besonderer und hatte einen traurigen Anlass:  Julie hatte nur noch wenige Wochen zu leben. Weshalb, ist für die Geschichte nicht relevant; wichtig ist nur, dass ich dieses zauberhafte kleine Mädchen sehr schnell sehr liebgewonnen hatte.

 

Also, es war ein recht sonniger, aber kühler Freitagnachmittag Anfang März, als ich aus dem Zauberwald kommend im Garten der Villa ihrer Eltern am Stadtrand von Bordeaux landete.

 

Natürlich hatte ich das anvisierte Gartentor verfehlt und mich stattdessen per Dimensionenspringen in einen üppigen Lavendelbusch katapultiert. Ich war noch dabei, mich aus diesem zu befreien, als Julie, die auf der Terrasse auf einer Gartenliege, dick eingepackt in warme Decken, lag, mich entdeckte. Hektisch warf sie einen Blick hinter sich, wo sich die geöffnete Terrassentür befand, und rief mich dann mit leiser Stimme und liebevollen Schnalzlauten zu sich.

 

Ihre müden Augen begannen zu strahlen, als ich daraufhin natürlich schnurstracks auf sie zulief und mit einem uneleganten Hüpfer zu ihr auf die Liege sprang. Eine Weile kraulte sie mich ausgiebig, nicht ohne immer wieder besorgt nach hinten zu schauen. Nach einer Weile sah sie mich intensiv an und flüsterte: „Du bist kein normaler Kater, oder? Du bist mir geschickt worden. Damit ich nicht so große Angst habe, wenn der Tag da ist, an dem ich diese Welt verlassen muss. Du bist ein Zaubertier, nicht wahr?“

 

Ich wäre fast von der Liege gefallen, so perplex war ich. In der Regel muss ich den Menschen, die ich unterstützen soll, immer mehr sehr behutsam erklären, wer und was ich bin. Bei Kindern ist es in der Regel einfacher, sich bei als magisches Tier zu outen, als bei Erwachsenen, ja. Aber dass mir eins auf den Kopf zusagt, dass ich kein Hauskater bin, ist mir nur dieses eine Mal passiert. Ich hatte meine Verwunderung recht laut kundgetan, was Julie zu einem „Psst, wir müssen ganz leise sein“ veranlasste. Dann fügte sie fast drängend hinzu: „Ich habe letzte Nacht von dir geträumt. Ich habe Recht, du bist magisch, oder?“

 

Für einen Moment starrte ich sie mit großen Augen an. Mehr als ein „Ja“ kam mir zunächst nicht über die Lippen. Schließlich gelang es mir, meine Überraschung abzuschütteln und mich ordnungsgemäß vorzustellen. Julie Augen strahlten, als sie hörte, dass sie richtig lag, und sie begann Fragen über Fragen zu stellen. Und so erzählte ich ihr erst einmal ausführlich vom Zauberwald.

 

Sie lauschte bereits eine halbe Stunde gebannt meinen Worten, als ein etwa 14-jähriger Junge die Terrasse betrat. Als er die Kleine und mich so aneinander gekuschelt sah, zischte er Julie zu: „Sieh bloß zu, dass dich Vater nicht mit dem Vieh da erwischt. Der macht Hackfleisch aus dem.“

 

Ohne jeden weiteren Kommentar verschwand er Richtung Gartentor.

 

„Das Ekelpaket ist mein Bruder“, erklärte mir Julie, was ich mir schon gedacht hatte. „Und er hat Recht. Vater kommt demnächst heim. Weder er noch Maman sollten dich hier sehen. Er kann Katzen auf den Tod nicht ausstehen und Maman – naja. Ihr solltest du besser auch nicht begegnen. Sie findet alle Tiere unhygienisch, seit ich krank bin.“

 

Sie warf einen Blick auf den kleinen Wecker, der auf einem Tischchen neben ihr stand. „Maman wird mich sowieso gleich ins Bett bringen. Komm einfach in zwei Stunden wieder. Mein Zimmer ist im ersten Stock. Ich lasse das Fenster einen Spalt auf. Dann kannst du da reinklettern. Aber jetzt versteck dich lieber.“

 

Sie stupste mich liebevoll an. Ich zögerte noch kurz, doch als aus dem Inneren des Hauses eine Männerstimme rief „Ich bin zu Hause“, flüsterte sie mir ein eindringliches „Schnell“ zu.

 

Ich gehorchte und flitzte zu dem großen Lavendelbusch, in dem ich zuvor unfreiwillig gelandet war. Kaum hatte ich mich in ihm versteckt, betrat ein hagerer, hochgewachsener Mann die Terrasse. Seine Gesichtszüge waren hart und kalt und veränderten sich auch nicht, als er Julie begrüßte. Begrüßte? Eindeutig das falsche Wort. Er nickte ihr kurz zu, wie eins es mit Nachbar*innen macht, die eins nicht besonders mag, und verschwand wieder im Haus.

 

Unangenehmer Mensch. Vielleicht war das mit dem Hackfleisch doch wörtlich zu nehmen, miau. Aber wie zum Grünen Troll sollte ich Julie dann helfen? Mein Auftrag war in diesem Fall vom Rat der Magischen Tiere ungewöhnlich konkret formuliert worden:

Ich sollte Julie dabei helfen, dass ihr ihre Eltern ihren letzten Wunsch erfüllten. Als ich vom Zauberwald aufbrach, war ich der Meinung gewesen, dass es so schwer nicht sein könnte, ihre Familie zu überzeugen, dass Julie ihre letzten Stunden am Atlantik verbringen durfte und nicht, wie vom Vater beschlossen, in einem Krankenhaus.

 

Jetzt, in diesem Lavendelstrauch hockend, war ich nicht mehr so optimistisch. Wie sollte ich vernünftig mit jemensch reden, der mutmaßlich Hackfleisch aus mir machen wollte? Ich atmete tief durch. Irgendwie würde ich das schon hinbekommen. Zunächst sollte ich mir jedoch überlegen, wie ich später unbemerkt in Julies Zimmer gelangen konnte. Ich suchte mit den Augen die Fenster ab. An einem blieb mein Blick hängen; es war halb verdeckt von einem großen Ast eines Baumes, der dicht an der Hauswand stand. An der Scheibe klebten bunte Fische und andere Meerestiere aus Papier. Das war mit Sicherheit Julies Zimmer. Ich musste es also ‚nur‘ schaffen, diesen Baum hinaufzuklettern. Und mit ein wenig Stolz kann ich verkünden, dass mir das nicht nur an jenem Abend, sondern tatsächlich in der ganzen Zeit bei Julie unfallfrei gelang, anders als gut zehn Jahre später in Brandenburg (=> 2. Wie alles ...), als mir eine solche Kletteraktion zum Verhängnis wurde.

Allerdings war das auch das Einzige, was glatt lief, miau.

 

Bereits am zweiten Abend erwischte mich Julies Mutter, als ich, auf ihrem Kopfkissen hockend, mit Julie über ihre Ängste vor dem Sterben sprach. ‚Maman‘ verlor völlig die Fassung, anders kann ich es nicht sagen. Sie fing sofort an zu schreien, so schrill, dass das meiste eher unverständlich war. „Unhygienisches Vieh“, „Ungezieferschleuder“ und „Verschwinde!“ waren allerdings nicht nur klar und deutlich zu verstehen, sondern auch ausgesprochen aussagekräftig. Warum zum Grünen Troll schickte der Rat der Magischen Tiere eine Katze in einen Haushalt, in dem diese so gar nicht erwünscht waren? Da Julies Mutter inzwischen dazu übergegangen war, mit einem Handtuch in meine Richtung zu schlagen, hielt ich mich nicht länger mit dieser Frage auf, sondern floh mit einem mehr als gewagten Sprung aufs Fensterbrett, rutschte zunächst ab, schaffte es knapp, mich abzufangen, und quetschte mich durch den Spalt. Zum Glück stand der Baum vor Julies Fenster sehr dicht am Haus. Kaum war ich draußen, knallte das Fenster hinter mir zu und Julies Mutter zog energisch die Vorhänge zu.

 

Tja, nun, dass ich von da an abends das Fenster mit Magie öffnen musste, war noch das kleinste Problem. Viel schwerwiegender wog es, dass in den nächsten Wochen wirklich jeder Versuch, Kontakt zu Julies Mutter zu bekommen, scheiterte. Sie reagierte völlig panisch, wenn sie nur ein winziges Stück von mir zu Gesicht bekam. Mich ihr auch nur auf wenige Meter zu nähern, war überhaupt nicht möglich, ohne dass sie mich schrill schreiend aus dem Haus jagte. Ihr gegenüber Menschensprache zu benutzen, wagte ich erst gar nicht. Ihr Nervenkostüm war so dünn, dass sie vermutlich zusammengebrochen wäre, hätte eine „Flohschleuder“ mit ihr gesprochen. Das wollte ich nicht riskieren. Julies Krankheit, die eindeutig sehr unglückliche Ehe – all das war sowieso schon viel zu viel für die zierliche Frau. Um Julie kümmerte sie sich liebevoll, doch ihrem Mann ordnete sie sich bedingungslos unter. Mau.

 

Julies Vater war kalt, unfreundlich, unerbittlich – und das schon immer, nicht erst seit Julies Krankheit, wie mir die Kleine erzählte. Zweimal versuchte ich, mich ihm zu nähern, war er doch derjenige, der in dieser Familie die Entscheidungen traf. Zweimal wurde ich auf sehr gewaltvolle Art und Weise aus dem Haus katapultiert, miau. Wie, erspare ich euch mal.

 

Seiner Familie gegenüber wurde er körperlich nicht gewalttätig, doch psychische Gewalt ist genauso unfassbar zerstörerisch wie physische oder sexualisierte, auch wenn sie keine unmittelbaren körperlichen Folgen nach sich zieht. Diejenigen unter euch, die sie wie Anna & Co oder auch meine Wenigkeit erlebt haben, wissen das.

 

Menschen, die psychische Gewalt ausüben, durch Herabsetzungen, Beleidigungen, Demütigungen, Erniedrigungen, Drohungen, Auslachen, Schlecht-Machen oder auch einfaches Ignorieren, wollen ihre Opfer klein halten. Es ist wie jede Form der Gewalt ein Angriff auf das Innerstes eines Menschen, ein Angriff auf die Selbstsicherheit und das Selbstbewusstsein und führt genauso zu Traumafolgen wie körperliche und sexualisierte Gewalt und ist immer ein Teil dieser. Und wie immer geht es den Täter*innen um Macht und Dominanz.

 

Allein durch seine gefühlskalte Art verbreitete Julies Vater eine Atmosphäre von Angst und Schrecken; ein Blick aus seinen eisig blauen Augen, wenn eins nicht seiner Meinung war, erstickte alle Widerworte im Keim; seine verletzenden Worte trafen bis ins Mark und trieften nur so vor vernichtender Verachtung. Einzig Julie wurde von ihm geschont. Doch von einem liebevollen, warmen Umgang mit einem kleinen Mädchen war das trotzdem meilenweit entfernt. Und so schrieb ich damals tatsächlich einen Brief an jene Behörde, die dem deutschen Jugendamt entspricht. Das war das Minimum, was ich hatte tun können, wenn ich auch davon ausging, dass da nicht viel passieren würde. Der Vater hatte einen guten Job im Rathaus, die Familie lebte in einer Villa, die Kids bekamen genug zu essen, waren gut in der Schule und wurden nicht geschlagen. Von außen sah alles palletti aus, miau, und mein Brief wanderte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit direkt in den Papierkorb. Es waren die 1980er Jahre und der Kinderschutz grottenschlecht aufgestellt. Und auch heute wäre es vermutlich nicht anders, obwohl sich zumindest ein wenig seitdem getan hat. Doch Gewalt, insbesondere psychische, wird nach wie vor nicht nur unterschätzt, sondern gern auch komplett ausgeblendet, solange die Fassade stimmt.

 

Julies Bruder, der mich ein paar Mal in ihr Zimmer hatte klettern sehen, wenn er mal wieder zu spät nach Hause kam, war somit auch kein geeigneter Verbündeter. Er deckte Julie und mich, ja, aber ihn um Hilfe zu bitten, kam für mich nicht infrage. Er hatte genug damit zu tun, sich selbst, so gut es ging, vor diesem eiskalten Mistkerl zu schützen. Es war an mir, eine Lösung zu finden. Schließlich war ich der magische Kater, miau. Doch ich fand keinen Ansatzpunkt. Und so wurde ich immer verzweifelter; Julie ging es von Tag zu Tag schlechter und ich war meinem Ziel nicht ein Stück nähergekommen. Ich verbrachte so viel Zeit wie möglich unter den gegebenen Umständen mit ihr, erzählte ihr Geschichten von der Magischen Welt, beruhigte sie mit magischem Glitzer, schnurrte sie in den Schlaf und überwand mich schließlich sogar, ihr kleine Zaubertricks vorzuführen, um sie abzulenken. Das lehne ich ja sonst eigentlich ab. Aber sie hatte wirklich Spaß daran, wenn ich bunte Sterne an die Zimmerdecke zauberte oder ähnliches. Und natürlich versuchte ich, so gut es ging, ihr ihre Ängste vor dem Krankenhaus und ihrem nahenden Tod zu nehmen. Als sie sich immer elender fühlte, schlug ich mein Lager in dem kleinen Schrank mit ihren Spielsachen auf, um auch tagsüber schnell zu ihr aufs Bett hüpfen zu können, sobald die Mutter das Zimmer verließ.

 

Schließlich ermutigte ich Julie, noch einmal ihre Mutter zu bitten, sich beim Vater für ihren Wunsch einzusetzen. Das Ergebnis war jener Sonntagsausflug ans Meer, von dem ich eingangs berichtete. Mehr nicht. So ohnmächtig wie in dieser Zeit hatte ich mich seit meiner Kindheit nicht mehr gefühlt.

 

Tja, miau, und dann kam jener Sonntagmittag, an dem klar war, dass aus wenigen Wochen nur noch wenige Stunden geworden waren, – und Julies Vater den Krankenwagen rief, um seine Tochter ins Krankenhaus bringen zu lassen, während ich hilflos im Schrank festsaß und nichts, aber auch wirklich gar nichts tun konnte. Kurz erwog ich, ihm fauchend ins Gesicht zu springen und es ihm zu zerkratzen, unterließ es aber. Davon abgesehen, dass ich ihn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verfehlt hätte, hätte es sowieso nichts geändert. Eine legale Anwendung von Magie, mit der ich hätte verhindern können, dass Julie in das Krankenhaus gebracht werden würde, gab es nicht. Verdammter Feenstaub. Wozu war dieser ganze magische Kram eigentlich gut?

 

Ich wartete im Schrank, bis ich den Krankenwagen abfahren hörte, dann flitzte ich die Treppen hinunter, öffnete die Haustür mit Magie und rannte los. Richtung Krankenhaus, festentschlossen, Julie wenigstens noch einmal kurz zu sehen und mich zu verabschieden. Es war an jenem Tag alles so schnell gegangen, dass ich dazu keine Gelegenheit mehr gehabt hatte.

 

Bordeaux ist nicht riesig, aber groß genug, um mich natürlich erst mal zu verlaufen. Als ich das Krankenhaus erreichte, war der Abend angebrochen und es hatte zu regnen begonnen. Hilflos betrachtete ich das Gebäude. Wie sollte ich Julie in diesem riesigen Klotz finden, ohne dabei entdeckt zu werden? Vorsichtig schlich ich zum Eingang. Gut, der Pförtner blickte gebannt auf einen Mini-Fernseher. Irgendein Fußballspiel. Schnell huschte ich hinein und versteckte mich erst mal. Es war wenig los, wie ich feststellte, als ich in einer Nische hockend die Lage sondierte. Die offizielle Besuchszeit war offenbar lange vorbei und es war kaum medizinisches Personal auf den Gängen unterwegs. Also verschmolz ich so gut es ging mit der Umgebung, schaltete mein magisches Gehör (=> Geschichten 2 und 3) ein und bewegte mich Richtung Intensivstation. Dort vermutete ich Julie. Praktischerweise war der Weg dorthin gut ausgeschildert. Nur zwei- oder dreimal musste ich mich schnell verstecken und schon bald hörte ich, durch die Gänge schleichend, die Mutter, die leise weinend mit Julie sprach. Ich folgte der Stimme und erreichte schließlich den Eingang zur Intensivstation. Die schwere Tür ließ sich mit ein wenig Magie so weit öffnen, dass ich hindurch schlüpfen konnte. Vorsichtig tapste ich um die nächste Ecke, vorbei am Dienstzimmer des Pflegepersonals – und erblickte Julies Bruder, auf einer Bank vor einem der Zimmer sitzend. Er sah mich direkt an, als ich den Gang betrat.

 

Verflixter Feenstaub. Als er nichts weiter tat, als mich zu anzustarren, lief ich vorsichtig auf ihn zu. Er sah müde und blass aus und unendlich traurig. Zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, streichelte er kurz über mein Fell, als ich neben ihn sprang.

 

„Du willst du noch mal zu ihr, oder?“

 

Bevor ich antworten konnte, fuhr er fort: „Versteck dich dahinter.“ Er zeigte auf einen Wagen mit Putzmitteln, der am Ende des Ganges stand. Ich tat, was er sagte. Als ich nicht mehr zu sehen war, öffnete er die Tür zu Julies Zimmer.

 

„Eine*r der Pfleger*innen hat gesagt, dass der Arzt euch noch mal sprechen will. In seinem Dienstzimmer. Ihr wisst ja, wo das ist, zwei Stockwerke tiefer. Er hat zwar noch ein Telefonat zu führen, aber ihr sollt schon mal runtergehen und vor seiner Tür warten. Er holt euch dann rein. Ich kann so lange bei Julie bleiben.“

 

Ich hörte aufgeregtes Gemurmel, dann verließen beide Elternteile das Zimmer. Sobald sie außer Sichtweise waren, flüsterte Julies Bruder, noch in der geöffneten Tür stehend: „Schnell, ich schätze, du hast nicht mehr als zehn Minuten, bis der Schwindel auffliegt. Ich steh Schmiere.“

 

Ich schob die Frage, wann er begriffen hatte, dass ich die menschliche Sprache beherrsche, beiseite, murmelte ihm ein „Danke“ zu und betrat vorsichtig das Krankenzimmer.

 

Julie lag in einem viel zu großen Bett, angeschlossen an einen Monitor, mit mehreren Schläuchen in den Armen. Es brach mir fast das Herz. Genau davor hatte sie solche Angst gehabt. So behutsam wie möglich kletterte ich auf das Bett. Ihre Augen öffneten sich einen Spalt, als ich mit meiner Nase sanft gegen die ihre stupste.

 

„Merlin“, ihre Stimme war schwach, „ich wusste, dass du mich nicht allein lässt.“ Ich kuschelte mich schnurrend in ihre Halsbeuge, wie so oft in den letzten Monaten, was nicht ganz so einfach war, wollte ich doch nicht versehentlich an einem der Schläuche hängenbleiben. Ihr kleiner Körper entspannte sich etwas, während sich in mir etwas verkrampfte. Ich würde sie gleich wieder allein lassen müssen. Hier in diesem schrecklichen Zimmer. Der Kloß in meinem Hals war riesig.

 

„Erzählst du mir noch eine letzte Geschichte?“, fragte Julie so leise, so kraftlos, dass sie kaum zu verstehen war.

 

„Natürlich“, schnurrte ich und war doch ratlos.

 

Was sollte ich ihr erzählen? Während mein Kopf noch nach einer passenden Geschichte suchte, begann ich bereits zu sprechen. Was ich vorhatte, begriff ich erst, als die ersten Sätze meine Schnauze verlassen hatten.

 

Ich hörte mich Julie bitten, sich vorzustellen, wie sie am Atlantik spazieren ging, leicht und unbeschwert in ihrem Lieblingssommerkleidchen, und schilderte ihr die Szene so intensiv und eindrücklich, so plastisch wie möglich – den salzigen Geruch des Meeres, die strahlende Sonne am azurblauen Himmel, das dunkle Blau des Wassers, das Rauschen der Wellen, den weichen Sand unter ihren Füßen, die warme Luft, den leichten Wind, der durch ihre Haare fuhr – und hüllte sie dabei in eine Wolke entspannender Magie. Kurz: Ich schickte sie auf eine magische Fantasiereise (=>Vorspann, Zuhause, Auf Pizza und Die Reise zu den Drachen) an den Ozean, den sie so sehr liebte und den sie nie wieder sehen würde.

 

Ich war völlig versunken, spürte selbst, den Strand unter meinen Pfoten, als mich die Stimme des Bruders in dieses grauenvolle Krankenhauszimmer zurückholte: „Schnell, ich höre meine Eltern kommen. Vater ist richtig aufgebracht, weil der Arzt nicht aufgetaucht ist. Sie biegen gleich um die Ecke.“

 

Verflixt. Ich sah zu Julie. Sie war eingeschlafen. Ihr Atem ging ruhiger als noch Minuten zuvor, aus ihrem Gesicht war die Angst gewichen. Ich schickte ihr noch eine weitere Prise Magie und sprang vom Bett. Ich wollte nicht, dass die Eltern mich hier erwischten, wollte nicht, dass sie hier eine Szene machten, die Julie nicht nur wieder wecken, sondern sie auch aufregen und ängstigen würde, und rannte aus dem Zimmer und die Gänge entlang bis hinunter auf den Parkplatz. Dort angekommen, brach ich weinend zusammen, vor Trauer und weil ich dieses kleine Mädchen, das mir in den letzten Wochen, so sehr ans Herz gewachsen war, hatte allein lassen müssen. Und aus heiterem Himmel hörte ich Angelos Stimme in meinem Kopf donnern; völlig unvorbereitet und mit voller Wucht traf mich das schallende, höhnische Gelächter meines Vaters, seine Worte, triefend vor Verachtung:

 

„Du Versager!“ 

 

 

 

Freies Foto von Pixabay. Sonnenuntergang über dem dunkel daliegenden Atlantik; leicht mit Wolken verhangener Himmel in orangerot, dunkelviolett, blau.

Ja, miau, heute, fast vierzig Jahre später, während ich diese Zeilen schreibe, weiß ich endlich, dass es alte Glaubenssätze gewesen waren, die mich in diese Krise geführt hatten und mich veranlassten, nach jener Nacht auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus in Bordeaux die Magie an den Nagel hängen zu wollen.

 

Diese Sätze, die uns mit Worten und Taten eingebläut worden sind, als wir zu klein und zu abhängig waren, um uns dagegen zu wehren, von unseren ersten und engsten Bezugspersonen, die uns quälten, statt uns zu schützen, schlagen gern mal zu, wenn eins am wenigstens damit rechnet. Weder damals auf dem Parkplatz in Bordeaux noch Monate später am Strand mit Quincy begriff ich das.

 

Doch erst mal weiter mit der Geschichte. Nachdem ich zu Ende erzählt hatte, die Sonne war bereits dabei unterzugehen, sah ich Quincy hilfesuchend an: „Verstehst du es jetzt?“

 

„Hmm“, Quincy betrachtete mich aufmerksam, „Du findest also wirklich, du hättest bei Julie versagt? Interessant.“

 

INTERESSANT?

 

Manchmal ging mir diese Schildkröte echt auf die Nerven damit, was sie so alles interessant fand. Außerdem war das keine Antwort auf meine Frage.

 

Bevor ich auch nur irgendwie reagieren konnte, sagte Quincy leichthin „Wir sehen uns morgen Abend. Aber bedenke, dass dir nicht mehr viel Zeit bleibt“, als wäre das Treffen am Strand eine Therapiestunde und die Zeit um.

 

Ich kam noch nicht einmal dazu auch nur „Miau“ zu sagen, da watschelte sie los und war im Atlantik verschwunden. Mit offenem Mund starrte ich ihr hinterher. Was zum grünen Troll? Diese verflixte Schildkröte ließ mich ernsthaft am Strand stehen, nachdem ich ihr das alles anvertraut hatte? Und alles, was sie zu sagen hatte, war: „Interessant“?

 

Ja, magische Schildkröten geben vor allem Gedankenanstöße, das ist einer ihrer Jobs, aber das fand ich nun doch zu wenig.

 

Interessant. Pfff.  

 

Ich tapste verärgert, allerdings auch nachdenklich nach Hause und rollte mich auf dem alten Sofa zusammen. Doch ich war unruhig und fand nicht in den Schlaf. Diese dauernde Übelkeit tat ihren Teil dazu bei. So stand ich wieder auf und dackelte ins Dorf, zu Oscar. Ich wollte heute Nacht nicht allein schlafen. Die letzten Monate hatte ich hin und wieder bei ihm genächtigt; der Kleine schlief tief und fest, sodass ich ihn nicht wecken würde, wenn ich mich zu ihm kuschelte.

 

So rollte ich mich an seinem Fußende zusammen, doch an Schlaf war immer noch nicht zu denken. Nachdenklich betrachtete ich den kleinen Jungen. Ja, er war selbstbewusster geworden in den letzten Monaten, träumte sich nicht mehr ständig weg und war daher nicht mehr andauernd verletzt, weil er alle Nase lang hinfiel. Hatte ich damit tatsächlich etwas zu tun? Und – ein weiterer Gedanke schlich sich in meinen Kopf – hatte ich bei Julie wirklich versagt? Quincy sah das offenbar nicht so.

 

Hatte ich wirklich alles getan, alles versucht, was unter diesen Umständen möglich gewesen war?

Der einzige Weg, Julie und ihrem Bruder wirklich zu helfen, wäre es gewesen, irgendwie zu ihrer Mutter durchzudringen, sie so aufzubauen, dass sie ihren Mann verließ und sich und die beiden Kinder in Sicherheit brachte. Das hätte Monate gebraucht. Und die Zeit hatte ich einfach nicht gehabt.

 

Ist es tatsächlich Versagen, wenn kater alles Erdenkliche tut, was unter den gegebenen Bedingungen möglich ist? Mit dieser Frage im Kopf schlief ich irgendwann endlich ein.

 

 

 

 

KI Bild. Eine schwarze Katze mit gelben Augen liegt am Strand, die Vorderpfoten ausgestreckt, den Kopf angehoben. Sie trägt eine rosafarbene Baskenmütze auf dem Kopf. Auf dem Sand liegen etliche Steine, im Hintergrund Wellen und leicht wolkiger Himmel.

Den nächsten Tag verbrachte ich wie gewohnt im Dorf, doch ich war nicht richtig bei der Sache.

Bleiben oder gehen? Das war hier die Frage. Quincy hatte Recht, mir blieb nicht mehr viel Zeit. Wollte ich noch per Dimensionenspringen zurück in den Zauberwald, müsste ich es bald tun, und so rotierten meine Gedanken während meiner Vormittagsroutine im Dorf.

 

Hätte ich meine Magie benutzt, hätte ich nicht riskieren müssen, dass sich der Junge, der Amélie schikanierte, verletzte, als ich ihn zum Stolpern gebracht hatte. Die Aktion war zwar effektiv gewesen, aber nicht ganz so mein Stil. Ich hätte mit ihr und ihren Eltern reden können. Oder dem Mobber eine verbale Ansage machen können. Oder ihn bunt zaubern können, wie Charly Hakoon und seine Bande (=> Schneesturm). Ich hätte Josephine, der netten Angestellten aus dem Restaurant, sagen können, dass ihr Freund schon seit Wochen etwas mit einer anderen hatte, statt sie nur nonverbal trösten zu können, als sie mir erzählte, welche Sorgen sie sich um ihn mache, da er sich schon seit Tagen nicht mehr hatte blicken lassen. Nur in Katzensprache zu reden hatte einiges komplizierter gemacht, als es hätte sein müssen.

 

Quincy hatte recht, ich hatte hier Gutes bewirkt. So wie ich es immer getan habe, seit ich kurz nach Abschluss meiner Ausbildung zum ersten Mal die menschliche Welt betreten habe.

 

Dass Magie nur ein Werkzeug ist, was es magischen Wesen etwas leichter macht, ihre Ziele zu erreichen, ihre Aufgaben zu erfüllen, hatte ich noch nie so gesehen. Und dass es Grenzen hat, was mit ihr zu erreichen ist, hatte ich mir schon mal gar nicht eingestanden.

 

Für einen Moment tauchte noch einmal Julies Gesicht vor mir auf – wie es sich entspannte, als ich sie auf die magische Fantasiereise schickte, das Einzige, was mir noch in den Sinn gekommen war, um ihr die letzten Stunden etwas leichter zu machen. Ohne Magie hätte ich ihr diese Reise niemals in dieser Intensität und Tiefe ermöglichen können.

 

Verflixt.

 

Ja, ich hatte wohl getan, was aufgrund der Umstände möglich gewesen war. Vielleicht hatte ich doch nicht so dolle versagt, wie ich dachte.

 

Bevor ich gegen Abend zu meiner Verabredung mit Quincy aufbrach, sah ich, einer Eingebung folgend, ein zweites Mal an diesem Tag nach Madeleine. Ich war in Sorge, spürte ich doch genau wie sie, dass ihr Tod nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Sie war damit in der Tat seit einiger Zeit recht entspannt, da hatte Quincy schon recht. Ich dagegen tat mich damit deutlich schwerer; ich war noch nicht wirklich bereit, schon wieder einen Menschen, den ich liebgewonnen hatte, gehen lassen zu müssen.

 

Als ich bei ihr ankam, lag sie noch immer auf ihrer Gartenliege, mittlerweile allerdings mit ihrem Bettzeug.

Sie hätte die Pflegerin angewiesen, ihr draußen ein Nachlager herzurichten, erzählte sie mir, als ich sie leise miauend begrüßte: „Heute Nacht ist es nämlich so weit. Ich werde diese Welt endlich verlassen und Isabelle wiedersehen.“

 

Isabelle war die Liebe ihres Lebens gewesen, die sehr jung bei einem Unfall umgekommen war, bevor Madeleine die Gelegenheit gehabt hatte, ihr genau das zu sagen. Seither war Madeleine jene grantige Person, die ich vor einigen Monaten kennengelernt hatte und die alle Menschen von sich stieß. Das alles hatte sie mir nach und nach erzählt, wenn ich mittags neben ihr auf der Gartenliege lag. Ich hatte zugehört, mehr nicht. Ich weiß nicht, ob ich es rührend oder witzig finde, dass ihr Menschen mit Haustieren redet, als würden sie euch verstehen. Wahrscheinlich ein bisschen von beidem.

 

Doch auch in diesem Fall hatte Quincy Recht; Madeleine war sanfter geworden in den letzten Wochen. Aber das hätte jedes Haustier bewirken können, oder? Oder ein*e gute*r Freund*in?

 

„Heute Nacht ist es soweit“, wiederholte Madeleine, während sie über mein Köpfchen strich, und riss mich aus meinen Gedanken.

 

Fast hätte ich geantwortet, dass ich sie nicht allein lassen würde, nur kurz zum Strand flitzen würde. Doch ich biss mir noch rechtzeitig auf die Zunge und schnurrte sie liebevoll an. Mich jetzt noch als magischer Kater zu outen, würde sie vermutlich zu sehr aufregen.

 

Und dann wurde mir schlagartig etwas klar, was nicht nur ich, sondern auch Quincy übersehen hatte; ihr dagegen habt es beim Lesen sicherlich längst bemerkt: Ja, ich hatte Magie nicht aktiv eingesetzt, ich hatte mich entschlossen, nur Katzensprache zu benutzen. Aber natürlich verstand ich Menschensprache weiterhin. Das wäre vorbei, würde ich zulassen, dass der letzte Rest Magie aus mir herauslief. Alles, was Menschen sagen würden, würde nur noch unverständliches Zeug für mich sein. Ich würde nicht mehr erfahren, wie es ihnen wirklich ging, was sie beschäftigte. Das wollte ich nicht. Auf gar keinen Fall. Ich schluckte und traf sie, jene Entscheidung, die in den letzten Tagen unausweichlich geworden war: Ich würde am nächsten Morgen in den Zauberwald zurückkehren. Quincy war damit erwartungsgemäß nicht einverstanden, als ich ihr das eine halbe Stunde später am Strand mitteilte. Sie wollte, dass wir gleich zurücksprangen, warnte mich, dass meine Magie vermutlich nicht mehr bis zum nächsten Morgen reichen würde. Doch ich machte ihr klar, dass ich kein zweites Mal einen Menschen in der Nacht seines Todes allein lassen würde. Ich würde an Madeleines Seite sein. Und ich würde mich am nächsten Tag noch in aller Ruhe von allen Dorfbewohner*innen verabschieden. Es war mir egal, dass ich damit riskierte, auf Jahre im Zauberwald festzusitzen. Und das sagte ich ihr sehr deutlich und nicht gerade freundlich, drehte auf der Pfote um und stapfte zu Madeleine zurück. Gut, dass magische Schildkröten nicht nachtragend sind.

 

Ich wachte die ganze Nacht bei der alten Dame. Recht schnell fiel sie in einen Dämmerschlaf, während ich leise in ihr Ohr schnurrte. Irgendwann in den frühen Morgenstunden blieb ihr Herz einfach stehen. Im Schlaf. Ich blieb noch bis kurz vor neun neben ihr sitzen, um meiner Trauer Raum zu geben und mich zu verabschieden. Erst dann rappelte ich mich auf, um mich auf den Weg zu Élise zu machen. Ich wollte noch einen  letzten Café au lait mit ihr trinken, bevor ich dieses zauberhafte Dörfchen verlassen würde.

 

Jedenfalls war das der Plan. Doch als ich von der Gartenliege sprang, drehte sich alles und mir war noch übler als die Tage zuvor. Der Boden wankte und klar sehen konnte ich auch nicht mehr. Wie ich trotzdem bei der Boulangerie ankam, ist mir heute ein Rätsel. So elend hatte ich mich bis dato noch nie gefühlt. Doch ich schaffte es und mein Schälchen Kaffee stand schon bereit, wie in all den letzten Monaten. Ich klammerte mich an den Gedanken, dass ein Schluck davon mir bestimmt helfen würde, mich etwas besser zu fühlen. Weit gefehlt. Das Zeug schmeckte so ekelhaft, dass ich es sofort wieder ausspucken musste. Was zur Großen Katze im Himmel hatte mir Élise denn da serviert? Ich schüttelte mich und schaute empört zu ihr hoch. Ihr Gesicht war voller Sorge. Und sie sagte etwas. Doch ich verstand kein Wort, die Geräusche, die ihren Mund verließen, waren einfach nur unverständliche Laute.

 

Verflixter Feenstaub, es ging los!

 

Das letzte bisschen Magie verließ in diesen Minuten meinen Körper. Deswegen hatte mir der Kaffee nicht mehr geschmeckt. Mir blieb kaum noch Zeit, bis ich ohnmächtig werden würde. Und wie zum Grünen Troll sollte ich, wenn ich wieder wach war, nach London kommen? Das einzige Magische Spielgerät, ein Trampolin, von dem ich zu dem Zeitpunkt wusste und das nun die einzige Möglichkeit war, nach Hause zu kommen, befand sich in einer Zaubereiche vor dem Buckingham Palace. Nicht gerade ein Katzensprung ohne Magie, miauuuu.

 

Jo, meine Gedanken überschlugen, sich, während ich eine handfeste Panikattacke bekam. Nicht schön. Doch mit einem Mal spürte Élises Hand auf meinem Fell; die Frau, die den besten Kaffee auf der Welt zaubern konnte, hatte begonnen, mich sanft und beruhigend zu streicheln. Das brachte mich so weit zurück, wie das in meiner Verfassung möglich war.

 

Ich mobilisierte alle Kräfte, die ich noch hatte, und rannte los, Richtung Strand, wobei das Wort Taumeln los wohl korrekter wäre. Élise rief mir etwas hinterher, doch wieder war es nur unverständliches Gebrabbel. Auf den Dünen angekommen, knickten mir die Pfoten weg, ich konnte nicht mehr und so ließ ich mich in den Sand fallen und kullerte hinunter an den Strand, wo Quincy auf mich wartete.

 

Auf dem Bauch liegend, über und über mit Sand paniert, hörte ich ihre Stimme dumpf durch den dicken Nebel, der mich nun umgab: „Ach, Merlin.“ Liebevoll, nicht streng. „Charly hatte Recht. Eins muss verflixt gut aufpassen auf dich, sonst riskierst du für Menschen, die du liebgewonnen hast, wirklich alles.“

 

Charly? Was redete Quincy da? Das musste mein umnebeltes Hirn falsch verstanden haben. Sie hatte bestimmt Mascha gesagt. Ganz bestimmt. Ich spürte, wie ich immer tiefer in dem Nebel versank, wollte mich schon ganz hineinfallen lassen, als mich Quincy anstupste.

Rabiat.

 

„Nein. Hiergeblieben. Du wirst mir jetzt nicht ohnmächtig, verstanden? Leg deine Pfote auf meinen Panzer. Merlin! Hast du gehört?“

 

Mühsam öffnete ich ein Auge.

 

„Leg eine Pfote auf meinen Panzer. Auf die pinkfarbene Stelle!“

 

Was zum Grünen Troll wollte diese Schildkröte von mir?

 

Ich hörte Quincy fürchterlich fluchen; dann spürte ich, wie sie mich mühselig auf die rechte Seite rollte und unter meine linke Vorderpfote kroch, sodass diese auf ihrem Panzer lag.

 

„Drück da drauf“, befahl sie.

 

Ich verstand noch immer nicht, was das sollte, tat ihr aber den Gefallen und schickte das letzte bisschen Kraft, das mir noch verblieben war, in diese Pfote und drückte sie fest auf Quincys Panzer. Und während ich das halb komatös tat, fiel mir wieder ein, was die besondere Fähigkeit magischer Schildkröten ist: Sie sind eine Art Notfallakku und können magische Tiere mit so viel Magie aufladen, dass es für einen Dimensionensprung zurück nach Hause reicht. Wie praktisch. Das hätte mir Quincy aber auch gleich sagen können, miau.

 

Nach etwa einer Stunde hörte ich ihre Stimme durch das immerhin schwächer gewordene Rauschen in meinem Kopf:

„Das reicht, kleiner Café au lait. Lass uns springen.“

 

Dann griff sie mit ihrem Bein nach einer meiner Pfoten und schon wirbelten wir durch Raum und Zeit – zurück in den Zauberwald. Zurück nach Hause.

 

Tja, meine zauberhaften Leser*innen, das war sie, die Geschichte meines Frankreich-Aufenthalts. Es war übrigens wirklich Charly gewesen, nicht Mascha, die mir Quincy geschickt hatte, auch wenn meine beste Freundin ebenfalls mit einer Schildkröte befreundet ist. Sie heißt Quentin und ist Quincys jüngerer Bruder. Ich hatte Quincys Bemerkung über Charly tatsächlich vergessen, bis ich anfing, die Geschichte für euch aufzuschreiben, und dabei versuchte, mich an jedes Detail dieser Zeit zu erinnern. Und so erkundigte ich mich sowohl bei Mascha als auch bei Charly endlich danach, wem ich die Rettung durch Quincy zu verdanken hatte. Charly gestand mir nach einigen Ausweichmanövern, dass sie es gewesen war. Sie hatte damals verhindern wollen, dass ihr einziger Neffe sein Leben als magischer Kater einfach so wegwarf und sie ihn womöglich nie wiedersah. Mau. Das rührt mich im Nachhinein schon. Sie kennt Quincy wohl aus ihrer Jugend; mehr war aus ihr leider nicht herauszubekommen.

 

Ich bin vier Wochen später, als ich wieder über genügend Magie verfügte, noch einmal durch die Dimensionen in das kleine Dorf gesprungen, zum einen musste ich ja meinen Lederbeutel noch aus meinem Schuppen holen und zum anderen wollte ich die ausgefallene Abschiedsrunde nachholen. Besonders Élise war erleichtert, mich gesund und munter zu sehen. Sie hatte sich wohl ganz schön Sorgen gemacht, erzählte sie mir bei einem allerletzten gemeinsamen Café au lait.

 

Ich erinnere mich gern an die Zeit am Atlantik, an Élise, Alain, Amélie, Madeleine, Oscar und so einige andere zurück. Das ganze Dörfchen hat mich damals wirklich liebevoll aufgenommen, miau, nicht wissend, dass ich ein Zauberkater in einer der schwersten Krisen seines Lebens war. Und dafür bin ich dankbar. Bis heute.

 

So, jetzt bleibt mir nur noch zu schreiben: Bis bald. Wir lesen uns.

 

Wie immer könnt ihr mir, wenn euch die Geschichte gefallen hat, hier oder auf meinen Social Media Accounts einen Kommentar hinterlassen. 

 

Es grüßt euch herzlich euer Merlin

 

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Hartmut (Sonntag, 18 Januar 2026 10:37)

    Liebe Merlin,
    auch wenn es eine traurige, aber wundervolle Geschichte ist, die von dir aufgeschrieben wurde und für meine Gefühlslage sehr nah an der Realität entlangsegelte, hast du sie ganz toll rübergebracht. Und ich kann nur sagen: Du hast nicht nur den Dorfbewohnern, nein, vor allen Dingen Julie und auch Madeleine unheimlich viel Freude und tiefe Entspannung gebracht.
    Auch wenn du es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht begriffen hast, konntest du so stolz auf dich sein. Und es ist toll, dass du es später noch geschafft hast, deinen Weg durch Quincy zurück zu gehen, zum Glück.
    Ich danke dir. Ich fand diese gesamte Geschichte einfach wunderschön.
    Was müssen Kinder heute und DIS-Systeme noch immer alles durchmachen? Ich hoffe, dass sich eines Tages alles ändern wird. Die Hoffnung stirbt zuletzt. ��

  • #2

    @energiepirat (Sonntag, 18 Januar 2026 13:56)

    Lieber Merlin,

    Auch diesmal erkenne ich in meinem Leben zentrale Dinge in Deinen Worten.

    "Menschen, die psychische Gewalt ausüben, durch Herabsetzungen, Beleidigungen, Demütigungen, Erniedrigungen, Drohungen, Auslachen, Schlecht-Machen oder auch einfaches Ignorieren, wollen ihre Opfer klein halten. Es ist wie jede Form der Gewalt ein Angriff auf das Innerstes eines Menschen, ein Angriff auf die Selbstsicherheit und das Selbstbewusstsein und führt genauso zu Traumafolgen wie körperliche und sexualisierte Gewalt und ist immer ein Teil dieser. Und wie immer geht es den Täter*innen um Macht und Dominanz."

    Du bringst es auf einen guten Punkt,

    Damit habe ich nun seit Jahren zu tun und es hat Spuren hinterlassen. Ich habe mich dem Kampf mit so einer Persönlichkeit gestell tund es hatte Folgen, aber ich habe bisher überlegt. Ich weiß, das ich diesen Kampf nie gewinnenkann, aber ich werde ihn auch nicht verlieren.

    Und gerade deshalb Danke ich Dir, Deine Beiträge helfen umgemein viel und geben mr Kraft. Ich würde gern einen Zauberwald haben, den ich besuchen kann, um drt zu regenerieren.

    Bis bald

  • #3

    firefly (Sonntag, 18 Januar 2026 16:20)

    Na fein, merlin, ich bin zu tränen gerührt, ganz toll. Und wirklich: ganz toll. die geschichte ist wunderschön. �

  • #4

    ALina (Samstag, 24 Januar 2026 14:10)

    Eine so berührende Geschichte, lieber Merlin ❤️‍� Du hast dort vielen Menschen Freude und Entspannung gebracht �

  • #5

    Jule (Montag, 26 Januar 2026 06:08)

    Lieber Merlin. Deine Geschichte ist so traurig und doch so wirklich. Glaubenssätze zu erkennen und dann auch noch abzulegen ist eine Lebensaufgabe. Danke, dass es dich und deine Geschichten gibt.